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Corona:Die Nervosität in den Schulen steigt

17.08.2020, xmkx, News Schulstart unter Corona-Auflagen in Hessen, Schulen in Langen , Dreieichschule Eingangsschild, M

Die Welle rollt, doch wie wird sich das diesmal auf die Schulen auswirken?

(Foto: imago images/Patrick Scheiber)

Obwohl es vereinzelt infizierte Kinder an Schulen gibt, sind sie kein wesentlicher Motor der Pandemie. Dennoch rücken Schulschließungen wieder in den Blick. Experten warnen dringend davor.

Von Susanne Klein

Orange, Rot, Dunkelrot - das reicht nicht mehr. Manche Medien haben für ihre Corona-Karten schon ein dunkles Violett dazugenommen, etwa für Frankfurt und Solingen, wo am Wochenende der Inzidenzwert von 200 Infektionen je 100 000 Einwohner in sieben Tagen überschritten wurde. Die Welle rollt, doch wie wird sich das diesmal auf die Schulen auswirken?

Gefährdet die rasante Entwicklung den mühsam errungenen Konsens in Politik und Gesellschaft, die Schulen wenn irgend möglich offen zu halten? In Berlin hat die Gesundheitssenatorin am Samstag Lockdown-ähnliche Maßnahmen vorgeschlagen, bei denen auf "Stufe 2" neben Bädern und Museen auch Kitas und Schulen geschlossen werden sollen. Wann die Stufe greifen soll, ist unklar, aber der Vorstoß zeigt: Die Nervosität steigt, der Konsens könnte schnell bröckeln.

"Wenn die Gesamtinzidenzrate in der Bevölkerung hoch ist, dann schwappt es natürlich auch in die Schulen rein", warnt Johannes Hübner in einer virtuellen Expertenrunde, die am vergangenen Freitag über die sozialen und wirtschaftlichen Kosten von Schulschließungen diskutierte. Zugleich betont der Kinderinfektiologe der Ludwig-Maximilians-Universität München, worüber Wissenschaftler sich heute weitgehend einig sind: Obwohl es vereinzelt infizierte Kinder an Schulen gebe, seien sie kein wesentlicher Motor der Pandemie.

Hübner, der auch leitender Oberarzt am Haunerschen Kinderspital in München ist, weiß mit dieser Aussage das Robert-Koch-Institut hinter sich. Das hatte am Donnerstag mitgeteilt, dass da, wo derzeit Cluster von Neuinfektionen mit mindestens fünf Personen entstehen, Schulen und Kitas eine fast verschwindend geringe Rolle spielen.

Die Krise kostet drei Prozent des Lebenseinkommens

Eingeladen zu der Gesprächsrunde hatte Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der OECD. Schleicher ist Statistiker, also legt er zunächst einige Zahlen vor. So schätzt die OECD, dass Schüler durch die in der Corona-Krise entstandenen Lernverluste drei Prozent an Lebenseinkommen verlieren werden. Ein Durchschnittswert, Schüler mit viel Bildungsunterstützung von zu Hause belaste er kaum, aber "er wird überproportional die Kinder aus den sozial schwächsten Familien treffen", sagt Schleicher. Vor allem die zehn Prozent am unteren Ende des Leistungsspektrums - "und genau die hat diese Corona-Krise am meisten getroffen".

Die Datenbasis für die düstere Vorhersage liefert das 2011 und 2012 durchgeführte sogenannte Erwachsenen-PISA der OECD. Der Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Ifo-Institut hatte bereits im Juni mit diesen Daten eine ähnliche Prognose errechnet. In absoluten Zahlen ausgedrückt, verringert sich laut Wößmann das Lebenseinkommen je nach Berufsqualifikation um durchschnittlich 13 500 bis 30 000 Euro.

Aus Frankfurt nimmt die Makroökonomin Nicola Fuchs-Schündeln an der Videorunde teil. Sie sagt auf anderer Datengrundlage und modellbasiert etwas geringere Einkommensdefizite bei coronabedingt weniger gebildeten Menschen voraus, die Rede ist von einem Prozent. Wichtiger ist der Professorin der Goethe-Universität allerdings die Botschaft, "dass die Effekte nicht linear sind: Wenn die Schulschließungen länger andauern, dann steigen die Effekte überproportional". Das liege daran, dass die wirtschaftlich verwertbaren Fähigkeiten und Kenntnisse aufeinander aufbauen. Lücken seien schwer nachträglich zu schließen, grundlegende Bildungsdefizite bei jüngeren Kindern besonders gravierend. "Aus wirtschaftlicher Perspektive ist ganz klar, die Priorität sollte sein, die Schulen so weit wie möglich offen zu lassen", sagt Fuchs-Schündeln.

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