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Lehrkräfte mit Vorerkrankungen:Risiko Unterricht

'Lernbrücken' in Baden-Württemberg

Unterricht in Baden-Württemberg: In dem Bundesland bleiben sechs Prozent der Lehrerinnen und Lehrer dem Unterricht fern.

(Foto: dpa)

Lassen sich zu viele Lehrkräfte vom Unterricht befreien? Das bemängelte Friedrich Merz unlängst. Hier erzählen Lehrerinnen und Lehrer, warum sie sich trotz Vorerkrankung vor die Klasse stellen - und was ihre Sorgen sind.

Protokolle von Bernd Kramer

Wo sind all die Lehrerinnen und Lehrer hin? Der Mann, der sich anschickt, Chef der CDU zu werden und wohl auch nichts dagegen einzuwenden hätte, wenn man ihn im kommenden Jahr zum Bundeskanzler wählen würde, hatte dieser Tage eine sehr klare Meinung: Die Lehrkräfte sind nicht in den Schulen, wo Friedrich Merz sie gerne sähe, sie lassen sich massenweise vom Arzt per Attest zu Angehörigen einer Risikogruppe erklären. "Es bleiben einfach zu viele zu Hause", sagte der Kandidat für den CDU-Vorsitz im Gespräch mit der Bild-Zeitung.

Seine Sympathie, so Merz, gelte daher der Kultusministerin in Schleswig-Holstein: Dort prüft ein Betriebsarzt des Landes alle Freistellungsgesuche - und offenbar streng: Gerade einmal 23 Lehrkräfte sind laut Ministerium nicht im Präsenzunterricht eingesetzt. 2300-mal wurde zuvor ein entsprechender Befreiungsantrag gestellt.

Tatsächlich gehen die Länder sehr unterschiedlich mit Lehrerinnen und Lehrern um, die aus Angst um ihre Gesundheit nicht an der Tafel stehen möchten. In vielen Ländern wie etwa in Hessen oder in Bayern reicht es, wenn der Haus- oder Facharzt ein Attest ausstellt - oft können die Lehrkräfte dann per Internet unterrichten wie zur Zeit der Schulschließungen. Sachsen-Anhalt wiederum koppelt die Freistellung an die Zahl der Neuinfektionen: Erst wenn binnen einer Woche mehr als zehn neue Corona-Fälle pro 100 000 Einwohner gemeldet werden, ist überhaupt eine Befreiung vom Präsenzunterricht möglich - und das auch nur mit Attest vom Betriebsarzt.

Wie viele Lehrerinnen und Lehrer bleiben den Schulen derzeit also wirklich fern? Der Wert unterscheidet sich zwischen den Ländern stark. Mal sind es weniger als ein Prozent wie in Brandenburg, mal sechs Prozent wie in Baden-Württemberg. Enorm viele, wie Friedrich Merz suggeriert, sind es in der Regel aber nicht.

Manche kommen sogar in den Unterricht, obwohl sie zu Hause bleiben könnten. Und andere müssen in die Klassen, obwohl es ernsthafte gesundheitliche Bedenken gibt. Hier erzählen Lehrerinnen und Lehrer aus der Risikogruppe, wie es ihnen mit dieser Situation ergeht.

"Ärzte gehen natürlich immer vom schlimmstmöglichen Szenario aus"

Klaus Schabronat unterrichtet Deutsch und Geschichte an einem Gymnasium in Andernach, Rheinland-Pfalz: "Ich bin 52 Jahre alt, Diabetiker, schwer nierenkrank und habe noch andere Gebrechen. Mein Arzt fragte, ob ich ein Attest wolle. An meiner Stelle würde er nicht wieder in den Präsenzunterricht gehen. Aber Ärzte gehen natürlich immer vom schlimmstmöglichen Szenario aus. Und inzwischen kennt er mich gut genug, um zu wissen, dass ich meinen eigenen Kopf habe.

Ich halte das Risiko im Moment persönlich für vertretbar. An unserer Schule haben wir Bodenmarkierungen in den Klassenräumen angebracht, sogenannte Schutzzonen. Wenn Lehrer Vorerkrankungen haben oder für sich von einem erhöhten Risiko ausgehen, können sie mit ihren Schülerinnen und Schülern vereinbaren, dass sie hinter der Linie bleiben. Daran halten sich alle, man muss die Jugendlichen wirklich loben: Sie nehmen Corona ernst und sind sehr diszipliniert. Wenn ich zu einem Schüler an den Platz gehe, ziehe ich eine Maske über, und die Schüler setzen dann ebenfalls die Maske auf. Ansonsten verzichte ich im Unterricht auf den Mund-Nasen-Schutz. Früher habe ich viel Gruppenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern gemacht. Das geht jetzt kaum noch, weil die Jugendlichen während der Stunden ja immer den gleichen Sitznachbarn haben sollen. Das heißt, ich rede viel mehr als sonst und der Unterricht ist leider wieder sehr frontal. Eine Doppelstunde lang durch eine Maske zu brüllen, wäre mir zu anstrengend. Ein herzkranker Kollege hält das anders: Er trägt im Unterricht Maske und verlangt das auch von den Schülerinnen und Schülern. Zu Hause bleiben will aber auch er nicht, obwohl er könnte, da geht es uns ähnlich. Mir tut es gut, vor der Klasse zu stehen, das Unterrichten macht mir Freude.

