Süddeutsche Zeitung

Studium:Syriens künftige Elite studiert in Konstanz

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In einem auf sie zugeschnittenen Programm lernen dort mehr als 200 Syrer. Besuch bei Menschen, die so zerrissen sind wie ihr ganzes Land.

Von Roland Preuß

Es war kein Leben mehr in Aleppo, trotz all der Schönheiten dieser Stadt, der mittelalterlichen Zitadelle, die über allem thront, dem legendären Basar, den lauen Nächten in den Altstadtgassen. Osama Makansis großer Bruder wollte nur von einem Teil der Stadt in den anderen, doch Ost- und West-Aleppo standen mittlerweile, im Jahr 2012, für die Feindschaft, die Syrien teilt. Eine Kugel erwischt ihn an der Grenze. Er stirbt mit 25 Jahren.

Zwei Jahre später reist Osamas kleiner Bruder aus der Türkei Richtung Heimat, doch er kommt nie an. Mitglieder des sogenannten Islamischen Staates kontrollieren ihn im Norden Syriens auf dem Weg nach Aleppo. Sie nehmen ihn fest. Einmal darf die Familie ihn besuchen, dann hört sie nichts mehr von ihm. Das ist nun Jahre her.

An diesem Tag sitzt Osama Makansi in einem Komplex der Universität Konstanz aus Beton, Stahl und Glas, von der Holzbank am Fenster sieht man die Wiese vor der Uni, draußen blüht der Löwenzahn, über ihm surrt ein Lüftungsrohr. "Das hat mich alles hart angefasst", sagt er in bestem Englisch, "aber jetzt müssen wir einen Ausweg finden." Da ist kein Hass, keine Lust auf Rache in seiner Stimme. Nur Erschöpfung. Aber auch diese Grundspannung von Menschen, die wissen: Es geht hier um etwas, man muss ständig aufpassen, denn das Leben kann fürchterlich schieflaufen.

Was Osama Makansi über Rache denkt ist wichtig, denn der 26-jährige Student der Informatik ist einer von gut 200 Akademikern aus Syrien, die in Konstanz gerade zur künftigen Elite des Landes ausgebildet werden sollen. Es treffen hervorragende Studenten aus allen Regionen des Landes aufeinander, Araber, Kurden, Menschen mit armenischen Wurzeln, es sind da Muslime, Christen, Agnostiker, es gibt Syrer, die Machthaber Baschar al-Assad gut finden und welche, die auf die Rebellen setzen. Sie alle eint, dass sie Syrien wieder aufbauen wollen. Und doch zeigt das Treffen, wie schwierig es wird mit dem, was Wolfgang Seibel, der Spiritus Rector des Programms, "Reconciliation" nennt, Befriedung und Wiederaufbau.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk schätzt, dass seit Beginn des Aufstands in Syrien 2011 etwa die Hälfte der Einwohner zur Flucht gezwungen worden ist. Mehr als fünf Millionen Syrer leben in den Nachbarländern. 6,3 Millionen haben innerhalb des Bürgerkriegslandes Schutz gesucht. Oft sind es gerade die gut Ausgebildeten, die außer Landes gehen. Denn sie kommen eher aus wohlhabenden Familien. Und die können sich die teure Flucht leisten.

"Zur Demokratie erziehen, das wäre naiv"

Wolfgang Seibel lehrt in Konstanz Politik und öffentliche Verwaltung, er hat Bücher geschrieben über Verwaltungsversagen und wie man UN-Friedensmissionen organisiert. Als das Auswärtige Amt und der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) ein Programm auflegen, das Syrer zur künftigen Elite des Landes ausbilden soll, bekommt er den Zuschlag. Eine Elite ausbilden - was soll das heißen? Politiker, die Syrien nach Jahrzehnten knallharter Diktatur in eine Demokratie nach westlichem Muster verwandeln? "Zur Demokratie erziehen, das wäre naiv", sagt Wolfgang Seibel. Dies hat ja schon im Irak nicht funktioniert. Seibel interessiert: Was wird aus der Konfliktregion? Wenn gerade die Qualifizierten verschwinden, wird die Lage im Land immer schlechter. Brain drain nennen das die Wissenschaftler. "Das müssen wir verhindern", sagt Seibel.

Syrien war ein Land, das trotz Diktatur funktionierende Schulen und Hochschulen hatte. Es verfügt nur über wenig Öl, braucht gebildete Menschen. Gerade solche, die künftig eine führende Rolle übernehmen können. Darum geht es in dem weltweit einzigartigen Programm. Und wenn die fast 220 Teilnehmer dabei lernen, was eine demokratische, rechtsstaatliche Gesellschaft ausmacht - "dann gehört das zum Erfolg", sagt Seibel. "Wir wollen die Menschen befähigen, etwas zu befördern, was mal Demokratie sein kann."

"Die Menschen konnten nie offen über ihre Konflikte sprechen"

5000 Akademiker haben sich beworben. Studenten aus Syrien selbst, aus den Nachbarländern oder Menschen, die schon in Deutschland waren und die der Bürgerkrieg stranden ließ. Flüchtlinge findet man in Konstanz kaum. Den Konstanzer Campus bevölkern an diesem Vormittag junge Männer mit gebügelten Hemden und modischen Hornbrillen, junge Frauen mit Jeans und langen Haaren, einige samt Kopftuch.

