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Türkei:Türkisches Schuljahr beginnt mit Heldenkunde

Students of Tevfik Ileri Imam Hatip School walk along a corridor as they leave their classroom for a break in Ankara

Schüler der weiterführenden Tevfik-İleri-İmam-Hatip-Schule in Ankara im Jahr 2014, vor dem Putsch.

(Foto: REUTERS)

Die Ferien gehen zu Ende und 60 000 Lehrer fehlen. Kein anderer Bereich ist so sehr von den Nachwirkungen des Putschversuchs betroffen wie die Schulen in der Türkei.

Für Zekeriya Çakmak, Türkisch- und Literaturlehrer am Istanbuler Galatasaray-Gymnasium, beginnt das neue Schuljahr mit dem Fach: allerneueste Geschichte. Am 15. Juli hat ein versuchter Militärputsch die Türkei erschüttert. Das Land nach den Ferien ist ein anderes als vor den Ferien, das muss den Schülern erklärt werden. Çakmaks Schule startet am 19. September deshalb mit einer Projektwoche. Erste Instruktionen vom Erziehungsministerium sind eingetroffen: Die erste Schulwoche möge man einem "Programm zum Sieg der Demokratie" widmen. Heldenkunde.

Klar, auch Çakmak ist froh, dass die Putschisten keinen Erfolg hatten und keine Militärdiktatur herrscht. In diesem Fall wäre die Türkei wohl in den Bürgerkrieg abgerutscht und an Unterricht überhaupt nicht zu denken. Aber auch so ist die Situation für ihn und die anderen etwa 900 000 Lehrer schwer genug. Wie erklärt man den Schülern, dass der eine oder andere Kollege nicht mehr unterrichtet? Und wohl auch nie wieder zurückkehren wird? Çakmak seufzt. Er ist 55 Jahre alt, seit 32 Jahren Lehrer, seit 26 Jahren Gewerkschafter. "Es ist eine Katastrophe."

Zwar haben sich in der blutigen Nacht des 15. Juli Soldaten gegen die Regierung aufgelehnt und nicht Lehrer. Rein zahlenmäßig ist aber kein anderer Bereich der Gesellschaft von den danach folgenden "Säuberungsmaßnahmen" der Regierung so betroffen wie das Bildungswesen. Çakmak schätzt, dass mehr als 15 000 Lehrer nie wieder vor einer Klasse stehen werden. Weitere 45 000 Pädagogen seien vorübergehend suspendiert worden. Alle standen quasi über Nacht unter Verdacht, Unterstützer des Putsches gewesen zu sein. Wie kann das sein?

Die Regierung vermutet als Drahtzieher den islamischen Prediger Fethullah Gülen, den einstigen Weggefährten von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan. Gülen lebt zwar im Exil in den USA, hat aber in der Türkei über Jahrzehnte ein Netzwerk an Anhängern aufgebaut. Er formte eine fromme Gegenelite zum säkularen, kemalistischen Establishment, das Jahrzehnte das Land kontrollierte. Gülen schuf keine politische Bewegung. Sein Schlüssel, um Einfluss zu gewinnen, lag darin, seine Anhänger gut auszubilden und im Staatsapparat aufsteigen zu lassen. Gülens Bewegung ist vor allem eine Bildungsbewegung.

"Ich bin ein Kemalist, ein Linker, ein Atheist." Gülen? "Niemals!"

Jahrelang profitierte Erdoğan von Gülens Kontakten. Erst nachdem es 2013 endgültig zum Bruch zwischen beiden Männern kam, verfolgt er die "Gülenisten", die er heute als Terroristen bezeichnet. Nach dem Putschversuch rückten die Schulen und Hochschulen sofort in den Fokus der Regierung.

Ahmet Mantaş, Kunstlehrer an einer Mittelstufenschule im knapp fünf Autostunden von Istanbul entfernten Çanakkale, wurde am 23. August von seinem Direktor angerufen. "Sie kennen das Verfahren. Wenn Sie morgen in mein Büro kommen, werde ich Ihnen ein Schreiben aushändigen", habe sein Vorgesetzter gesagt. "Ich habe sofort verstanden, was er meint. Ich bin suspendiert."

Im Brief des Amtes für Bildungswesen heißt es, der 48-Jährige stehe im Verdacht, Anhänger der Gülen-Bewegung zu sein oder die Organisation unterstützt zu haben. Wieso die Behörde das annimmt, weiß Mantaş nicht. "Ich bin ein Kemalist, ein Linker, ein Atheist." Gülen? "Niemals!" Als die Regierung Gülen noch hofierte, habe er schon davor gewarnt, dessen Anhängern die Bildung zu überlassen. Überall im Land waren Gülen-Schulen entstanden. Nun habe eine "Hexenjagd" begonnen, sagen die Gewerkschafter. Die Behörden arbeiteten einen Punktekatalog ab: Wer eine Gülen-Schule besucht hat oder seine Kinder auf eine schickt: Gülenist! Wer ein Konto bei einer Gülen-nahen Bank hat: Gülenist! Mitgliedschaft in der Gülen-nahen Gewerkschaft: Gülenist!