Türkei Empörung über "Weihnachtsverbot" an deutscher Auslandsschule in Istanbul

Das Schild des İstanbul Lisesi - hinter der Fassade gibt es Streit ums Weihnachtsfest.

(Foto: dpa)

Die Lehrer des "İstanbul Lisesi" sollen kein Wort mehr zu Weihnachten verlieren. Politiker sind empört, denn Deutschland finanziert die Schule mit. Oder ist alles nur ein Missverständnis?

Von Luisa Seeling

Sie hatten wochenlang geprobt. Die Schüler wollten am traditionellen Weihnachtssingen im deutschen Generalkonsulat teilnehmen, wie jedes Jahr. Doch daraus wird nichts - und ein paar friedvolle Tage im deutsch-türkischen Verhältnis wird es wohl auch nicht geben. Das renommierte İstanbul Lisesi, eine mit deutscher Hilfe betriebenen Elite-Schule, hat nicht nur den Auftritt des Schulchores abgesagt, sondern Weihnachten als Unterrichtsthema insgesamt infrage gestellt. Weil Deutschland jedes Jahr mehrere Millionen Euro für Lehrer an der Schule ausgibt, versetzt das Verbot die deutsche Politik in Empörung.

Der Streit um die Ausrichtung des Unterrichts beendet ein allemal schwieriges Jahr in den deutsch-türkischen Beziehungen. Die im Bundestag verabschiedete Armenier-Resolution und die Berliner Reaktion auf den Putsch haben die türkische Regierung nachhaltig verärgert. Deutschland und die EU fühlen sich durch den Kurs des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan brüskiert. Auch deshalb hat nun wenige Tage vor dem Fest eine Schulposse das Zeug zum Politikum.

Foto der umstrittenen E-Mail der Leitung des İstanbul Lisesi.

(Foto: dpa)

Die Weihnachtsaffäre an der Schule, die erst jetzt öffentlich wurde, begann bereits am vergangenen Dienstag. Da schickte die Leitung der deutschen Abteilung des İstanbul Lisesi eine E-Mail an das "liebe Kollegium", die der Deutschen Presseagentur vorliegt. Laut Schulleitung, so die Verfasser, gelte von sofort an, dass "nichts mehr über Weihnachtsbräuche und über das christliche Fest im Unterricht mitgeteilt, erarbeitet sowie gesungen wird". Das Gymnasium ist eine türkische Schule, die von türkischen Schülern besucht wird; zugleich aber handelt es sich auch um eine anerkannte deutsche Auslandsschule. Die Bundesrepublik entsendet und bezahlt 35 Lehrer.

Fünf Tage später reklamierte die türkische Schulleitung das letzte Wort im Streit für sich. Sie sprach am Sonntag von einem Missverständnis, ein Weihnachtsverbot gebe es nicht, die deutschen Lehrer hätten das Thema allerdings nicht dem Lehrplan entsprechend behandelt. Und das Chorkonzert hätten allemal die deutschen Lehrer abgesagt. Der deutsche Einfluss an der Schule reicht mehr als 100 Jahre zurück. Seit 1957 regelt ein Kulturabkommen die Zusammenarbeit. Heute schickt die Bundesrepublik bis zu 80 Lehrer an türkische Schulen, die auch deutsche Kultur vermitteln, so sieht es der Vertrag vor.

Deutsche Politiker reagierten sofort: "Ein Verbot des Themas Weihnachten an Schulen ist nicht hinnehmbar, erst recht, wenn sie von Deutschland mit finanziert werden", sagte der außenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Omid Nouripour. Aus dem Auswärtigen Amt hieß es, man verstehe die "überraschende" Entscheidung nicht, werde aber das Gespräch suchen. Doch ob es damit getan ist?

Schon länger wird um die Ausrichtung der Schule gerungen. Bei der Abiturfeier drehten Absolventen dem von der AKP eingesetzten Schulleiter Hikmet Konar den Rücken zu - aus Protest gegen dessen konservativ-islamischen Kurs. Und Konar bat den deutschen Generalkonsul, auf seine jährliche Ansprache an die Abiturienten zu verzichten - Hintergrund war der Streit um die Armenier-Resolution.

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