Studium:"Die Menschen konnten nie offen über ihre Konflikte sprechen"

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5000 Akademiker haben sich beworben. Studenten aus Syrien selbst, aus den Nachbarländern oder Menschen, die schon in Deutschland waren und die der Bürgerkrieg stranden ließ. Flüchtlinge findet man in Konstanz kaum. Den Konstanzer Campus bevölkern an diesem Vormittag junge Männer mit gebügelten Hemden und modischen Hornbrillen, junge Frauen mit Jeans und langen Haaren, einige samt Kopftuch.

Natürlich gehe es darum, eine Elite zu bilden, die am Tag X mithelfen könne, das Land wieder aufzubauen, sagt Christian Hülshörster, Leiter des Stipendienprogramms beim DAAD. "Aber es macht keinen Sinn, jemand zu verpflichten." Bei dem Bewerbungsverfahren hat man nicht nach den Rückkehrplänen gefragt.

Osama hat in Aleppo studiert, doch er hielt es nicht mehr aus. "Die Menschen konnten nie offen über ihre Konflikte sprechen." Er ging in die Türkei, arbeitete dort, vor zwei Jahren durfte er mit dem Programm sein Informatik-Studium in Freiburg aufnehmen. Er hat schon als Kind davon geträumt, im Ausland zu leben, war damals Fan von Bayern München. Nur hat er nicht geahnt, dass der Traum nun so in Erfüllung gehen würde, durch den Krieg in seiner Heimat. "Wenn alles geregelt ist, dann möchte ich natürlich zurückgehen", sagt Osama. Nach Aleppo. Dort lebt noch immer seine Familie, oder die, die eben noch übrig sind. Im Westteil der Stadt, unter dem Assad-Regime, wo es etwas sicherer war als im rebellischen Ostteil. Osama bangt um die Familie, und die Familie hofft auf Osama, auf den Sohn mit der Perspektive im reichen Deutschland. Besuchen kann er Vater, Mutter, Brüder und Schwestern nicht. Zu gefährlich.

Osama klingt wie seinerzeit viele Gastarbeiter

Und dieser Sohn schlägt Wurzeln in Deutschland, Elite-Programm hin oder her. Osama macht seinen Master in Informatik, mit dem Abschluss wird er begehrt sein, viele deutsche Unternehmen suchen Informatiker. Er hat kürzlich geheiratet, eine Syrerin, sie ist nach Deutschland gezogen. Er wohnt nun mit ihr in Freiburg, der Studentenstadt, die Wert legt auf ihre Offenheit. Es ist so anders als in Syrien. Osama fühlt sich angenommen, spricht von einer Doktorarbeit, einer Forscherkarriere an der Universität. "Ich träume davon, in der deutschen Gesellschaft integriert zu sein", sagt er. Syrien kann warten. "In den sechs Jahren Krieg haben die Menschen dort angefangen sich zu hassen. Es sollte wieder so sein, wie es vorher war."

Es klingt wie bei den Gastarbeitern, die einst nach Deutschland kamen und sagten: Nächstes Jahr geht es zurück. Doch dann war da die Lohnsteigerung, der Militärputsch in der Türkei, die Beamten-Willkür in der Heimat. Es gab viele Gründe zu bleiben. Und so blieben viele.

Basel Ajoub setzt seinen Idealismus dagegen. "Ich möchte später für Entwicklungsorganisationen arbeiten, möchte arme Länder aufbauen helfen", sagt er. Ajoub ist 26 Jahre, studiert Wasserwirtschaft und Wassertechnik an der Uni Duisburg-Essen und lacht so breit, als hätte er stets vor Augen, was für ein Glück er hatte im Vergleich zu 99 Prozent seiner syrischen Landsleute. Er kommt aus einer armen Region im Zentrum Syriens, er weiß, was Unterentwicklung bedeutet, fehlende Straßen, Wasserleitungen, Stromanschlüsse. "Durch Entwicklung können wir auch Konflikte vermeiden." Ajoub hatte daran gedacht, in einem fremden Land zu arbeiten, nun aber wird er in seiner eigenen Heimat gebraucht werden. Aber wann? "Es ist sinnlos, ein Wasserleitungsnetz aufzubauen, wenn es jemand zerstören wird", sagt Ajoub. Vielleicht wird es in fünf bis zehn Jahren so weit sein, glaubt er, dann könnte der Frieden besiegelt sein. Bis dahin kann er sich ein Leben in Deutschland vorstellen, als Angestellter in einem Ingenieurbüro oder bei den Stadtwerken. Und "Stadtwerke" spricht er so deutsch aus, als wäre er schon zehn Jahre dabei.

Es ist schwierig, die Zerstörungen in Syrien zu beziffern, all die zerbombten Häuser, Straßen, Schulen. Ein UN-Vertreter schätzte im März, dass der Wiederaufbau 350 Milliarden Dollar kosten könnte. Besonders schlimm hat es die umkämpften Städte getroffen wie Aleppo oder Homs. Wenn der Krieg einmal zu Ende sei, dann müsse man den Menschen rasch das Nötigste zum Leben anbieten, heißt es bei den Vereinten Nationen.

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