Google Pixel 3 Diese Smartphone-Kamera soll das iPhone abhängen

Die Frontseite des Pixel 3 XL (links) wird von einer unübersehbaren Einbuchtung am oberen Displayrand dominiert, der sogenannten Notch.

(Foto: SZ)
  • Google stellt jede Menge neue Hardware vor. Das einzige Produkt, das bald nach Deutschland kommt, ist das neue Pixel-Smartphone.
  • Das Pixel 3 setzt auf die Macht der Kamera. Google verspricht die besten Smartphone-Fotos, die derzeit möglich sind.
  • Die SZ konnte die Geräte vorab kurz ausprobieren. Tatsächlich wirken die Fotos überzeugend. Für ein endgültiges Fazit ist es aber noch zu früh.
Von Simon Hurtz

Das Google Pixel 3 ist das am schlechtesten gehütete Geheimnis der Tech-Branche. Das Blog 9to5Google hat seit Juni jeden einzelnen Leak des Smartphones dokumentiert. Es sind mittlerweile mehr als zwei Dutzend, der Artikel gleicht einem Fortsetzungsroman. Zwischendurch ging eine Charge mutmaßlicher Testexemplare verloren, die daraufhin auf dem ukrainischen Schwarzmarkt angeboten wurden. Sogar Google selbst machte sich mit einem selbstironischen Video darüber lustig. Selbst das leak-geplagte Apple schafft es besser, seine iPhones geheim zu halten.

Wer seine Freizeit vorzugsweise auf Techblogs verbringt und den bekannten Brancheninsidern auf Twitter folgt, erfährt beim Google-Event am Dienstagabend also kaum etwas Neues. Für alle anderen gibt es diesen Überblick.

Wie schon im vergangenen Jahr stellt Google jede Menge neue Hardware vor, darunter ein smartes Display (Home Hub) und ein Tablet mit Chrome-OS-Betriebssystem (Pixel Slate). Allerdings ist noch offen, ob und wann diese Geräte auf den deutschen Markt kommen. Was bei der Präsentation auffiel: Auf der Bühne waren Menschen unterschiedlicher Herkunft zu sehen, Frauen hatten viel Redeanteil. Das hat Google einigen Konkurrenten schon mal voraus.

Echte Wow-Effekte fehlen

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Das zentrale Produkt des Google-Events wird zeitnah in Deutschland erhältlich sein: Der Verkauf des Google Pixel 3 startet hierzulande am 2. November. Es ist Googles Antwort auf andere 1000-Euro-Handys wie das iPhone XS oder Samsungs Galaxy S9. Die SZ konnte das Smartphone vorab ausprobieren. Hier sind die ersten Eindrücke.

Zahlen und Fakten

Google bietet erneut zwei Smartphones in unterschiedlichen Größen an. Das 5,5-Zoll-Display des normalen Pixel 3 löst mit 2160 x 1080 Pixel auf, die XL-Version bietet 2960 x 1440 Pixel auf 6,3 Zoll. Beide Smartphones setzen auf Oled-Technologie. Der Bildschirm des Pixel 2 XL hatte Probleme mit Einbrennen und einen Blaustich bei bestimmten Blickwinkel. Diese Mängel sollen behoben sein. Google hat diesmal noch enger mit Lieferanten zusammengearbeitet und verspricht, dass das gesamte Smartphone aus einer Hand kommt.

Der Snapdragon 845 kann auf dem Papier nicht mit Apples aktuellem A12-Prozessor mithalten, und viele andere Hersteller verbauen mittlerweile mehr als 4 GB Arbeitsspeicher. In der Praxis dürfte sich das aber kaum bemerkbar machen. Bereits der Vorgänger gehörte zu den Android-Smartphones, bei dem Apps am schnellsten starteten und sich das Betriebssystem am flüssigsten bedienen ließ. Letztendlich ist das Zusammenspiel aus Hard- und Software wichtiger als die Leistungsdaten der verbauten Komponenten.

Optik und Haptik

Eigenwillig. So lassen sich die Entscheidungen von Googles Designern wohl am besten beschreiben. Eine massive schwarze Einbuchtung dominiert die Frontansicht des Pixel 3 XL. Diese sogenannte Notch bietet am oberen Displayrand Platz für einen der beiden Stereo-Lautsprecher und zwei Kameras. Apple hatte den Trend im vergangenen Jahr mit dem iPhone X gestartet (andere Hersteller waren noch früher dran, aber erst Apple machte das Design massentauglich) und löste damit erst Spott aus. Mittlerweile kommt kaum noch ein Smartphone ohne Notch auf dem Markt. Viele integrieren die Kerbe aber dezenter, als Google es tut.

