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Geheimdienst:Was Wikileaks-Dokumente über Russlands Überwachungsapparat verraten

UN Panel Rules That Wikileaks Founder Is Arbitrarily Detained

Wikileak mit strategischem Kern - Julian Assange muss sich von Russland distanzieren.

(Foto: Carl Court/Getty)

Mit der Veröffentlichung will sich Wikileaks vom Verdacht reinwaschen, eine russische Agenda zu verfolgen. Doch wie viel davon ist neu? Ein Einblick.

Die Veröffentlichung der "Spy Files Russia" am 20. September sollte die große Wende für Wikileaks bringen. Es handelt sich um eine Sammlung von Dokumenten der in St. Petersburg ansässigen Firma Peter-Service, einem russischen Hersteller von Überwachungsausrüstung. Mit ihnen wollte Wikileaks-Chef Assange seine Organisation von den russischen Geheimdiensten distanzieren.

Denn seit Langem wird Wikileaks vorgeworfen, mit diesen zusammenzuarbeiten. So wurde etwa im Fall des geleakten E-Mail-Verkehrs der Demokratischen Partei vor den US-Wahlen 2016 der Kreml als Quelle ins Spiel gebracht. Auch wurde der Webseite vorgeworfen, die Veröffentlichung von sensiblem Material über die russische Regierung zu vermeiden. Die Spy Files Russia lassen sich zumindest in Teilen als Antwort auf diese Kritik verstehen.

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Wikileaks war nämlich nicht der erste Empfänger dieser Dokumente, wohl aber der erste, der sich dazu entschloss, sie zu veröffentlichen. Bereits seit Monaten hatten einige Journalisten ebenfalls Zugang zu den Geheimdokumenten, entschieden sich aber zu passen, da keine wirkliche Geschichte in den Dokumenten zu stecken schien.

Das Thema ist nicht neu. Das russische Überwachungsprogramm SORM (System operativer Suchmaßnahmen), mit dem der Inlandsgeheimdienst FSB Telefon- und Internetdaten abfängt und speichert, steht seit Jahren im Fadenkreuz von Journalisten und Forschern. So wurde unter dem Namen "Russlands Überwachungsstaat" von Privacy International (London), Citizen Lab (Toronto) und unserer Webseite Agentura.ru bereits im Oktober 2012 ein Gemeinschaftsprojekt ins Leben gerufen, das sich SORM sowie den Unternehmen widmet, die für SORM die Technologie und Ausrüstung liefern. In einem gemeinsamen Bericht mit Privacy International enttarnten wir dabei Peter-Service als eines dieser Unternehmen.

Die Dokumente enthalten keine wirklich brisanten Informationen

Die nun auf Wikileaks veröffentlichten Dokumente zu SORM sind rein technischer Natur. Sie enthalten keine Informationen über die Kunden oder Verträge des Unternehmens. Der FSB, der als wichtigster Sicherheitsdienst im Land für das nationale Überwachungssystem zuständig ist, wird kein einziges Mal erwähnt. Deshalb begegnete man den Veröffentlichungen in Russland mit Skepsis, obschon sie von Aktivistenseite als Schritt in die richtige Richtung gelobt werden, sofern sie die Frage nach der russischen Überwachung auf internationaler Ebene aufwerfen.

Was also fügen die Papiere dem Gesamtbild an Neuem zu? SORM ist das nationale Abhörsystem in Russland. Die taktischen und technischen Grundlagen von SORM wurden Mitte der Achtzigerjahre nach dem Vorbild des Überwachungsapparats der Stasi von einem KGB-Forschungsinstitut entwickelt. Auch als neue Technologien entwickelt wurden, zog SORM mit. So durchdringt und überwacht es heute von traditionellen Telefonaten angefangen bis zu E-Mails, Chats und Social Media alle Formen der Kommunikation. Technisch gesehen besteht das System aus drei Teilen: Erstens gibt es eine SORM "Blackbox", die auf dem Gelände des Internet-Service-Providers steht und den Datenverkehr überwachen kann. Zweitens gibt es einen Kontrollpunkt in den örtlichen Büros der Geheimdienste. Und drittens ein geschütztes Kabel zwischen diesen beiden Punkten.

In jeder Stadt des Landes sind die Telekom-Anbieter mit den örtlichen Zweigstellen der Geheimdienste verbunden. Doch anders als im Westen dient diese Verbindung nicht dazu, einen etwaigen Gerichtsbescheid an das Personal des jeweiligen Telekom-Unternehmens zu schicken, damit diese mit dem Abhören beginnen können. Vielmehr nutzen ihn die Beauftragten des Sicherheitsdiensts als direkten Zugang.

Damit wird das russische System sehr undurchsichtig. Die Anbieter haben keinen Zugang zu den SORM-Blackboxen, sie bekommen keine Gerichtsbescheide gezeigt und wissen auch nicht, welche Kommunikation abgefangen wird. Diese umfangreiche Geheimhaltung geht aber noch weiter: Denn während zwar einiges über die SORM-Blackboxen, die bei den Internetprovidern installiert sind, bekannt ist, weiß man über die "Kontrollpunkte" in den Büros des FSB nur wenig.

Der Leak liefert Einblicke in die Denkweise russischer Ingenieure

Zu diesem Bereich des SORM-Abhörsystems bringen die Peter-Service-Dokumente nun etwas Licht ins Dunkel. Man erfährt Einzelheiten zur Schnittstelle des Datenaustausches zwischen Telekommunikationsunternehmen und Geheimdiensten. Allerdings geht es dabei nur um das Abhören von Telefonanrufen, nicht um die Überwachung des Internetverkehrs. Die Dokumente sind damit zwar keine brisante Enthüllung, aber ein wichtiger Beitrag.

