SS-Vergangenheit von Uni-Mitbegründer Überzeugter Weltanschauungskrieger

Die Vorlesung über "Literaturgeschichte als Provokation" machte ihn berühmt. Nun wurde die Rolle von Hans Robert Jauß im Dritten Reich erforscht.

(Foto: Universität Konstanz)

Er war Literaturwissenschaftler, Romanist, Mitbegründer der Konstanzer Reformuniversität - und Mitglied der SS: Hans Robert Jauß. Nun hat die Uni seine Vergangenheit erforschen lassen.

Von Volker Breidecker

Es war an der Zeit, endlich Klarheit über das Vorleben des weltbekannten Literaturwissenschaftlers und Romanisten Hans Robert Jauß (1921-1997) im Dritten Reich herzustellen. Der Mitbegründer der Konstanzer Reformuniversität und Stifter des lange Zeit einzig bedeutenden Exportguts deutschsprachiger Literaturwissenschaft, der sogenannten Rezeptionsästhetik - sie erforscht Rolle und Anteil des Lesers am literarischen Werk -, dieser Hans Robert Jauß zählt auch zu den Vaterfiguren bei der "zweiten Gründung" dieser Republik in den sechziger Jahren des Aufbruchs. Mit der von ihm ins Leben gerufenen, legendären Forschungsgruppe "Poetik und Hermeneutik" lieferten Jauß und seine gelehrten Mitstreiter - darunter Reinhart Koselleck, Hans Blumenberg, Wolfgang Iser, Wolfgang Preisendanz und Dieter Henrich - bedeutende Beiträge zur Wiedereinholung dessen, was in Deutschland unter dem Nationalsozialismus abgebrochen war. Dies diente dazu, die deutschen Geisteswissenschaften überhaupt wieder an das im westlichen Europa und in den USA erreichte Niveau heranzuführen.

Klarheit über Jauß' Mitgliedschaft und Rolle bei der Waffen-SS - dem militärischen Arm des vom Reichsführer Heinrich Himmler geleiteten Ordens elitärer Weltanschauungskrieger - bringt jetzt eine von der Konstanzer Universität in Auftrag gegebene Studie. Verfasst hat sie der ausgewiesenen Militärhistoriker Jens Westemeier. Die Studie zieht alle Register neuerer biographischer Forschung. Im Audimax der Universität wurden die Ergebnisse am Mittwochabend in Konstanz vorgestellt, und auf der Homepage der Uni steht die 125 Seiten starke, quellengesicherte Studie jetzt zum Herunterladen im Netz.

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Für den Entschluss der Aufarbeitung, die vom Rektor Ulrich Rüdiger getragen und gegen lokale Widerstände verteidigt wurde, hatten sich die Konstanzer allerdings viel Zeit gelassen. Die Gerüchte über Jauß' Verfehlungen kursierten immerhin schon seit den Siebzigerjahren. Konkreter wurden die Vorwürfe Mitte der Neunziger, Jauß selbst orakelte stets ausweichend, während die nähere Umgebung die Sache nach gewohnten Mustern bagatellisierte, sie zur Jugendsünde eines Siebzehnjährigen erklärte, welcher er bei Kriegsende - im Rang eines SS-Hauptsturmbannführers - schon lange nicht mehr war.

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Im Herbst vergangenen Jahres wurde das lange Schweigen durchbrochen von der Aufführung eines szenischen Dramas aus der Feder des Juristen und Theaterautors Gerd Zahner: Auf den Brettern des Audimax tauschte der Jauß figurierende Schauspieler den Text von dessen berühmter Antrittsvorlesung von 1966 über "Literaturgeschichte als Provokation" aus gegen das Urteil der Spruchkammer, die 1947 über Jauß' Mitwisserschaft an sämtlichen Verbrechen des Nationalsozialismus verhandelt und diese bejaht hatte.

Der davon ausgelöste Rumor lag auch jetzt am Mittwoch noch im selben Saal in der Luft, von dessen Bühne der Historiker Jens Westemeier mit gebotener Sachlichkeit seine kluge, grundsolide Expertise vorstellte, ohne freilich zu verschweigen, wie sehr die Sache selbst und ihre große Aufmerksamkeit auch an seinen Emotionen rührte.

Wie auch an den Emotionen des Publikums, dem man vor allem in der anschließenden Diskussion deutlich anmerkte, dass hier noch immer deutsche Familienaffären in über mehrere Generationen verteilten Rollen ausgetragen werden. Die von einem längst verblichenen Geschlecht angerichteten und ihren Nachkommen hinterlassenen Lasten liegen auch weiterhin wie ein Albdruck auf den Köpfen der Lebenden: Es gab Eingeständnisse der Traurigkeit ob des gerade Vernommenen; Willenserklärungen, "niemanden verletzen" zu wollen; bis hin zum Raunen über den damit angebrochenen oder gar vollendeten Untergang der Konstanzer Universität im dicht gedrängten Chor der Alten Herren.

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