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Studium:"Wir können nicht anfangen, Rechtschreibkurse durchzuführen"

Wie viele Erstsemester kennen Sie denn beim Namen?

Vielleicht eine Handvoll.

Ist es da möglich, Talente zu entdecken?

Wenn wir eine Hilfskraft suchen, ist meistens einem meiner Mitarbeiter in der AG jemand aufgefallen. Dann lasse ich mir die Person beschreiben, und wenn es gut läuft, bin ich auf sie auch schon in der Vorlesung aufmerksam geworden. Aber das ist in gewisser Weise Glückssache: Es hängt davon ab, ob sich die Studenten trauen, in einer großen Gruppe zu reden.

Und die trauen sich umso weniger, je mehr Leute in der Vorlesung sind?

Nicht unbedingt. Es gibt einzelne, die mit klugen Beiträgen aus der Masse herausragen, und andere, die man nicht kennt. Das ist immer so, ob 80 oder 600 Leute im Hörsaal sitzen. Wer sich beteiligen will, tut das. Und wer keine Lust hat, spricht auch vor 100 Leuten nicht.

Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, sagt, die große Herausforderung der Hochschulen sei weniger die Menge an Studenten als ihre unterschiedlichen Bildungsniveaus.

Diese Heterogenität ist da, keine Frage. Die Zugangswege an die Hochschule sind immer verästelter, auch wenn Studenten ohne Abitur bei uns in Jura eher eine untergeordnete Rolle spielen. Was wir aber merken ist ein massiver Einbruch der mündlichen und schriftlichen Ausdrucksfähigkeit. Das wird von Jahr zu Jahr schlechter.

Typologie der Professoren

Allwissende, Schwerenöter und Drittmittelkönige

Das müssen Sie erklären.

Es fehlt häufig an elementaren Dingen: Dass ich zum Beispiel den Konjunktiv 1 benutze, wenn ich fremde Meinungen referiere: Da gibt es immer noch Leute, die das filigran beherrschen, aber es gibt andere, da ist das gar nicht mehr vorhanden, von Rechtschreibung und Zeichensetzung ganz zu schweigen. Ein weiteres Problem ist ein immer stärker zu beobachtendes Desinteresse, was Politik angeht. Wir stehen heute vor einem Auditorium, bei dem die meisten denken, es reiche, das zur Kenntnis zu nehmen, was einem die Facebook-Timeline reinspült. Aber wer nicht weiß, was der Bundestag ist, der wird sich im gesamten öffentlichen Recht wahnsinnig schwer tun, und nicht nur dort.

Sie könnten Brückenkurse veranstalten, wie in vielen anderen Fächern.

Das ist die Frage: Bis zu welchem Maß müssen wir nacharbeiten, was eigentlich Aufgabe der Schulen wäre? Klar ist: Wir können nicht anfangen, Rechtschreib- und Grammatikkurse durchzuführen. Klar ist aber auch, dass wir darauf reagieren müssen, dass nicht mehr alle Jurastudenten in einer Familie aufwachsen, wo abends selbstverständlich die Nachrichten laufen. Wir veranstalten AGs, bieten Unterstützung an, aber alles im Rahmen unserer Möglichkeiten. Da sind wir wieder bei dem Massenproblem: Jedes Defizit kann ich mit mehr Zeit in einer kleineren Gruppe besser beheben.

Sie zeichnen Ihre Vorlesungen auf Video auf und stellen Sie ins Internet. Lassen sich so die Schwächen einer Massenveranstaltung so zumindest zum Teil beheben?

Einerseits sind die Videos eine prima Sache für Leute, die nicht kommen können, weil sie kleine Kinder zu betreuen haben oder kranke Angehörige; oder für Leute, denen es inhaltlich zu schnell geht oder sprachlich. Sie können das Video anhalten und zurückspulen. Für manche aber wird die Aufzeichnung endgültig zum Hindernis, sich auch einmal an der Vorlesung zu beteiligen. Nach dem Motto: Wenn ich eine dumme Frage stelle, dann ist die für alle Zeiten im Internet.

Wer vor 600 Leuten spricht, traut sich noch lange nicht, wenn die Kamera läuft?

Genau. In Wahrheit hört man Fragen aus dem Auditorium im Video gar nicht, aber das psychologische Moment darf man nicht unterschätzen. Vor der Klausur Ende Januar biete ich oft eine Online-Videosprechstunde an, weil es nach der Weihnachtspause viele Fragen gibt. Das wird extrem gut angenommen, wenn die Studenten Fragen per Textchat stellen können. Einmal aber sollten sie sich selbst per Video zuschalten. Kaum jemand hat mitgemacht. Und die, die es doch taten, hielten sich ein Buch vors Gesicht.

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