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Verschwörungsmythen:Diese Feindbilder einen die Corona-Querfront

Bill Gates

Bill Gates hat früh vor den Gefahren einer Pandemie gewarnt und große Summen an die WHO gespendet. Deshalb steht er im Zentrum einer Verschwörungserzählung.

(Foto: Gian Ehrenzeller/dpa)

Auf den "Hygiene-Demos" finden sich Rechts- und Linksradikale, Antisemiten und Esoteriker. Der Kitt dieser Allianz sind Verschwörungsmythen, die ihren Anfang im Netz nehmen.

Von Simon Hurtz

Unter normalen Umständen würde ein Großteil der Menschen, die derzeit gemeinsam auf die Straße gehen, wohl eher gegen- als miteinander demonstrieren. Rechtsextreme marschieren neben Linksextremen, Antisemiten verbrüderen sich mit Esoterikern, und neben radikalen Wirrköpfen stehen alleinerziehende Mütter, gerade arbeitslos geworden und voller berechtigter Sorge um sich und ihre Kinder.

Es sind aber keine normalen Umstände. Das Coronavirus beschwört Ängste herauf, die zu ungewöhnlichen Allianzen führen. Doch trotz aller politischen Diversität teilen die Demonstranten Gemeinsamkeiten. Viele haben im Netz von den Protesten erfahren. Sie wurden durch Youtube-Videos mobilisiert, tauschen sich in Facebook-Gruppen aus oder organisieren ihren Widerstand über den Messenger Telegram.

Wer diese Kanäle und Plattformen beobachtet, findet große Überschneidungen. Neben Menschen, die schlicht Angst um ihre Existenz haben, gibt es Zehntausende, denen es in erster Linie darum zu gehen scheint, Schuldige zu finden. Sie wettern nicht nur gegen die Maßnahmen der Bundesregierung, sondern wittern eine gigantische Verschwörung. Angeblich haben "die Mächtigen" ein Interesse daran, dass sich das Virus verbreite. Sie nutzten die Gelegenheit, um Grundrechte einzuschränken und die Demokratie auszuhebeln.

Teils ist der Unsinn so hanebüchen, dass selbst der Begriff "Verschwörungstheorie" zu viel der Ehre wäre. Die Mythen sind frei von Fakten, dafür wimmeln sie von Vorurteilen, Feindbildern und haltlosen Unterstellungen. Immer wieder geht es gegen Microsoft-Gründer Bill Gates, dessen Stiftung zu den Großspendern der Weltgesundheitsorganisation WHO zählt. Die Verschwörungsideologen basteln sich daraus eine wilde Fantasie, wonach Gates die Welt in eine "Gesundheitsdiktatur" verwandeln und Menschen Mikrochips einpflanzen lassen wolle. Andere behaupten, er habe das Virus gezüchtet, um an einem Impfstoff zu verdienen.

Diese Lüge hält sich derart hartnäckig, dass Experten bereits jetzt vor möglichen Folgen warnen. Impfgegner, die seit Jahren Gerüchte streuen und Panik verbreiten, bekämen im Zuge der Pandemie großen Zulauf. Das könnte dazu führen, dass ein Impfstoff gegen Sars-CoV-2, den Wissenschaftler derzeit entwickeln, weniger wirksam ist. Wenn ein Teil der Bevölkerung Impfungen verweigert, würde sich das Virus weiter ausbreiten.

Medien und Prominente tragen den Unsinn in die Öffentlichkeit

Die Mischung aus Gates-Hassern, Impfskeptikern, Antisemiten, Reichsbürgern und anderen findet auch deshalb zueinander, weil Medien und Prominente als Bindeglieder wirken. Das von Russland finanzierte Portal RT Deutsch, das Querfront-Magazin Rubikon, rechtsradikale Blogs, ein ehemaliger Sänger, ein veganer Koch und ein geschasster Moderator des RBB erreichen jeweils Hunderttausende Menschen - und das, obwohl Plattformen wie Facebook und Youtube ihre Beiträge und Videos teils einschränken, weil sie falsche Behauptungen enthalten.

Wenn Faktenprüfer wie die Rechercheorganisation Correctiv oder die Deutsche Presse-Agentur solche Falschaussagen identifizieren, beeinflusst das die Empfehlungsalgorithmen der Netzwerke. Die Inhalte werden Nutzern dann seltener oder gar nicht mehr automatisch vorgeschlagen und sind schlechter auffindbar. Das Problem: Die meisten Menschen, die solche Videos sehen wollen, sind ohnehin längst auf Messenger wie Telegram ausgewichen. Dort schicken sie sich die Links direkt, die Algorithmen der Plattformen spielen dann keine Rolle mehr.

Und wenn Youtube doch mal ein Video löscht, dann haben die Wissenschaftsleugner auf Telegram die passende Interpretation parat: Da hat wohl jemand eine Wahrheit aufgedeckt, die jetzt ganz schnell versteckt werden muss.

In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Autonome hätten mitdemonstriert. Es handelte sich um einzelne Personen, die linksextreme Schilder und Symbole zur Schau trugen. Die autonome Szene hat sich von den Hygiene-Demos distanziert.

© SZ vom 12.05.2020/sih
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