Natürlich gehe es darum, eine Elite zu bilden, die am Tag X mithelfen könne, das Land wieder aufzubauen, sagt Christian Hülshörster, Leiter des Stipendienprogramms beim DAAD. "Aber es macht keinen Sinn, jemand zu verpflichten." Bei dem Bewerbungsverfahren hat man nicht nach den Rückkehrplänen gefragt.

Osama hat in Aleppo studiert, doch er hielt es nicht mehr aus. "Die Menschen konnten nie offen über ihre Konflikte sprechen." Er ging in die Türkei, arbeitete dort, vor zwei Jahren durfte er mit dem Programm sein Informatik-Studium in Freiburg aufnehmen. Er hat schon als Kind davon geträumt, im Ausland zu leben, war damals Fan von Bayern München. Nur hat er nicht geahnt, dass der Traum nun so in Erfüllung gehen würde, durch den Krieg in seiner Heimat. "Wenn alles geregelt ist, dann möchte ich natürlich zurückgehen", sagt Osama. Nach Aleppo. Dort lebt noch immer seine Familie, oder die, die eben noch übrig sind. Im Westteil der Stadt, unter dem Assad-Regime, wo es etwas sicherer war als im rebellischen Ostteil. Osama bangt um die Familie, und die Familie hofft auf Osama, auf den Sohn mit der Perspektive im reichen Deutschland. Besuchen kann er Vater, Mutter, Brüder und Schwestern nicht. Zu gefährlich.

Osama klingt wie seinerzeit viele Gastarbeiter

Und dieser Sohn schlägt Wurzeln in Deutschland, Elite-Programm hin oder her. Osama macht seinen Master in Informatik, mit dem Abschluss wird er begehrt sein, viele deutsche Unternehmen suchen Informatiker. Er hat kürzlich geheiratet, eine Syrerin, sie ist nach Deutschland gezogen. Er wohnt nun mit ihr in Freiburg, der Studentenstadt, die Wert legt auf ihre Offenheit. Es ist so anders als in Syrien. Osama fühlt sich angenommen, spricht von einer Doktorarbeit, einer Forscherkarriere an der Universität. "Ich träume davon, in der deutschen Gesellschaft integriert zu sein", sagt er. Syrien kann warten. "In den sechs Jahren Krieg haben die Menschen dort angefangen sich zu hassen. Es sollte wieder so sein, wie es vorher war."

Es klingt wie bei den Gastarbeitern, die einst nach Deutschland kamen und sagten: Nächstes Jahr geht es zurück. Doch dann war da die Lohnsteigerung, der Militärputsch in der Türkei, die Beamten-Willkür in der Heimat. Es gab viele Gründe zu bleiben. Und so blieben viele.

Basel Ajoub setzt seinen Idealismus dagegen. "Ich möchte später für Entwicklungsorganisationen arbeiten, möchte arme Länder aufbauen helfen", sagt er. Ajoub ist 26 Jahre, studiert Wasserwirtschaft und Wassertechnik an der Uni Duisburg-Essen und lacht so breit, als hätte er stets vor Augen, was für ein Glück er hatte im Vergleich zu 99 Prozent seiner syrischen Landsleute. Er kommt aus einer armen Region im Zentrum Syriens, er weiß, was Unterentwicklung bedeutet, fehlende Straßen, Wasserleitungen, Stromanschlüsse. "Durch Entwicklung können wir auch Konflikte vermeiden." Ajoub hatte daran gedacht, in einem fremden Land zu arbeiten, nun aber wird er in seiner eigenen Heimat gebraucht werden. Aber wann? "Es ist sinnlos, ein Wasserleitungsnetz aufzubauen, wenn es jemand zerstören wird", sagt Ajoub. Vielleicht wird es in fünf bis zehn Jahren so weit sein, glaubt er, dann könnte der Frieden besiegelt sein. Bis dahin kann er sich ein Leben in Deutschland vorstellen, als Angestellter in einem Ingenieurbüro oder bei den Stadtwerken. Und "Stadtwerke" spricht er so deutsch aus, als wäre er schon zehn Jahre dabei.

Es ist schwierig, die Zerstörungen in Syrien zu beziffern, all die zerbombten Häuser, Straßen, Schulen. Ein UN-Vertreter schätzte im März, dass der Wiederaufbau 350 Milliarden Dollar kosten könnte. Besonders schlimm hat es die umkämpften Städte getroffen wie Aleppo oder Homs. Wenn der Krieg einmal zu Ende sei, dann müsse man den Menschen rasch das Nötigste zum Leben anbieten, heißt es bei den Vereinten Nationen.