Zusätzlich zum Notch am oberen Ende spendiert Google der XL-Version auch noch ein schwarzes Kinn unterhalb des Bildschirms. Auch das normale Pixel 3 weist schwarze Streifen an beiden Seiten auf. Andere Hersteller sind dem komplett randlosen Display schon deutlich nähergekommen. Wenn überhaupt, ist das ein ästhetischer Kritikpunkt: Im Alltagsgebrauch fallen die wenigen Millimeter verschenkte Bildschirmfläche kaum ins Gewicht. Insgesamt ähneln beide Smartphones ihren Vorgängern.

Die Verarbeitung wirkt beim ersten Anfassen gewohnt hochwertig. Das ist in diesem Preisbereich aber Standard. Die Rückseite ist diesmal komplett mit Gorilla-Glas überzogen, beim Pixel 2 kam teilweise Aluminium zum Einsatz. Das Smartphone liegt damit gut in der Hand, dürfte einen Falltest aber kaum ohne Schaden überstehen. Dementsprechend empfiehlt sich eine Schutzhülle, die das Handy zumindest hinten und an den Seiten umschließt. Der Fingerabdrucksensor befindet sich nach wie vor auf der Rückseite. Auf eine Technik ähnlich der von Apples Face-ID, die das Smartphone per Gesichtserkennung entsperrt, müssen Nutzer verzichten.

Kamera

Die größte Stärke des Pixel 2 war die Qualität der Fotos. Ein Jahr nach Verkaufsstart zählt die Kamera immer noch zu den besten. Glaubt man Google, wird der Nachfolger nochmal deutlich hochwertigere Fotos liefern. Der Weg, den Google dabei geht, ist ungewöhnlich: Im Gegensatz zu fast allen anderen Premium-Smartphones, die in diesem Jahr herausgebracht wurden, kommt das Pixel 3 ohne Dual-Kamera auf der Rückseite. Stattdessen verbaut Google zwei Frontkameras.

Zwei Kameras haben zwei entscheidende Vorteile: Das zusätzliche Tele-Objektiv ermöglicht echten optischen Zoom, der im Gegensatz zum Digitalzoom nicht nur den Bildausschnitt verändert und dann digital vergrößert, sondern den Bildinhalt tatsächlich näher heranholt. Außerdem können Smartphones mit unterschiedlichen Brennweiten und Blendenöffnungen Fotos mit Tiefenschärfe produzieren.

Google nutzt Machine Learning, um diesen sogenannten Bokeh-Effekt nachträglich zu berechnen. Das klappte beim Pixel 2 erstaunlich gut. Mitunter gingen aber Details wie Haare oder Wassertropfen verloren, weil die Software Vorder- und Hintergrund nicht richtig unterscheiden konnte. Die Bilder, die beim Hands-on entstanden, wiesen diese Problematik nicht mehr auf. Um die Fotoqualität abschließend zu beurteilen, sind aber ausführliche Tests mit unterschiedlichen Lichtverhältnissen nötig.

Auch den fehlenden optischen Zoom will Google mit leistungsfähiger Software wettmachen. Das Smartphone nutzt das leichte Zittern der Hände kurz vor und nach dem Auslösevorgang, um mehrere Einzelfotos zu erstellen. Die Informationen, die beim Zoomen verloren gehen, sollen durch Kombination der Bilder kompensiert werden. Das funktioniert auch auf einem Stativ, da sich der optische Bildstabilisator minimal bewegt.

Warum Google stattdessen nicht einfach zwei Kameras verbaut, so wie es fast alle anderen Hersteller machen, konnten die Mitarbeiter beim Vorführtermin nicht beantworten. Falls die Software-Lösung aber so gut funktioniert wie versprochen, müssen sich Nutzer nicht darüber ärgern. An einer grundsätzlichen Abneigung gegenüber Dual-Kameras kann es jedenfalls nicht liegen: Das zusätzliche Weitwinkelobjektiv vergrößert den Bildausschnitt. So können Menschen, die sich weigern, Selfie-Sticks zu benutzen, trotzdem Gruppenfotos machen.

Als praktisch könnten sich außerdem mehrere neue Funktionen erweisen, die Google seiner Kamera-App spendiert. Ähnlich wie bei Apple und Samsung lässt sich die Stärke des Bokeh-Effekts nachträglich anpassen. Der sogenannte Top-Shot-Modus erstellt bei jedem Foto ein kurzes Video, woraufhin künstliche Intelligenz daraus ein oder mehrere Bilder auswählt. Ein anderer Modus entscheidet selbstständig, wann der beste Moment ist, um die Aufnahme auszulösen. Die Machine-Learning-Technologie soll lächelnde Menschen erkennen und das bekannte Problem verhindern, dass auf dem schönsten Foto immer jemand blinzelt.

