Private Daten Teil 2: Das weiß Facebook über mich - tatsächlich

Im April musste sich Mark Zuckerberg im US-Kongress rechtfertigen, weil Facebook persönliche Daten von Millionen Nutzern mit Drittfirmen geteilt hatte. Der kalifornische Abgeordnete Jerry McNerney fragte ihn, ob es möglich sei, alle Informationen herunterzuladen, die Facebook über ihn gespeichert habe, inklusive der Webseiten, die er besucht habe. Ja, antwortete Zuckerberg, diese Download-Option gebe es seit Jahren, und sie beinhalte alle Facebook-Inhalte. Es folgte ein interessanter Dialog:

McNerney: "Meine Mitarbeiter haben heute Morgen ihre Informationen heruntergeladen, und ihr Browsing-Verlauf ist nicht enthalten. Sie sagen also, dass Facebook den Verlauf nicht hat?"

Zuckerberg: "Das stimmt. Wenn wir dort keinen Inhalt haben, dann bedeutet das, dass Sie das nicht auf Facebook haben. Oder nicht hinzugefügt haben."

McNerney: "Das kann ich nicht ganz nachvollziehen. Gibt es irgendwelche anderen Informationen, die Facebook selbst über mich gesammelt hat oder von Dritten erhalten hat, die nicht im Download enthalten sein könnten?"

Zuckerberg: "Soweit ich weiß sind alle Informationen enthalten."

In einer Pause der Anhörung besprach sich Zuckerberg mit seinen Mitarbeitern und korrigierte seine ursprüngliche Aussage. Demnach seien die besuchten Webseiten kein Bestandteil des Archivs und könnten nicht heruntergeladen werden. Angeblich würden sie nur temporär gespeichert, bis Facebook den Browsing-Verlauf entsprechenden Werbezielgruppen zugeordnet habe.

Selbst wenn man dieser Beteuerung glaubt, ist Zuckerbergs Statement alarmierend: Entweder, der Facebook-Chef lügt und versucht bewusst, die Öffentlichkeit zu täuschen, bis er merkt, dass ihm das auf die Füße fallen wird. Oder er hat selbst den Überblick verloren, welche Daten Facebook erhebt und welche Informationen Nutzer herunterladen und kontrollieren können.

Facebook verkauft keine Daten, sondern Aufmerksamkeit

Wenn über Facebook und Datenschutz diskutiert wird, etwa nach der Cambridge-Analytica-Affäre, gerät einiges durcheinander. Facebook verkauft nicht meine Daten, sondern meine Aufmerksamkeit. Nicht die Nutzer sind das Produkt, sondern die Zeit, die diese auf Facebook verbringen. Bei Google ist es dasselbe: Würden diese Unternehmen tatsächlich Nutzerdaten zum Kauf anbieten, wären sie schlagartig wertlos. Der Datenschatz ist das wichtigste Kapital von Facebook und Google. Niemals würden sie ihn freiwillig Dritten überlassen.

Persönlich sind Sie und ich für Facebook uninteressant. Es geht nur darum, Nutzer in möglichst fein abgestufte Zielgruppen für Werbetreibende einzuordnen, damit die Kunden passende Anzeigen schalten können. Die Recherche-Organisation Pro Publica hat mehr als 52 000 Attribute zusammengetragen, auf die Facebook dafür zurückgreift. Die Kategorisierung basiert nur teilweise auf den Daten, die in Ihrem Archiv enthalten sind. Darüber hinaus sammelt Facebook weitere Informationen über Sie - ohne, dass Sie es merken, und ohne, dass Sie diese einsehen können.

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Mit seinen Like-Buttons hat Facebook das World Wide Web verwanzt. Jede Webseite, die diese Schaltfläche oder ein anderes Facebook-Element einbindet, übermittelt Informationen: Facebook erfährt, wer diese Webseite besucht. Ob Nutzer bei Facebook angemeldet sind oder nicht, spielt keine Rolle. Selbst wer gar kein Konto besitzt, landet auf Facebooks Servern. Der Verlauf der aufgerufenen Webseiten verrät oft mehr über die Persönlichkeit als Beiträge und Fotos, die man freiwillig teilt.

