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Schulschließungen:Schulen sind längst in der "neuen Normalität" angekommen

Schule unter Coronabedingungen

Grundschüler gehen in Schwerin durch einen Eingang mit einem Hinweisschild zu den Sicherheitsabständen als Corona-Schutzmaßnahme zu ihrem Klassenraum.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Statt Woche für Woche über verlängerte Ferien oder veränderten Schulunterricht zu sinnieren, wäre es besser, darüber nachzudenken, was wirklich sinnvolle Kontaktbeschränkungen für Erwachsene sein könnten.

Kommentar von Mareen Linnartz

Wäre es nicht so brisant, es wäre fast schon ermüdend. Denn mit ständig steigenden Infektionszahlen und zunehmender Nervosität kommen Politiker wie Lehrervertreter jetzt wieder mit Ideen um die Ecke, die im Pandemie-Frühjahr vielleicht noch schlüssig erschienen, im Pandemie-Herbst es aber nicht mehr sind, und in deren Zentrum verlässlich diejenigen stehen, die sich am wenigsten gegen solche Vorschläge wehren können: Kinder. Vergangene Woche erst forderten Unionspolitiker, doch einfach die Weihnachtsferien zu verlängern, um bestmöglich durch die Pandemie zu kommen. Jetzt meldete sich der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, in einem Interview mit der Rhein-Neckar-Zeitung zu Wort. In vielen Städten und Gemeinden, in denen der kritische Wert von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner überschritten sei, laufe der Regelbetrieb trotzdem weiter. Er habe zunehmend das Gefühl, Schulen würden auf "Teufel komm raus" offen gehalten, wo es doch bei diesen Werten eine Rückkehr zum Wechselbetrieb mit halbierten Klassen geben müsste.

Meidinger vergisst zu erwähnen, dass Wechselbetrieb ab einem Inzidenzwert von 50 in den meisten Fällen keine konkrete Handlungsanweisung ist. Und er übersieht etwas anderes, viel Wichtigeres: Schulen sind - wie vielleicht wenige andere gesellschaftliche Bereiche - mit ihrem stark regulierten Präsenzunterricht längst in der "neuen Normalität" angekommen, eine Rückkehr zu einem reduzierten Betrieb wäre mit dem heutigen epidemiologischen Wissen und dem aktuellen Stand der Infektionslage eine voreilige Maßnahme und, noch mehr: ein Rückschritt.

Denn, man weiß ja jetzt: Kinder und jüngere Jugendliche, im Frühjahr noch gerne als "Virenschleudern" bezeichnet, sind mit großer Wahrscheinlichkeit nicht die Treiber der Pandemie - in den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts für Schulen steht das sogar explizit so drin. Eher vermutet man diese Treiber im Treiben der Erwachsenen, bei Partys und sonstigen privaten Zusammenkünften, wo man die AHA-Regeln vielleicht im Kopf hat, sich aber mit der Umsetzung schwertut.

Anders an den Schulen, an denen, um mit Meidinger zu sprechen, inzwischen "auf Teufel komm raus" quer- und stoßgelüftet wird, Lehrer und Lehrerinnen auf Elternabenden berichten, wie vorbildlich sich Kinder an die Maskenpflicht halten und an denen mit einem ausgetüftelten Einbahnstraßen-Laufsystem im Schulhaus und abgetrennten Bereichen auf dem Pausenhof verhindert wird, dass man sich zu nahe kommt. Vermutlich gibt es also kaum einen besser überwachten und geregelten Bereich, was die Einhaltung der Corona-Vorsichtsmaßnahmen betrifft als die Klassenräume an deutschen Schulen. Wenn Kinder also eher keine Virenschleudern sind und Schulen eher kein Hort von Infektionsausbrüchen, warum sollte man dann jetzt auf Wechselbetrieb umstellen?

Weil das, könnte man dagegenhalten, verbunden mit dem ja durchaus wahrnehmbaren Digitalisierungsschub an deutschen Schulen, eine noch bessere Maßnahme wäre, um Lehrer und Lehrerinnen wie auch Schüler und Schülerinnen und ihre Familien zu schützen. Das aber ist viel zu kurz gegriffen. Schon im Sommer berichteten Sozialarbeiter, was die wenigen Wochen kompletter Schulschließungen bei Kindern und Jugendlichen angerichtet hatten, bei denen zu Hause Wlan, warmes Mittagessen und elterliche Unterstützung nicht zum Standard gehörten: Lethargie, Gewichtszunahme, Konzentrationsschwierigkeiten, Depressionen. Für diese Kinder würde jetzt im Herbst Schule im Wechselbetrieb bedeuten: regelmäßig eine Woche Schule zu Hause und damit regelmäßig eine Woche, in der sie noch mehr abgehängt werden.

Der Staat hat einen Bildungsauftrag, um ihn gut zu erfüllen, sollte er sehr genau überlegen, welche Maßnahmen in Corona-Zeiten gerechtfertigt sind. Statt also Woche für Woche über Kontaktbeschränkungen für Kinder und Jugendliche - und nichts anderes sind verlängerte Ferien oder veränderter Schulunterricht - zu sinnieren, wäre es besser, darüber nachzudenken, was wirklich sinnvolle Kontaktbeschränkungen für Erwachsene sein könnten.

© SZ/fzg
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