Software

Alle iPhones erhalten jedes iOS-Update zur gleichen Zeit: unmittelbar nach der Veröffentlichung. Je nach Hersteller kann es bei Android-Geräten auch mal ein halbes Jahr dauern, weil Unternehmen wie Samsung und Huawei darauf beharren, das pure Android optisch und funktional anzupassen - nicht immer zum Guten. Oft werden Smartphones bereits zwei Jahre nach Veröffentlichung gar nicht mehr mit Updates versorgt.

Bei Google laufen die Updates dagegen ähnlich reibungslos wie bei Apple. Das Pixel 3 wird mit dem unveränderten Android 9 ausgeliefert und integriert zusätzlich einige Pixel-exklusive Funktionen. Wer das Smartphone etwa umdreht und die flache Hand kurz auf der Rückseite ablegt, schaltet es stumm und versetzt es in den Do-Not-Disturb-Modus. Das könnte peinlichem Handyklingeln in Konferenzen ein Ende bereiten.

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Überhaupt legt Google gerade viel Wert auf ablenkungsfreie Smartphone-Nutzung. Technik solle den Menschen dienen, nicht umgekehrt, ist es seit einiger Zeit aus dem gesamten Silicon-Valley zu hören. Nach dem "Techlash" und Warnungen vor angeblicher Smartphone-Sucht reagieren die Firmen und wollen Nutzern Möglichkeiten an die Hand geben, den Umgang mit ihren Geräten zu kontrollieren und zu begrenzen.

Apple hat dafür in iOS 12 die Screen-Time-Funktion integriert, Google setzt auf die App "Digital Wellbeing". Nutzer erfahren, wie viele Benachrichtigungen sie erhalten und wie lange sie täglich auf ihr Smartphone schauen. Sie können Limits für einzelne Apps setzen und zu bestimmten Zeiten automatisch Push-Nachrichten deaktivieren oder das Display auf schwarz-weiß schalten. Bislang war Digital Wellbeing nur in einer Beta-Version auf Pixel-Geräten erhältlich. Mit dem Start des Pixel 3 will Google die Funktion bekannter machen.

Akkulaufzeit

Das normale Pixel 3 hat einen Akku mit 2915 Milliampere-Stunden. Beim XL wächst auch der Akku, hier misst er 3430 mAh. Die Laufzeit hängt stark von der individuellen Nutzung ab. Die beiden Vorgänger kommen mit einer Ladung problemlos durch den Tag, oft reicht auch ein Ladevorgang alle zwei Tage.

Im Lieferumfang befindet sich ein Schnelllade-Adapter, um das Pixel mit 18 Watt über USB-C aufzuladen. 15 Minuten an der Steckdose sollen Strom für bis zu sieben Stunden Nutzungszeit liefern. Beim Vorgänger kommt dieselbe Technik zum Einsatz. Hier reicht tatsächlich bereits kurzes Laden, um den Akku um 20 oder 30 Prozent zu füllen.

Preis

Das Pixel 3 kostet in der Einstiegsversion 849 Euro, der große Bruder ist 100 Euro teurer. Ebenfalls jeweils 100 Euro Aufschlag verlangt Google für eine Verdopplung des Speicherplatzes von 64 auf 128 GB. Geräte mit 256 oder 512 GB, wie sie Apple beim iPhone anbietet, fehlen leider. Das Pixel kommt in drei Farben: Schwarz, Weiß und ein zartes Rosa, das Google "not Pink" nennt. Diese neue Farbvariante gibt es in beiden Größen nur mit 64 GB. Neben dem Ladegerät liegen dem Pixel USB-C-Kopfhörer und ein Adapter bei, um alte Kopfhörer mit Klinkenanschluss weiter nutzen zu können.

Mit dem Pixel Stand wird das Pixel 3 XL drahtlos geladen und verwandeln sich in eine Art Smart-Display.

(Foto: SZ)

Pixel Stand

Das Pixel 3 kann erstmals drahtlos geladen werden. Das macht sich der Pixel Stand zunutze. Wer das Smartphone darauf platziert, lädt es auf und verwandelt es automatisch in einer Art smartes Display. Die Stereo-Lautsprecher auf der Vorderseite klangen beim kurzen Probehören für Smartphone-Verhältnisse durchaus brauchbar. Da Google den Home Hub vorerst nicht nach Deutschland bringt, könnte die Kombination aus Pixel und Pixel Stand könnte für einige Nutzer eine Alternative sein. Der Stand muss separat gekauft werden und kostet 79 Euro.

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