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Coronavirus:Warum die Infodemie genauso gefährlich ist wie die Pandemie

Donald Trump

Unsinn im Weißen Haus: Donald Trump bei einem Pressebriefing über das Coronavirus.

(Foto: AP)
  • In Krisenzeiten verbreiten sich Gerüchte und Falschinformationen besonders schnell.
  • Auch Donald Trump verharmlost die Gefahr, die vom Coronavirus ausgeht.
  • Republikaner nehmen Covid-19 deutlich weniger ernst als Demokraten und wollen ihr Leben nicht einschränken - mit tödlichen Folgen für viele Alte und Kranke.

Von Simon Hurtz

In den vergangenen Tagen sind drei Dinge passiert, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: In Deutschland erzählt eine Frau Unsinn, die sich "Poldis Mama" nennt. In den USA erzählt ein Mann Unsinn, der Präsident der Vereinigten Staaten ist. Auf der ganzen Welt infizieren sich Zehntausende Menschen neu mit dem Coronavirus.

Tatsächlich hängen diese Ereignisse eng miteinander zusammen. In einer Sprachnachricht behauptet eine Frau, angeblich die "Mama von Poldi", die Uniklinik Wien habe herausgefunden, dass Ibuprofen die Gefahr erhöhe, schwer an Covid-19 zu erkranken. Obwohl die Forscher schnell dementieren, verbreitet sich die Falschinformation massenhaft über Whatsapp.

Noch mehr Menschen erreichen die Lügen und irreführenden Behauptungen, die Donald Trump über das Coronavirus in die Welt setzt. Seit Wochen sagt der US-Präsident, er habe alles im Griff, bald werde es keine Infizierten mehr geben, und ein Impfstoff sei gut wie fertig. Nichts davon stimmt.

Poldis angebliche Mama und Donald Trump sind zwei Akteure, die dazu beitragen, dass die virologische Pandemie von einer viralen Infodemie begleitet wird. Gerüchte, Halbwahrheiten und Falschnachrichten verbreiten sich rasant. Natürlich steckt die digitale Desinformation allein niemanden an - aber sie erzeugt Unsicherheit und kann dazu führen, dass Menschen sich unvorsichtig verhalten. In Zeiten einer Pandemie kann das eine Frage von Leben und Tod sein.

Tedros Adhanom Ghebreyesus hat das frühzeitig erkannt. "Wir bekämpfen nicht nur eine Pandemie, wir bekämpfen eine Infodemie", sagte der Chef der Weltgesundheitsorganisation WHO vor einem Monat. "Falschnachrichten verbreiten sich schneller als das Virus, und sie sind genauso gefährlich." Sein WHO-Kollege Michael Ryan sieht das ähnlich: "Wir brauchen einen Impfstoff gegen Falschinformationen", sagte er.

Dieses Mittel scheint weit entfernt zu sein: Dem Factchecking-Dienst Newsguard zufolge wurden irreführende oder falsche Informationen über das Virus bis Anfang März mehr als 50 Millionen Mal geteilt oder kommentiert - 142 Mal öfter als Inhalte offizieller Quellen wie der WHO. Dazu zählt etwa das Netzwerk "Natural News", das sich Seiten wie FactCheck.news oder Pandemic.news gesichert hat und dort hanebüchene Verschwörungstheorien veröffentlicht.

Auch Menschen, die es gut meinen, teilen falsche Informationen

In vielen Unternehmen fällt der Flurfunk aus, weil Angestellte zu Hause arbeiten - aber es gibt ja soziale Medien und Messenger wie Whatsapp, über die jeder alle möglichen Informationen teilen kann. Einige der Gerüchte werden mit bösartigen Absichten gestreut: um Menschen zu verunsichern, Rassismus zu schüren, fragwürdige Produkte zu verkaufen oder die Furcht vor dem Coronavirus zu nutzen, um Computerviren zu verbreiten.

Fragwürdige Behauptungen werden aber auch von Menschen geteilt, die es gut meinen. In Krisenzeiten hätten Gerüchte und Desinformation immer Konjunktur, sagt Professor Kate Starbird, die an der University of Washington zu Kriseninformatik und Krisenkommunikation forscht. Wenn Menschen unsicher sind und Angst haben, versuchen sie, möglichst viele Informationen zu gewinnen, um die Lage besser einschätzen zu können. Früher war es schwer, überhaupt irgendetwas zu erfahren - heute erfährt man mehr als man eigentlich wissen wollte. "Das Problem ist ein Überangebot an Informationen", sagt Starbird.

Mit psychologischen Konzepten können Kognitionswissenschaftler erklären, warum es menschlich ist, auf Falschinformationen hereinzufallen. Der Bestätigungsfehler besagt, dass man Informationen eher glaubt, wenn sie dem eigenen Weltbild entsprechend. Viele Menschen lassen sich von Emotionen wie Angst leiten - der sogenannte Bauchgefühl-Fehler. Und der Kausalfehler beschreibt den Effekt, dass das Gehirn zufällige Korrelationen in einen kausalen Zusammenhang stellt.

In der aktuellen Situation ist das fatal. Zum einen kann die Verunsicherung selbst gefährlich werden. Im Februar sollten in einem Sanatorium der ukrainischen Kleinstadt Nowi Sanschary gerade mit einem Sonderflug aus China angekommene Ukrainer standardmäßig unter Quarantäne gestellt werden. Als fälschlicherweise behauptet wurde, die Passagiere seien mit dem Coronavirus infiziert, brachen Panik und gewalttätige Proteste aus. Die Chefin des Gemeinderats sprach von einem "Armageddon", ausgelöst durch Desinformation.

Abstandhalten rettet Menschenleben

Irreführenden Behauptungen können auch indirekt tödlich sein. In den USA nehmen Anhänger der Demokraten Covid-19 viel ernster als Republikaner - wohl auch, weil Trump die Gefahr immer wieder verharmlost. Der Anteil der Demokraten, die darauf verzichten wollen, Essen zu gehen, liegt dreimal so hoch wie unter Republikanern. Mehr als doppelt so viele Menschen, die demokratisch wählen, wollen ihre Reisepläne ändern oder öffentliche Versammlungen meiden.

Dabei ist erwiesen, dass "Social Distancing" wirkt: Vor 100 Jahren konnte die Stadt St. Louis mit frühen und entschiedenen Maßnahmen den Ausbruch der Spanischen Grippe verhindern - Philadelphia griff zu spät ein, und Tausende Menschen starben. Das gilt auch heute. Händewaschen und Abstandhalten kann helfen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Wer seinen Alltag nicht ändern will, weil er ja nicht zur Risikogruppe gehört, trägt dazu bei, dass Menschen ums Leben kommen werden.

© SZ.de/jab/mri/cat
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