Android-App Facebook speicherte jahrelang Anruf- und SMS-Verlauf

Diesen Text sehen Nutzer, wenn sie auf ihrem Android-Smartphone den Facebook Messenger installieren. Angeblich konnte Facebook bis Oktober 2017 auf den Anruf- und SMS-Verlauf zugreifen, ohne explizit um Erlaubnis zu fragen.

(Foto: Screenshot / Caspar von Au)
  • Facebook hat angeblich ungefragt Anruf- und SMS-Verläufe von bestimmten Android-Nutzern gespeichert.
  • Das Sammeln soll bis Oktober 2017 möglich gewesen sein.
  • Facebook behauptet, Nutzer hätten dieser Funktion explizit zustimmen müssen. Ein Artikel des Tech-Portals Ars Technica widerspricht dieser Darstellung.
Von Caspar von Au

Facebook-Nutzer wissen, dass Facebook verdammt viel über sie weiß: Was sie liken, welche Fotos sie machen und mit wem und worüber sie im Messenger reden. Die Datensammelwut geht aber noch deutlich weiter: Bei einem Teil seiner Mitglieder protokolliert das Netzwerk auch die Verläufe aller SMS und ausgehender sowie eingehender Anrufe. Das hat ein Nutzer vor ein paar Tagen bemerkt, als er sein eigenes Facebook-Archiv durchgeschaut hat.

Der neuseeländische Entwickler Dylan McKay entdeckte, dass Facebook zwischen November 2016 und Juli 2017 Metadaten all seiner Anrufe und SMS gespeichert hat: Zeit und Datum, Name, Länge der Gespräche, ob eine Nachricht gesendet oder empfangen wurde. Dabei nutzte McKay den Messenger gar nicht für SMS. Er hat Auszüge seines Archivs auf Twitter veröffentlicht.

Zahlreiche andere Nutzer berichten von ähnlichen Daten in ihren Facebook-Archiven. Das Problem betrifft jedoch nicht alle Facebook-Mitglieder. Bei einem Test der SZ-Redaktion tauchten in dem Archiv keine Daten über Anrufe oder Textnachrichten auf. Wenn Sie Ihr eigenes Archiv prüfen wollen, können Sie eine Kopie Ihrer Facebook-Daten über die Einstellungen in ihrem Account herunterladen und einsehen.

Um zu überprüfen, ob Sie einer der Facebook-Apps die Berechtigung erteilt haben, Metadaten Ihrer Anrufe und SMS zu speichern, müssen Sie einen Blick in die Einstellungen der jeweiligen App werfen. Im Messenger tippen Sie auf Ihr Profilbild oben rechts, unter dem Reiter "Personen" können sie die Einstellung "Kontiniuierlicher Anruf- und SMS-Abgleich" deaktivieren. In Facebook Lite finden Sie die "Einstellungen" über den Menü-Reiter oben rechts. Mit einem Regler aktivieren oder deaktivieren Sie, dass die App Ihren "Anruf- und SMS-Verlauf" hochlädt.

Wie das Tech-Portal Ars Technica schreibt, haben weitreichende Berechtigungen in älteren Android-Versionen Facebooks Datensammlung ermöglicht. Bis zu Android-Version 4.1 ("Jelly Bean") konnten Apps auf SMS- und Anrufverlauf zugreifen, wenn Nutzer bei der Installation zustimmten, dass die App auf Kontakte zugreifen darf. Diese Schnittstelle wurde erst 2017 komplett deaktiviert. Bis zu diesem Zeitpunkt soll das Unternehmen so in der Lage gewesen sein, Metadaten von SMS und Anrufen zu speichern, ohne Nutzer explizit nach ihrer Zustimmung zu fragen.

Facebook widerspricht dieser Darstellung in einer Stellungnahme, die das Unternehmen als "Fact Check" bezeichnet. Darin heißt es: Das Speichern von Anruf- und SMS-Verläufen sei Teil eines sogenannten Opt-in-Features für den Messenger und Facebook Lite. Opt-in bedeutet, dass der Nutzer dieser Funktion ausdrücklich zustimmen muss.

Facebook soll auch Telefondaten gesammelt haben

Das Teilen von Telefonnummern, Anruf- und SMS-Verläufen soll Facebook zufolge dazu dienen, einfacher seine Freunde auf der Plattform zu finden. Auf Wunsch synchronisiert Facebook diese Daten fortlaufend. Inhalte der Anrufe und Textnachrichten würden nicht gespeichert, die Informationen niemals an Dritte verkauft werden, schreibt das Unternehmen in seiner Stellungnahme: "Du hast immer die Kontrolle über die Informationen, die du mit Facebook teilst."

Ars Technica hat wiederum auf diese Stellungnahme reagiert: Weder Dylan McKay noch der Autor - der ebenfalls entsprechende Daten in seinem Facebook-Archiv gefunden hatte - hätten jemals eingewilligt, dass Facebook die Verläufe speichern dürfe. Der Artikel wirft Facebook vor, die angebliche Opt-in-Option sei in beiden Fällen standardmäßig aktiviert gewesen. Die Nutzer seien nicht informiert worden, dass diese Daten gesammelt würden. Unklar sei auch, warum Zeit, Datum und Gesprächslänge jahrelang abgespeichert werden müssten, um neue Freunde auf Facebook zu finden.

Auf eine SZ-Anfrage hat Facebook bislang nicht reagiert. Wir ergänzen den Artikel, sobald wir eine Antwort auf unsere Fragen erhalten.

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