Studium Muss man Kindererziehung jetzt studieren?

Der Erzieherberuf verändert sich, meint Wissenschaftler Jürgen Schwier.

(Foto: Jakob Berr)

Die ersten Absolventinnen des "Kita-Master" bekommen Zeugnisse. Studiengangsleiter Jürgen Schwier erläutert, warum die neue Ausbildung gebraucht wird.

Interview von Matthias Kohlmaier

Wer eine Kindertagesstätte leiten möchte, muss nicht nur mit Kindern umgehen können, er oder sie braucht auch eine Menge rechtliche und betriebswirtschaftliche Kenntnisse. Um die zu vermitteln, startete zum Wintersemester 2015/16 der kooperative Studiengang "Kita-Master - Leitung frühkindlicher Bildungseinrichtungen". Nun bekommen die ersten Absolventinnen ihre Zeugnisse. Jürgen Schwier, Leiter des Studiengangs und Vizepräsident für Studium und Lehre der Europa-Universität Flensburg, erklärt, warum der "Kita-Master" so wichtig ist.

SZ.de: Kleinkinder würden früher zu Hause erzogen - mit Zeit und Zuneigung. Muss man dafür nun studiert haben?

Jürgen Schwier: Traditionell haben wir bei Kindertageseinrichtungen noch immer die Vorstellung, dass sich die Kinder möglichst frei entwickeln sollten und die pädagogischen Fachkräfte eher Begleiter sind. Ich denke zwar nicht, dass man Inhalte der Grundschule in die Kitas verlagern muss. Aber man kann etwa viele naturwissenschaftliche Phänomene dort schon spielerisch thematisieren. Dafür braucht das Personal Kompetenzen, die in einem Studium sehr gut vermittelt werden können.

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Was hat sich verändert?

In Deutschland wird seit Jahren über die Bildungsfunktion von frühkindlichen Betreuungseinrichtungen diskutiert. Früher wollte man das Kind eben für einige Stunden beaufsichtigt wissen. Heute aber weiß man, dass Kleinkinder große Lernpotenziale haben, die man nicht vergeuden sollte. Wer sich für eine Leitungsfunktion etwa in einer Kita interessiert, braucht deshalb meiner Meinung nach eine Ausbildung, die über die des Erziehers hinausgeht.

Wurden bisher zu geringe Ansprüche an Erzieher gestellt?

Soweit würde ich nicht gehen wollen. Aber in Dänemark zum Beispiel gibt es die Erzieherausbildung längst nicht mehr, dort ist für den Weg in diesen Beruf ein Bachelorstudium nötig. Ich denke, was die Akademisierung dieses Berufsfeldes betrifft, hängen wir in Deutschland im europäischen Vergleich etwas hinterher. Der Job verändert sich und dem muss man Rechnung tragen.

Der Masterstudiengang läuft berufsbegleitend. Wie funktioniert das?

Wir arbeiten hauptsächlich mit blended learning, die Teilnehmer lernen - von einem Präsenzwochenende pro Modul abgesehen - online von zu Hause aus. Anders wäre der Master auch gar nicht möglich, da wir ausschließlich Studierende haben, die voll berufstätig sind. Das war auch für mich als Dozent eine neue Erfahrung, da ich meine Veranstaltungen direkt online halte und nur weiß, dass mir jemand zuhört, weil ich sehen kann, dass sich so und so viele Teilnehmer eingeloggt haben.

Welche Voraussetzungen müssen die Studierenden erfüllen?

Wir haben eine sehr bunte Palette von Biografien. Da gibt es Kandidaten, die erst den Erzieherberuf gelernt haben und danach bereits einen Bachelor und Master gemacht haben, also schon akademisch vorgebildet sind. Wir haben aber auch Studierende, die viele Jahre Praxiserfahrung in frühkindlichen Bildungseinrichtungen mitbringen, aber noch keine Hochschule besucht haben. Letztere müssen einen Eingangstest bestehen und ein zusätzliches Modul zum Thema Forschungsmethoden belegen. Ich finde es aber wichtig und richtig, auch Menschen ohne akademische Vorbildung den Zugang zu diesem Studiengang zu ermöglichen.

Heute bekommen die ersten Absolventinnen des Kita-Masters ihre Zeugnisse. Wie ist der neue Studiengang angenommen worden?

Deutlich besser, als wir erwartet hatten. Gerechnet hatten wir mit etwa 20 Teilnehmern pro Jahrgang, es sind aber in jedem der mittlerweile drei eingeschriebenen Jahrgänge mehr als 30. Das deutet darauf hin, dass es einen großen Bedarf gibt, sich in dem Bereich fortzubilden.

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