Das Leak liefert außerdem Einblicke in die Denkweise der russischen Ingenieure, die in der Überwachungsindustrie des Landes arbeiten. Der Peter-Service-Leak ist dazu nicht die erste Veröffentlichung von Wikileaks. Bereits im Dezember 2011 wurde eine Datenbank mit Unternehmen publiziert, die auf der ganzen Welt Überwachungsgeräte verkaufen, auch an Länder mit repressiven und autoritären Regimes. Zwar waren die meisten Verkäufer westliche Unternehmen, doch fanden sich darunter auch zwei russische Vertreter.

Im Jahr 2012 befragte ich diese Firmen zu ihren Wikileaks-Enthüllungen. Eine dieser Firmen war Protei. Als ich mit einem Kopf von Proteis SORM-Abteilung sprach, stellte sich heraus, dass er die Nutzung seiner Produkte nicht hinterfragt. "Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht, weil mich das Ganze nicht stört", sagte er mir. "Sowieso sind wir nicht die Einzigen, die solche Technik produzieren."

Ein paar Monate später schickte er mir eine E-Mail: "Viele Verbrechen konnten mit Hilfe dieser Technologien gelöst werden. Natürlich kann auch alles zum Schlechten verwendet werden, aber das hängt nicht mit den Herstellern zusammen." In anderen Worten: Die Schuld trifft nicht die Ingenieure. Auch ein Vertreter des zweiten Unternehmens stimmte seinem Kollegen von Protei bei: "Wenn Regierungen die Gespräche der Leute abhören, ist das nicht die Schuld des Mikrofons!"

Viele russische IT-Spezialisten haben keinen moralischen Kompass

Dieses Selbstverständnis wurzelt tief im Denken der Sowjetunion. Sowjetische Ingenieure waren angehalten, an ihren Projekten zu arbeiten, ohne dabei das große Ganze zu hinterfragen. Der Horizont ihrer Ausbildung war außerordentlich eng. Anders als Ärzte, die man in Ethik unterrichtete, wurden sowjetische Ingenieure zu reinen technischen Bediensteten des Staates ausgebildet. Schlimmer noch: Der einzige Zweck dieser großen, technischen Intelligenzija bestand darin, einem riesigen, militärischen Industriekomplex zu dienen.

Und im Inneren dieses Reiches befand sich noch ein weiteres Archipel: die geheimen Forschungszentren für das KGB. Infolge dieser Politik wurden Generationen von Ingenieuren ohne jegliches politisches Verständnis ausgebildet, die nur darauf aus waren, für den militärischen Industriekomplex und die Geheimdienste zu arbeiten. Der Zusammenbruch der Sowjetunion brachte dann neue Technologien, aber keine neue Denkweise. Weshalb dieselbe ethische Blindheit von vielen russischen IT-Spezialisten übernommen wurde.

Eine extrem nationalistische Präsentation war öffentlich zugänglich

Das aktuelle Wikileak um die Peter-Service-Dokumente erzählt eine noch erschreckendere Geschichte. Denn es enthält eine Präsentation von Valery Syssik, einem Entwicklungsdirektor des Unternehmens, gehalten auf dem Russland-Forum zu Breitband-Internetzugängen im Jahr 2013. Der Vortrag bespricht unter anderem Technologien, die Informationen sammeln und analysieren, und beschäftigt sich mit der Frage, wie sich daraus Vorhersagen zu sozialen und wirtschaftlichen Trends treffen lassen. Allein der Untertitel der Präsentation "Der Schlüssel zur digitalen und finanziellen Souveränität des Staates und der Wirtschaft im 21. Jahrhundert" gibt einen Einblick in die Denkweise des Unternehmens.

Syssik beginnt mit einem Angriff auf die "Angelsachsen", also Briten und Amerikaner, die angeblich einen Weg gefunden hätten, die menschliche Geschichte zu kontrollieren (diese Folie heißt "Als wir anfingen, unsere Positionen einzubüßen", wobei die Antwort lautet: um 1913). Dann fährt er mit einem Zitat des russischen Zaren Alexander III. fort: "Russland hat nur zwei Verbündete - die Armee und die Flotte." In diesem Geiste wird gefordert, dass sich die Russen auf ihre eigenen Kräfte verlassen sollten. Im Anschluss greift Syssik die Unternehmen Facebook, Google, Skype und Apple an, beschuldigt sie der geistigen Manipulation und endet mit einem Appell an die russischen Telekom-Unternehmen: "Denken Sie daran, für wen Sie Ihre Netzwerke bauen!"

Diese extrem nationalistische Präsentation ist noch nicht einmal vertraulich. Wikileaks gibt zu, dass die Präsentation auf der Website von Peter-Service öffentlich zugänglich ist. Das bedeutet aber, dass diese Denkweise nicht mehr als grenzwertig oder riskant für die Wirtschaft gilt. Sie ist vielmehr eine legitime Version dessen, was man in einem Forum von Fachleuten heute sagen darf, wenn es um technische Fragen in der russischen Internet-Infrastruktur geht, und damit Teil einer neuen russischen Realität.

Der Autor ist investigativer Journalist, Russlands führender Experte für russische Geheimdienste und Gründer der Seite Agentura.ru. Aus dem Englischen von Maximilian Sippenauer.

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