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Cyberwar und Völkerrecht:Katz und Maus im Cyberspace

SZ: An potenzielle Gegner gerichtet haben die USA noch eine zweite Botschaft. Im Cyberspace könne sich niemand verstecken. Technisch sei es möglich, jede Cyber-Attacke zurückzuverfolgen. Niemand solle glauben, er könne aus dem Hinterhalt zuschlagen. Stimmt das?

Geiß: Diese Botschaft ist leider sehr viel weniger überzeugend. Politiker, die sich das Recht zum militärischen Gegenschlag vorbehalten wollen, sagen zwar oft, sie wüssten, wie man jede Cyber-Attacke zurückverfolgt. Aber alle Computerexperten, mit denen ich spreche, mahnen zur Skepsis. Es gibt von Jahr zu Jahr mehr Möglichkeiten der Manipulation, man kann eine Schadsoftware über so viele Umwege schicken, über Server in so vielen Ländern . . . Und selbst wenn sich eine Cyber-Attacke einmal zu einem bestimmten Computer zurückverfolgen lassen sollte, bleibt immer noch offen, wer eigentlich an der Tastatur saß. Der Flame-Virus . . .

SZ: . . . mit dem die USA und Israel angeblich jahrelang das iranische Atomprogramm ausspionierten . . .

Geiß: . . und auch Stuxnet haben gezeigt, dass es sehr viel mehr Einfallstore für Cyber-Attacken gibt als gedacht. Man weiß auch, dass heute immer öfter bereits bestimmte Hardware-Komponenten manipuliert sind. Wer genau dahintersteckt, ist kaum nachvollziehbar. Unter Umständen ist nicht einmal klar, ob man überhaupt angegriffen wird oder ob ein technisches Problem besteht. Das heißt: Man weiß einfach viel zu wenig, um sofort zurückschlagen zu können.

SZ: Wie viel müsste man denn wissen?

Geiß: Der Internationale Gerichtshof verlangt eine klare Beweislage, und das zu Recht. Selbstverteidigung ins Blaue hinein darf es nicht geben. Iran und die USA haben vor dem Gerichtshof schon über die Auswertung von Satellitenbildern und die Zurechnung eines Raketenangriffs im Persischen Golf gestritten. Bei einer Cyber-Attacke wäre die Beweisführung noch viel schwieriger, und im Zweifel hieße das für den Angegriffenen immer: Ein Gegenschlag ist nicht legal.

SZ: Im Cyberspace bleiben die Angegriffenen immer ein Stück weit blind?

Geiß: Das scheint bislang der entscheidende Unterschied zu sein im Vergleich zu herkömmlichen Kämpfen zwischen Staaten zu Land oder in der Luft. Zugegeben, auch in herkömmlichen Kriegen haben die Staaten nie die perfekte Sicht. Auch bei einem Angriff von einem U-Boot aus ist es schwierig festzustellen, welcher Staat dahinter steht. Der Punkt ist aber: Bei Cyber-Angriffen sind solche Beweisschwierigkeiten nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Wenn Sie so wollen, entsteht da eine neue Qualität der Blindheit.

SZ: Gleichzeitig sagen Sie: Das Recht zurückzuschlagen wird man den Staaten nicht auf Dauer absprechen können. Das klingt nach einer gefährlichen Kombination.

Geiß: Ja, das Eskalationspotenzial ist enorm. Da kommt ein Problem auf uns zu: die Gefahr, dass Staaten voreilig in die falsche Richtung zurückschießen. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir anfangen, viel mehr über nichtmilitärische Reaktionen auf Cyber-Attacken zu reden. Vor allem über gerichtliche Aufklärung. Es mag manchen Staaten nicht gefallen, aber militärische Selbstverteidigung ist bei Cyber-Angriffen ohne klar identifizierbaren Aggressor keine Option.

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