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Lehrerpräsidentin:"Zehn Jahre lang verschlafen"

Flipped Classroom: So funktioniert digitales Lernen

Auch wo Tablets vorhanden sind, fehlt es oft am Knowhow, wie gute digital gestützte Pädagogik geht.

(Foto: dpa-tmn)

Bei der Digitalisierung des Unterrichts sei viel versäumt worden, sagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes . Die Lehrkräfte seien nun aber besser vorbereitet.

Interview von Christian Füller

Schulschließungen sind längst da, daraus macht die Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes keinen Hehl. Sie sagt aber auch: Lehrkräfte seien auf den Fernunterricht besser vorbereitet als im März. Doch ist "besser" gut genug? Die Frage drängt. Auch München hat nun den Inzidenzwert von 100 überschritten.

SZ: Frau Fleischmann, könnten Lehrkräfte und Schulen den Fernunterricht heute besser bewältigen als im Frühjahr?

Simone Fleischmann: Ja, die Lehrerinnen und Lehrer haben seitdem viel für Online-Kommunikation mit Schülern trainiert. Sie müssten nicht per Knopfdruck auf etwas für sie völlig Neues umschalten.

Sie schauen dem nächsten Lockdown der Schulen selbstbewusst entgegen?

Es gibt ihn ja, wenn wir ehrlich sind, an vielen Orten längst. 15 000 Schülerinnen und Schüler in Bayern sind im geteilten oder im Fernunterricht. Aber wir müssen den Eltern trotzdem klipp und klar sagen: Ein durch Lernvideos und Lernmanagementsystem gestützter Fernunterricht wird nicht das Gleiche wie analoges Lernen in der Schule sein.

Warum nicht - woran hapert es denn noch?

Digitale Bildung erfordert ein Umdenken. Ein Beispiel: Die Lehrerinnen und Lehrer wissen jetzt, was der flipped classroom ist, also das umgedrehte Klassenzimmer, bei dem Lehrkräfte die Inputphase der Stoffvermittlung den Schülern als Video für zu Hause zur Verfügung stellen - und dann in der Klasse individuell auf die Fragen der Schüler eingehen. Viele Lehrer wissen aber noch nicht, wie das Tag für Tag im Detail pädagogisch umzusetzen ist: Ob und was sie zusätzlich zu dem Video als Hausarbeit aufgeben sollen, wie sie den Lernfilm im Klassenzimmer orchestrieren und wie man das idealerweise nachbereitet.

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Wieso beherrschen Lehrer und Lehrerinnen das noch nicht?

Weil wir an Digitalisierung nicht aufholen können, was wir alle zusammen, Politik, Gesellschaft und Pädagogik, zehn Jahre lang verschlafen haben. Ja, wir Lehrer können heute Kommunikation mit allen Schülern herstellen. Nein, ein neues perfektes Modell von Fernlernen oder hybridem Lernen können noch nicht alle Lehrer beherrschen.

Und welche Lehrkräfte oder Schulen können es?

Es gibt nicht die Schule. Wir müssen nach Region und nach Schulform unterscheiden. Ein High-End-Gymnasium in einem prosperierenden Mittelzentrum ist ein anderer Fall als eine Schule im Brennpunkt. Hier haben wir vielleicht schon ein Drittel von Lehrerinnen und Lehrern, die souverän mit digitalen Tools umgehen. Woanders wird es Lehrende geben, die sich womöglich denken: Für meine Schüler ist was anderes wichtiger. Das sitzen wir aus.

Welche Schulen sind das?

Nehmen Sie eine Brennpunktschule, wo wahrscheinlich jeder Schüler ein Smartphone hat, das aber noch gar nicht als Bildungsmedium begreift. Sei es, weil er es praktisch 24 Stunden am Tag als soziales Medium zur Kommunikation mit seinen Peers benutzt. Sei es, weil ihm die innere Ruhe fehlt, die konstruktiven Möglichkeiten eines Handys zu nutzen. Wir alle wissen, dass es Schulen gibt, die gerne digitale Bildung praktizieren würden, deren Schüler aber auch ganz andere Sorgen haben - größere, als wir uns das ausmalen wollen. Die fallen durch alle sozialen Netze. Das Internet aber wird sie nicht auffangen.

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes.

Simone Fleischmann, 50, unterrichtete an einer Hauptschule und leitete eine Mittelschule, bevor sie 2015 die Präsidentschaft des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) übernahm.

(Foto: BLLV)

Was erwarten Sie von der Politik?

Dass sie nicht nur Digitalgipfel als "Wünsch-dir-was" der Technologie veranstaltet, sondern die Schulen in die Eigenverantwortung entlässt.

Der bayerische Ministerpräsident hat eine große Digitaloffensive für die Schulen angekündigt. Ist das nichts?

Doch, dafür zolle ich ihm ausdrücklich Lob. Markus Söder hat - technisch und finanziell gesehen - erkannt, was wichtig ist. Er hat die Millionen dorthin geleitet, wo auch wir sie haben wollen.

Aber?

Die Pandemie fällt mit einem historischen Lehrermangel zusammen. Das können wir nicht durch Endgeräte und Daten-Flatrates ausgleichen. Wir haben einfach zu wenig qualifizierte Lehrkräfte, die wir quer über die Schulformen einsetzen können.

Und das ändert sich so schnell auch nicht.

Das heißt, wir brauchen eine integrierte Lehrerbildung, die uns künftig professionell qualifizierte Lehrpersonen bringt, die wirklich in jeder Schulform einsetzbar sind. Kurz gesagt: Wir schaffen die Pandemie nicht mit einem Personalrecht für Schulen, das aus dem 20. Jahrhundert stammt. Und wir haben keine Zeit. Es ist nicht zu schaffen, dass ein Lehrer den ersten Teil der Klasse vormittags analog unterrichtet - und am Nachmittag den anderen Teil der Klasse per Video.

Wenn Sie Markus Söder einen Rat geben könnten, welcher wäre das?

Vertrauen. Er sollte den Lehrkräften vertrauen, und die Schulleiter stärken. Die Rektorinnen und Rektoren sind die mit Abstand wichtigsten Manager in der Krise. Sie könnten, wenn sie freier über Personal und Budget verfügen könnten, die Situation besser meistern - so angespannt sie immer sein mag.

© SZ vom 26.10.2020
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