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Schule:Das Mahmoud-Experiment - ein Syrer am katholischen Gymnasium

Mahmoud

Mahmoud am Gnadenthal-Gymnasium in Ingolstadt. Wegen der unsicheren Lage seiner Familie in Syrien will er nicht in die Kamera blicken.

(Foto: Lukas Barth)

In seiner Heimat war er ein guter Schüler. Jetzt kämpft er in Oberbayern mit dem Abitur. Mahmouds Alltag zeigt, wie schwierig Integration in der Bildung wirklich ist.

Fast bedrohlich quietschen die Schuhsohlen des Mathelehrers, wenn er an der Tafel auf und ab geht und den Schülern dabei in die Hefte diktiert. In der zehnten Klasse des Gnadenthal-Gymnasiums in Ingolstadt geht es um Nullstellen, um Doppelnullstellen, vier-, sechs- und achtfache Nullstellen. Erste Stunde, acht Uhr. Vor dem Fenster kündigt sich der Tag an, Sonnenstrahlen, unterlegt von Vogelgezwitscher und dem Lärm der Kehrmaschinen.

Drinnen: viel Gähnen, Flaumbartstreicheln, verschlafene Teenager. Keiner schwatzt zu so früher Stunde, zwei Mathe-Asse melden sich. Der Rest dämmert. Mahmoud, erste Reihe Mitte, wirkt wach. Meldet sich aber auch nicht. Das liegt nicht am Morgen-Mathe-Blues, der 17-Jährige meldet sich einfach selten. Weil er schüchtern ist. Weil er mit dem Stoff kämpft, mit Fachbegriffen. Weil er vieles nicht so recht versteht im Deutschen, schon gar nicht im Bairischen. Der Lehrer, ein freundlicher Typ, der weder etwas für die Uhrzeit noch den Stoff kann, sagt: "Oiso iih mach' des bei dem Rechenweg oooft so . . ." Mahmoud blickt beim Nachbarn ins Heft.

Dass der Junge hier sitzt, ist ein Experiment. Optisch fällt er nicht auf, Rahmenbrille, ein Haarschnitt, wie ihn die coolen Jungs heute tragen, seitlich kurz rasiert und oben länger. Beim Morgengebet an dem katholischen Gymnasium - ein blondes Mädchen hatte der Klasse "Freude am Lernen, Geduld und was zum Lachen" gewünscht - war auch Mahmoud in sich gegangen, hatte die Hände gefaltet. Wie alle. Und doch ist er anders. Mahmoud ist seit anderthalb Jahren in Deutschland, er ist Flüchtling aus den syrischen Kurdengebieten; er ist UMF, unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Einer von gut 70 000 ohne Eltern Eingereisten unter 18 Jahren, und einer von schätzungsweise 300 000 jungen Erwachsenen, die 2015 gekommen sind und denen jetzt möglichst schnell eines zuteil werden soll: Bildung.

Flüchtlinge und Bildung, das Wortgespann taucht häufig auf. Gleichwohl wird viel schwarz und weiß gedacht, im Grunde sind es dieselben Pole wie in der Bevölkerung, Willkommenskultur versus Skepsis. Da sagen die einen, dass unter den Flüchtlingen nur Analphabeten sind, Ziegenhirten, "Unbeschulbare". Die mag es geben, pauschal stimmt es nicht. Andere taten anfangs so, als ob da nur Herzchirurgen kämen mitsamt klugem Nachwuchs. Stimmt auch nicht. Noch immer herrscht die naive Vorstellung, dass mit ein bisschen Schule aus Geflüchtenden hurtig Fachkräfte und Steuerzahler werden. Dabei ist das nicht einfach, sondern ein Kampf, auch wenn allerorten Willkommensklassen entstanden sind, wenn Lehrer und Ehrenamtliche sich reinhängen.

Integration ist kein Selbstläufer, war es nie - man muss nur sehen, wie noch die dritte Generation von Zuwanderern hinterherhinkt, wie schlecht Schule Vielfalt auffängt. Es gibt keine Spaziergänge in diesem Bildungssystem. Selbst wenn Flüchtlinge gute Voraussetzungen mitbringen. Wie Mahmoud.

Er war in Syrien ein guter Schüler. Zu Hause wurde viel Wert gelegt auf Bildung in der Familie; der Vater ist früh gestorben, aber Grundbesitz und etwas Wohlstand waren da, Pachteinkünfte auch. Mahmoud will lernen, darf lernen. Und das Umfeld hilft: Um UMF kümmern sich Behörden besonders, sie werden nicht in normale Asyl-Quartiere gesteckt. Mahmoud ist in einem Projekt der Roland-Berger-Stiftung gelandet, einem Haus für UMF in Ingolstadt, mit Sozialarbeitern, Dozenten, Betreuern, Mentoren, ein einfühlsames Team. Es gibt individuelle Förderpläne, es riecht bei jedem Besuch nach Nudelauflauf. Hier sind Kümmerer am Werk, netzwerken können sie auch - mit Schulen, Ämtern, Ausbildungsbetrieben oder Vereinen.