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Lügen über Covid-19:Wie Facebook die Impfokalypse verhindern will

Protestkundgebung Initiative 'Querdenken' - Impfgegner

Impfgegner schüren auch auf Facebook immer wieder Ängste vor der Corona-Impfung. Das Unternehmen will Falschinformationen zu Themen wie Impfung und Masken jetzt konsequenter löschen.

(Foto: Christoph Schmidt/dpa)

Facebook will Lügen und Gerüchte über die Corona-Impfung ab sofort konsequent löschen. Die Maßnahmen sind wichtig, Richtlinien allein dürften aber nicht reichen.

Von Simon Hurtz, Berlin

Corona ist Mist. Darauf können sich alle einigen. Jeder wünscht sich ein normales Leben zurück. Auch über den Weg zu diesem Ziel herrscht weitgehend Konsens. Je mehr Menschen sich impfen lassen, desto schneller geht die Pandemie vorbei. Eine kleine, aber lautstarke Minderheit sieht das anders: Radikale Impfgegner verbreiten Lügen und schüren unbegründete Ängste.

Dieser Desinformation sagt Facebook nun den Kampf an. "Wir verstärken unsere Bemühungen, falsche Behauptungen über Covid-19, Covid-19-Impfstoffe und Impfstoffe im Allgemeinen während der Pandemie auf Facebook und Instagram zu entfernen", schreibt Facebook-Manager Kang-Xing Jin. Auf beiden Plattformen sollen Fehlinformationen zu Gesundheitsthemen ab sofort konsequent gelöscht werden.

Damit verschärft Facebook sein Vorgehen gegen die Infodemie, vor der die Weltgesundheitsorganisation WHO bereits im vergangenen Frühjahr warnte. Die neuen Richtlinien gehen aber ein ganzes Stück weiter als frühere Maßnahmen. In seinem Hilfebereich listet Facebook eine Vielzahl falscher Behauptungen auf, die künftig nicht mehr erlaubt sind. Um die aktualisierte Seite zu sehen, muss man die Sprache erst auf Englisch umstellen. Auf Nachfrage versichert Facebook, dass die Policy trotzdem unverzüglich und weltweit greift.

WHO sieht Impfskepsis als Gesundheitsgefahr

Sucht man dort nach dem englischen Begriff für Impfstoff, also "vaccine", dann tauchen dutzende Behauptungen auf, die Facebook ab jetzt löschen will: Die Corona-Impfung sei wirkungslos, verursache Autismus, verändere das Erbgut, mache unfruchtbar, verwandle Geimpfte in Affen oder implantiere heimlich Mikrochips. Solcher Unsinn wird regelmäßig in sozialen Medien verbreitet.

Dass Facebook nicht mehr länger mit ansehen will, wie Lügen und Gerüchte Panik auslösen, ist überfällig. Impfungen sind eine der wichtigsten Errungenschaften der Wissenschaft. Sie retten jedes Jahr Millionen Leben, etliche schwere Krankheiten konnten zurückgedrängt werden. Expertinnen und Experten warnen seit Monaten, dass gezielte Desinformation die Bereitschaft senken könnte, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen.

Auch die WHO schätzt die Impfgegner als gefährlich ein: Bereits 2019 zählte die Organisation die Anti-Impf-Bewegung zu den zehn größten Gefahren für die globale Gesundheit. Krankheiten wie die Masern können auch deshalb nicht ganz ausgerottet werden, weil in westlichen Ländern Impfskeptiker Stimmung gegen die Spritzen machen. Das gilt umso mehr für die Corona-Pandemie, bei denen sich jahrzehntealte Vorurteile gegen Impfungen mit absurden Verschwörungserzählungen vermischen.

Facebook öffnet einen Graubereich

Facebooks neue Richtlinien umfassen aber auch Behauptungen, bei denen die Faktenlage weniger eindeutig ist. Die Soziologin Zeynep Tufekci, die in den vergangenen Monaten viel zum Coronavirus publizierte, weist auf Twitter auf mögliche Probleme hin. Wenn Facebook seine neuen Richtlinien konsequent durchsetze und auch rückwirkend lösche, müsse es einen Großteil der öffentlich geäußerten Empfehlungen aus den ersten sechs Monaten der Pandemie entfernen. Dazu zählten die Ratschläge der WHO, der US-Seuchenbehörde CDC und die Berichterstattung etlicher großer Zeitungen.

Tatsächlich dauerte es lange, bis Gesundheitsorganisation einstimmig empfahlen, Mund und Nase zu bedecken. Mittlerweile ist es wissenschaftlicher Konsens, dass Masken ein wichtiger Bestandteil im Kampf gegen die Pandemie sind, doch nach wie vor herrscht nicht in allen Ländern eine Maskenpflicht. Trotzdem verbietet Facebook nun alle Behauptungen, die nahelegen, dass Masken die Ausbreitung von Covid-19 nicht verhinderten.

Natürlich spielen der Kontext und der Tonfall, in dem solche Behauptungen aufgestellt werden, eine entscheidende Rolle. Die meisten Menschen dürften in der Lage sein zu erkennen, ob jemand Ängste schüren will oder sachlich über die aktuelle Studienlage diskutiert. Ob das den Zehntausenden Content-Moderatorinnen und Moderatoren, die im Auftrag von Facebook unter großem Zeitdruck Inhalte sichten und löschen, genauso zuverlässig gelingt, ist fraglich - von Facebooks automatisiertem Sperrsystem, das auch bei eindeutigen Fällen Fehler macht, erst gar nicht zu reden.

Entscheidend ist die Durchsetzung

Auf diese Bedenken angesprochen sagt eine Facebook-Sprecherin, die neuen Richtlinien seien gemeinsam mit Gesundheitsorganisationen wie der WHO entwickelt worden. Allerdings werde es eine Weile dauern, menschliche Moderatorinnen und maschinelle Filter entsprechend zu trainieren.

Am Ende wird es ohnehin weniger auf jedes Detail der Maßnahmen ankommen, sondern eher um die Frage, wie Facebook sie durchsetzt. Schließlich hat das Unternehmen seine Richtlinien zum Umgang mit gefährlicher Desinformation im Laufe des vergangenen Jahres immer wieder verschärft. Trotzdem nannte ein Avaaz-Bericht Facebooks Algorithmus im August eine "Gefahr für die öffentliche Gesundheit", Instagram ist immer noch voller Impf-Unsinn. Wer dort nach "vaccine" sucht, bekommt an prominenter Position etliche Accounts angezeigt, die Lügen verbreiten und Panik schüren.

© SZ/mxm
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