Anfang Mai hat Facebook die Funktion "Clear History" angekündigt. Damit sollen Nutzer die Webseiten und Apps sehen können, "die uns Informationen senden, wenn du sie benutzt". Das Tool werde es ermöglichen, diese Daten zu löschen und die künftige Speicherung zu deaktivieren. Das werde "einige Monate" dauern. Seitdem hat sich Facebook nicht mehr dazu geäußert.

Facebook sammelt viel mehr Daten, als Nutzer ahnen

Noch genauer beobachtet Facebook Ihr Verhalten, wenn Sie durch Ihren Newsfeed scrollen, sei es in der App oder auf der Webseite. Wie lange betrachten Sie ein Foto, das Sie schließlich doch nicht liken? Wie lange verharrt der Cursor über einem Link, selbst wenn Sie ihn gar nicht anklicken? Wann scrollen Sie schnell, wann scrollen Sie langsam? Welche Artikel öffnen Sie nur kurz, um direkt im Anschluss wieder zu Facebook zurückzukehren? Wie viel Zeit verbringen Sie auf Nachrichtenseiten, die Sie über Facebook aufgerufen haben?

Das sind nur einige der öffentlich bekannten Kriterien, die Facebook verwendet, um Nutzern personalisierte Inhalte anzuzeigen. Buzzfeed hat 18 Dinge aufgelistet, die Facebook trackt, ohne dass sich die Nutzer dessen bewusst sein dürften. Dazu zählen etwa die - neben Facebook - installierten Apps, die Namen der auf dem Smartphone gespeicherten Dateien, die Verbindungsgeschwindigkeit und die verbleibende Akkulaufzeit. Wie das die Algorithmen beeinflusst, die Inhalte für den Newsfeed auswählen, ist nicht bekannt.

Klar ist nur: Je mehr Zeit Nutzer auf Facebook verbringen, desto mehr Werbung kann Facebook einblenden, desto mehr Geld verdient Facebook. Das Geschäftsmodell beruht also darauf, dass die Inhalte im Newsfeed relevant sind. Dementsprechend versucht Facebook, möglichst viel über die Interessen seiner Nutzer herauszufinden.

Wirklich anonym ist im Internet fast gar nichts mehr

Dazu zapft Facebook alle möglichen Quellen an. Man arbeite "mit einer auserlesenen Gruppe externer Datenanbieter zusammen", heißt es in einer Erklärung im Support-Bereich. Das solle Unternehmen helfen, "sich mit Personen zu verbinden, die möglicherweise an ihren Produkten oder Dienstleistungen interessiert sind." Die Daten kommen von Dienstleistern wie Acxiom, Datalogix, Epsilon, Experian und Quantium, die ihrerseits online und offline Daten zusammentragen. 2013 schrieb die Zeit: "So kann man bei Acxiom beispielsweise eine Liste mit allen Latinos kaufen, die Linkshänder sind und über 40.000 Dollar im Jahr verdienen." Das Unternehmen besaß zu diesem Zeitpunkt nach eigenen Angaben im Schnitt mehr als 1500 Datenpunkte zu fast jedem US-Amerikaner und 44 Millionen Deutschen.

Wer sich um seine Privatsphäre sorgt, darf nicht nur Facebook betrachten. Firmen wie Acxiom verdienen Geld, indem sie riesige Datensammlungen anlegen und vermarkten. Amazon weiß viel mehr über seine Nutzer, als diese ahnen. Twitter-Nutzer befüllen einer Studie zufolge "144 obskure Datenfelder" und können allein anhand der Metadaten identifiziert werden. Und Google ist vielleicht nicht böse, aber einer der größten privaten Datensammler der Welt - von Geheimdiensten wie der NSA erst gar nicht zu reden.

All das ist kein Grund zur Panik. Der einzelne Nutzer ist für Unternehmen und Staaten eher uninteressant. Aber wenn Sie sich online bewegen, sollten Sie sich über eines im Klaren sein: Der berühmte Satz, dass "niemand im Internet weiß, dass Sie ein Hund sind", gilt schon lange nicht mehr. Spuren hinterlassen Sie immer.

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