Selbstverständlich verfolge ich genau, wie sich die Infektionszahlen bei uns im Ort entwickeln. Ab wann ich die Lage anders einschätzen würde? Schwer zu sagen. Wenn hier im Ort die ersten Schulen schließen müssten, zu denen auch Geschwister meiner Schüler gehen, würde ich mir sicher Gedanken machen. Das Attest habe ich mir jedenfalls für alle Fälle von meinem Arzt mitgeben lassen."

"Warum ist das Bildungsministerium so hartherzig?"

Bernd Schauer ist Geschäftsführer des GEW-Landesverbandes in Schleswig-Holstein. Die Gewerkschaft vertritt mehrere Lehrkräfte rechtlich: "Wir haben zehn Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht angestrengt, weil Kolleginnen und Kollegen trotz Vorerkrankungen keine Freistellung vom Präsenzunterricht bekamen. Leider will keiner von ihnen selbst in der Öffentlichkeit sprechen, die Angst vor Konsequenzen ist bei den Betroffenen groß. Zumal neun der zehn Verfahren mit einer Ablehnung ausgegangen sind: Die Betroffenen müssen also in die Klassen.

In einigen Fällen hat das Ministerium aufgrund unserer Klagen zumindest nachgebessert. Eine Kollegin unterrichtet jetzt hinter einer Plexiglasscheibe, in einem anderen Fall wird die Klasse zweifach besetzt, so dass eine zweite Lehrkraft alles übernimmt, wo ein engerer Kontakt zu den Schülern nötig ist. Eine andere Kollegin erteilt weitgehend Förderunterricht in Kleingruppen mit Hochbegabten, so dass sie weniger Kontakte hat.

In einem Fall sind wir aber in Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht gegangen. Die Kollegin ist Mitte 50, unterrichtet an einem Gymnasium an der Westküste und leidet an Multipler Sklerose. Ihr Facharzt bescheinigte ihr eine höhere Anfälligkeit für Erkrankungen jeder Art. Die Infektionszahlen mögen im Moment niedrig sein in Schleswig-Holstein, aber die Kollegin hat große Befürchtungen. Sie sagt: Ein einziger Corona-positiver Schüler würde ja schon reichen, um sie in ernsthafte Gefahr zu bringen. Vor den Sommerferien hat sie ihre Klassen problemlos online unterrichtet, so etwas wäre jetzt auch möglich. Dass selbst diese Kollegin keine Freistellung erhält, halte ich für nicht hinnehmbar. Nur ein kleiner Teil der Lehrerinnen und Lehrer hat beantragt, aus gesundheitlichen Gründen nicht im Präsenzunterricht eingesetzt zu werden. Warum ist das Bildungsministerium so hartherzig und verwehrt es ihnen?"

"Wenn sie die Masken nicht mehr tragen, bin ich weg"

Andrea S. unterrichtet Deutsch und Englisch an einer Regionalen Schule in Mecklenburg-Vorpommern: "Vor dem Beginn des Schuljahres hatte ich einen Gesprächstermin per Telefon mit einer Betriebsärztin des Arbeitsmedizinischen Dienstes. Ich leide unter Bluthochdruck und nehme ein Medikament, das im Verdacht steht, Thrombosen zu begünstigen. Nach fünf Minuten war klar: Ich gehöre zur Risikogruppe. Ich könnte zu Hause bleiben.

Ich weiß von einer Freundin, die an einer anderen Schule unterrichtet, dass es da durchaus böses Blut gibt, weil Kollegen im Home-Office sind. Sie werden per Video zum Unterricht in die Klassen geschaltet, aber natürlich sind die Kinder dabei nicht so leise, als stünde ein Lehrer leibhaftig vor ihnen. Und die Kollegen vor Ort sind genervt von der Lautstärke. An meiner Schule ist das Miteinander gut, ich arbeite seit 20 Jahren hier und alle Kolleginnen und Kollegen hätten Verständnis, wenn ich in der Corona-Zeit nicht in den Präsenzunterricht wollte.

Aber ich bin Lehrerin geworden, um vor der Klasse zu stehen. Da sieht man direkt die Fragezeichen in den Gesichtern der Jugendlichen. Und auch das Strahlen, wenn sie etwas verstanden haben. Im Videochat ist das nie so unmittelbar, da ist bei irgendwem immer die Verbindung schlecht oder die Kamera kaputt. Das will ich mir nicht noch einmal antun.

Ich habe meinen Schülerinnen und Schülern daher gesagt: Mein Arm, dein Arm, das ist der Abstand, den wir einhalten. Es ist irgendwie auch entzückend, wie die Kleinen dann mit ausgestrecktem Arm nach vorne kommen.

Aber ich beobachte mit Sorge, dass gerade die Jüngeren mit den Masken laxer werden. Die vergessen sie manchmal einfach zu Hause und sagen dann: 'Ich halte mir einfach die Hand vor den Mund, geht das auch?' Wenn es so einfach wäre! In den ersten Tagen haben wir in solchen Fällen die Eltern angerufen, jetzt haben wir Einwegmasken im Sekretariat vorrätig. Die Betriebsärztin hatte in unserem Telefonat gleich gesagt, ich solle mich jederzeit melden, wenn ich das Gefühl habe, das die Hygieneregeln nicht mehr eingehalten werden. Im Moment geht es noch und die Schulleitung ist sehr wachsam. Aber wenn sie die Masken nicht mehr tragen, bin ich weg."

© SZ.de/jerb
Karin Prien

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