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Klinikum Neuss:iPads statt Klemmbrettern - ein Fehler?

Gerade einmal zwei Wochen vor dem Totalausfall hatte das Krankenhaus noch hohen Besuch von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) bekommen. "Visite 2.0" heißt das Projekt, das die Telekom in Neuss verwirklichen will. Bereits seit zwei Jahren benutzen die Chefärzte und Oberärzte iPads statt Klemmbretter, seit Dezember sind auch die Stationen der Chirurgie und der Inneren Medizin komplett auf Tablets umgestiegen.

Es "entfällt die zeitaufwendige Suche nach Dokumenten, Bildern oder Laborwerten", stellte der Geschäftsführer im Januar fest. "Telekom beeindruckt Bundesgesundheitsminister", schrieb das Unternehmen anschließend über seine Pressemitteilung: Papierakten gehörten "im Lukaskrankenhaus in Kürze der Vergangenheit an".

Heute, einen Monat nach dem Crash, schätzt die kommunale Klinik ihren Schaden auf 750 000 Euro. Neben den verschobenen Operationen und den vielen Überstunden mussten sie IT-Spezialisten bezahlen, um jeden einzelnen Computer zu säubern. Noch immer sind nicht alle Geräte im Haus gescannt.

In den ersten Tagen hatten LKA-Spezialisten Apartments in Krankenhausnähe bezogen. Rund um die Uhr versuchten sie, den Angriff zu analysieren: Zu welchen fremden Computern nimmt der Trojaner Kontakt auf? Was bewirkt er in der Klinik? Der Erpresser, sagt der Leiter des Düsseldorfer Cybercrime-Kompetenzzentrums, Markus Röhrl, könnte aus beinahe jedem Land der Erde stammen - und seine Spuren gut verwischt haben.

Für Röhrl liegt eine Ursache für die schweren Auswirkungen des Angriffs bei den digitalisierten Arbeitsabläufen in Neuss. "Die Sicherheit muss dieser Entwicklung standhalten", sagt er. Patientenakten seien diesmal nicht abhandengekommen, versichert eine Kliniksprecherin. Ein Glück im Unglück. Mit solchen privaten Informationen könnten Kriminelle schließlich nicht nur die Stadt, sondern jeden einzelnen Patienten erpressen.

© SZ vom 18.03.2016/sih
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