bedeckt München 13°
vgwortpixel

Ende der Smartphone-Produktion:Mein Haus, mein Auto, mein Blackberry

File photo of the new Blackberry Classic smartphone in New York

Der chinesische Konzern TCL Communication, der im Dezember 2016 die Produktion der Blackberry-Geräte übernommen hatte, verkündete nun, die Ende August auslaufende Lizenz nicht verlängern und die Produktion einstellen zu wollen.

(Foto: REUTERS)
  • Die Produktion von Blackberry-Geräten wird im August eingestellt.
  • Das Unternehmen, das einst mit mehr als 83 Milliarden Dollar bewertet wurde, ist derzeit weniger als drei Milliarden Dollar wert.
  • Blackberry konzentriert sich mittlerweile auf Software für autonomes Fahren und Cybersecurity.

Es gibt diese Szene in dem Buch "Too Big to Fail" von Andrew Ross Sorkin über die Finanzkrise im September 2009. Die wichtigsten Wall-Street-Manager kamen zusammen, um einen Plan auszuarbeiten, den Zusammenbruch zu verhindern. Sorkin zeichnet ein düsteres Bild: Es sind allesamt Nieten in Nadelstreifen, egoistisch und ahnungslos, und irgendwann zückt Colm Kelleher, Finanzchef bei J.P. Morgan Chase, seinen Blackberry und zockt "BrickBreaker". Plötzlich sind alle hellwach, es beginnt ein Daddel-Turnier und Highscore-Vergleich.

Blackberry war das Gerät für die Geschäftigen, das Modell 5810 das Statussymbol der Mein-Haus-mein-Auto-mein-Boot-Generation aus dem Sparkasse-Werbefilm, deren Lebensmotto lautete: Ich habe, also bin ich. Sollten die anderen doch "Snake" auf ihren Nokia-3310-Spielzeugen daddeln oder Klingeltöne auf den Siemens-S35-Knochen erstellen. Wer ein Blackberry-Modell besaß, der war wichtig: Barack Obama, David Cameron, Kim Kardashian. Das Gerät wurde Teil der Popkultur. Die Sängerin Alicia Keys wurde Global Creative Director und forderte die Besitzer als erste Amtshandlung auf, Selfies auf der Blackberry-Plattform "Keep Moving" einzustellen. Ein Blackberry war das Gerät, das jeder brauchte.

Nur: Es geht im Leben nur selten ums Brauchen, meist geht es ums Habenwollen. Der Wert des Unternehmens, das 1984 von den Ingenieuren Mike Lazaridis, Mike Barnstijn und Douglas Fregin im kanadischen Waterloo unter dem Namen "Research in Motion" (RIM) gegründet worden war, erreichte im August 2007 seinen Höhepunkt. Aktien des Unternehmens wurden für 236 Dollar gehandelt. Da hatten die Manager schon den folgenschweren Fehler gemacht, das iPhone von Apple nicht für einen ernsthaften Konkurrenten zu halten. Sieben Monate vorher hatte Steve Jobs es vorgestellt. Es sollte die Mobilbranche komplett verändern.

Das iPhone nahm man bei RIM nicht ernst genug

Bei RIM dachte man: Sollte Apple doch den Massenmarkt bedienen, wie es vorher Siemens und Nokia getan hatten, Blackberry würde weiterhin Geschäftsleute, Politiker und Promis beliefern. Der damalige Chef Jim Balsillie sagte den unvergessenen Satz: "Ich glaube, dass es übertrieben wäre zu sagen, dass es für Blackberry eine Wende der Gezeiten darstellen würde." Unterstützt wurde er vom damaligen Microsoft-Chef und Apple-Hasser Steve Ballmer. Der sagte über das iPhone: "Das ist nichts für Geschäftsleute, weil es keine Tastatur hat." Beide sollten zunächst recht behalten, die Zahl der Blackberry-Nutzer stieg bis zum Jahr 2013 auf weltweit knapp 80 Millionen.

Doch bald wollten die meisten lieber die Modelle von Apple oder Samsung haben, weil die einfach zeitgemäßer wirkten. Kaum jemand brauchte noch einen Blackberry. Das Business-Blackberry war nun ein Relikt des Spätkapitalismus. Es kann für ein Produkt, das derart von der Zuneigung der Nutzer abhängig ist - es trug wegen seiner süchtigmachenden Eigenschaften auch den Spitznamen "Crackberry" -, kein schlimmeres Urteil geben als jenes, nicht mehr cool zu sein. Die Zahl der Nutzer sank drastisch, im Dezember 2016 lagerte die Firma die Produktion an den chinesischen Konzern TCL Communication aus.

Der verkündete nun, die Ende August auslaufende Lizenz nicht verlängern und die Produktion einstellen zu wollen. Blackberry, mittlerweile ein Software-Unternehmen mit durchaus interessanten Produkten für Cybersicherheit und autonomes Fahren, teilte die Nachricht unsentimental auf dem firmeneigenen Twitter-Account. Das war's.

Das Unternehmen, das mal mit mehr als 83 Milliarden Dollar bewertet worden ist, ist derzeit weniger als drei Milliarden Dollar wert.

Im Internet passiert nun das, was immer passiert, wenn die Produktion eines einst beliebten Produkts eingestellt wird: Die Leute erzählen wehmütig, wie Blackberry-Modelle Teile ihres Lebens gewesen sind, wie sehr sie das 7230 vermissen oder das Curve, das Pearl Flip oder das Bold Touch. Nostalgie wäre ein triftiger Grund, ein Produkt noch einmal aufzulegen. Wer jedoch die Einträge liest, der bemerkt: Die Leute erzählen gar nicht so viel über die Geräte, sie erzählen vor allem über sich selbst. Und ein Produkt kann nicht uncooler werden als durch so eine Geschichte: Wie die mächtigsten Manager der Wall Street einst lieber auf einem Blackberry gezockt haben, statt die Welt vor der Finanzkrise zu retten.

© SZ.de/hij/mri
Zur SZ-Startseite