Eines scheint die Syrer in Konstanz zu einen

Das Vertrauen untereinander müssen die Syrer selbst wieder aufbauen. Nach Jahren der Exekutionen, der Fassbomben auf Wohnviertel, der Hetze. In Konstanz findet man sich nach den Überzeugungen zusammen. An einem Tisch wird darüber diskutiert, wie man Assad endlich von der Macht vertreiben kann, an einem anderen erläutert man, dass mit der Rebellion doch alles viel schlechter geworden sei. "Wir sprechen die politischen Konflikte in Syrien nicht von uns aus an, aber wir geben den Teilnehmern die Möglichkeit, die Konflikte zu diskutieren", sagt Seibel. Konstanz soll auch ein Biotop sein, in dem die jungen Akademiker rational über die Lage zu Hause reden können. Und sich annähern.

Man macht Spielchen, wie man sie von Motivationsseminaren kennt. Die Kommilitonen formieren sich im Entenmarsch, alle mit Augenbinde, bis auf die letzte in der Reihe. Sie steuert die Kolonne durch Schulterklopfen, das bis vorne durchgegeben wird, bis zum Ziel. Oder die Schnurspinne: Jeder hält ein Seilende, jeder muss so weit ziehen oder loslassen, dass mit dem Haken in der Mitte aus Holzklötzen ein Turm entsteht. Es klappt nur, wenn jeder mitmacht. Große Begeisterung, als der Turm steht.

Als Spielchen funktioniert das, doch es wird umso schwieriger, je konkreter es wird, je politischer. Am Nachmittag teilen sich die Studenten in Gruppen auf, die Syrer schwärmen aus in den Betonkomplex der Konstanzer Universität, suchen ihre Wege durch verschiedene Blocks in Grün, Gelb oder Rot, über Zwischengeschosse und Flure die im Nichts enden, als hätten die Architekten die kafkaeske Situation in Syrien hier schon in bunt bemaltem Beton vorweggenommen. Am Ziel angekommen, stehen jeweils fünf Studenten vor einer Tafel und skizzieren Schritte zum Frieden.

"Erst muss Assad abtreten, dann brauchen wir eine Flugverbotszone und dann freie Wahlen", sagt Khaled.

"Das wird nie passieren", sagt Nabeel.

"Der Islamische Staat muss ausgeschlossen werden. Sie sind Terroristen, sie müssen zerstört werden", sagt ein Dritter.

"Alle Konfliktparteien müssen einen Punkt finden, an dem sie übereinstimmen", sagt der Vierte in der Runde.

"Da gibt es derzeit keinen", sagt Osama.

Ein paar Flure weiter wagt man sich an die Ursachen des Konflikts. Die kleine Gruppe will unter sich bleiben, doch später dringt nach außen, wie es gewesen ist. Einer der Teilnehmer, ein Muslim, findet es gut, dass Christen vertrieben werden. Sie sollten nach Beirut gehen, erzählen zwei Teilnehmer. Der Christ in der Gruppe beschwert sich darüber, eine Studentin verlässt weinend den Raum - ein anderer Teilnehmer, ebenfalls Muslim, drängt den Unruhestifter, sich zu entschuldigen. Die ersten Spitzenkräfte spalten sich, noch ehe ein neues Syrien überhaupt in Sicht ist. In Syrien haben sie nie gelernt, Streitpunkte offen zu diskutieren, das regelte der Diktator brutal im Stillen.

Bei allen Unterschieden, eines scheint die Syrer in Konstanz zu einen: Die Sehnsucht nach der Zeit, in der niemand danach fragte, ob einer Muslim oder Christ, Kurde oder Druse war. "Es spielte keine Rolle, es war normal", sagt ein Mann aus der Nähe von Damaskus. Die Politik im Land war weltlich geprägt, Religion bestimmte nicht den Alltag. Doch dann kam der Krieg und das multikulturelle Syrien teilte sich entlang dieser Bruchlinien, als komme da etwas Archaisches gewaltig an die Oberfläche. Plötzlich war der Christ Feind, nicht Nachbar, wurde der Agnostiker zum Ungläubigen. Später, im Plenum aller Teilnehmer, wird ein Student zur Zukunft Syriens sagen: "Wir müssen den Einfluss der Religion verringern." Und dafür Applaus ernten.

Im Krieg in Syrien "liegt das Schlimmste nach meiner Überzeugung hinter uns", sagt Baschar al-Assad Anfang Juni. Die Dinge entwickelten sich derzeit "in die richtige Richtung, weil wir die Terroristen besiegen". In den vergangenen Monaten haben die syrischen Regierungstruppen und Verbündete einige Geländegewinne in Syrien erzielt. Im Dezember hatten sie auch Aleppo eingenommen.

Osama Makansi lernt Deutsch, er hat eine Wohnung gefunden am Rande von Freiburg, zwischen Feldern und Weingütern, es ist alles sehr friedlich da. Einige Tage nach dem Seminar meldet er sich noch mal. Ein paar Punkte seien ihm noch wichtig. Er habe sich erkundigt, wie man deutscher Staatsbürger werden könne, auch wenn es mit der Sprache noch schwierig ist. Und man möge doch bitte den Satz streichen, dass er nach Syrien zurückkehren werde, wenn alles gut ist.

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Quelle:
SZ vom 01.07.2017/mkoh
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