Süddeutsche Zeitung

Corona-Warn-App:Was mit der Corona-App falsch läuft

Die Software bräuchte dringend ein paar Updates. Stattdessen läuft eine Scheindebatte über den Datenschutz.

Kommentar von Philipp Bovermann

Über die grünen Warnmeldungen der Corona-App ist viel gespottet worden. Was sollte man mit der Meldung "niedriges Risiko" anfangen? Sich testen lassen, sicherheitshalber? Dafür kamen die Meldungen zu häufig. Gar nichts tun? Wozu dann die Meldung? Nun aber herrscht in der App seit einigen Wochen seltsame Stille. Die grünen Meldungen sind verschwunden. Wegen eines Updates, über das die Nutzer nicht informiert wurden - weshalb viele sich fragen, ob die App überhaupt noch funktioniert.

Man kann also nur in Teilen Entwarnung geben. Nein, die Corona-Warn-App ist nicht tot, sie entwickelt sich nur weiter. Allerdings ist diese Entwicklung ein ziemlicher Murks.

Die App ist inzwischen im besten Midlife-Crisis-Alter angekommen. Ihre Jugend war strahlend: Als die Bundesregierung sie im Frühjahr vorstellte, atmete sie Start-up-Geist. Dann passierte nicht viel. Das Wetter war schön, die Infektionszahlen niedrig. Nur hin und wieder zog eine grüne Meldung vorbei, wie ein Gespenst aus einer schauerlichen anderen Realität. Heute ist diese Realität Alltag. Aber die App ist im Wesentlichen immer noch dieselbe wie im Frühjahr.

Über die App ließen sich die Menschen direkt mit Informationen erreichen

Sie könnte längst aktuelle Informationen zum Pandemieverlauf und zu behördlichen Verordnungen anzeigen. Sie könnte Nutzern Informationen zur Verfügung stellen, wie sie sich bei einem positiven Testergebnis verhalten sollten - oder etwa über richtiges Lüften. Ärzte berichten, das Wissen vieler Patienten über die Pandemie sei noch immer mangelhaft. Verordnungen ändern sich laufend. Es ist leicht, den Überblick zu verlieren. Die App könnte eine Infozentrale sein. Dann würden die Menschen sie häufiger öffnen und nutzen. Das wären gute Nachrichten für die Gesundheitsämter.

Stattdessen fragen sich viele Menschen seit dem Update, ob sie die App deinstallieren sollen, ob da noch etwas passiert. Hat sich beim Robert-Koch-Institut (RKI), wo das Projektmanagement stattfindet, wirklich niemand darüber Gedanken gemacht, dass die plötzlich so merkwürdig stille App die Menschen irritieren könnte? Womit verbringt das zuständige Team seine Tage, Wochen und Monate? Möglicherweise hat es damit zu tun, dass das RKI 68 neue IT-Stellen beantragt, der Bundestag aber nur vier bewilligt hat. Möglicherweise fehlt der Druck durch die Bundesregierung. Stattdessen findet eine absurde Scheindebatte statt. Der allzu strenge Datenschutz müsse weg, heißt es vor allem aus der Union. Die App schöpfe ihr Potenzial nicht aus.

Vieles lässt sich verbessern an der Anwendung

Was, wenn solche Stimmen sich durchsetzen? Leuchtet bald beim Gesundheitsamt ein Lämpchen auf, wenn ich nach 21 Uhr noch mit dem Hund rausgehe? Auf Twitter teilte kürzlich jemand einen Chatverlauf mit seiner Mutter. Sie hatte ihm einen Onlineartikel mit dem Titel "Merz will Nutzer der Corona-Warn-App orten" geschickt. "Ich habe die App jetzt gelöscht", schreibt sie.

Die Frau kann beruhigt sein. Man kann "den Datenschutz" aus der App nicht einfach ausbauen. Die App müsste grundlegend neu konzipiert werden, wollte man die Daten zentral bei einer Behörde speichern. Technisch wäre das völliger Unsinn. Dass die Handys direkt miteinander anonymisierte Daten austauschen und Warnungen ausgeben, ohne unnötigen Umweg über eine Behörde, hat sich international klar als beste Lösung durchgesetzt. Vieles ließe sich verbessern an der App. Den Datenschutz als angebliche Hürde niederreißen zu wollen, ist hingegen nur populistisch.

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