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Digitalisierung in der Bildung:"Dieser Durchschnittsschüler existiert nicht"

Die großen Unterschiede zwischen den Schülern treiben Lehrer und Politiker seit Jahren um. Die Pisa-Studien zeigen, wie stark die Niveaus innerhalb eines Jahrgangs abweichen. Individuelle Förderung lautet deshalb das große Ziel der Bildungspolitik. Kann die Digitalisierung sie ermöglichen? Ja, sagt Dräger. Noch orientierten sich Schulen an Lehrplänen, die für einen Durchschnittsschüler geschrieben seien. "Das Problem: Dieser Durchschnittsschüler existiert nicht. Wenn der gleiche Lehrer alle Schüler im gleichen Tempo mit dem gleichen Material im gleichen Raum mit den gleichen Methoden und dem gleichen Ziel unterrichtet, sind Langeweile bei den einen und Überforderung bei den anderen unvermeidbar."

Die Rolle des Lehrers ändert sich dadurch. Die besten Pädagogen könnten das Standardwissen Tausenden Schülern in Videos vermitteln, der einzelne Lehrer kann mit weiteren Fragen daran anknüpfen und sich um die Probleme einzelner Schüler kümmern. Sicher, die neuen digitalen Möglichkeiten werden nur die Schüler nutzen, die dazu motiviert sind. Doch auch da könnte die Software helfen, indem sie zum Beispiel Elemente von Computerspielen in sich aufnimmt, die bei vielen Jugendlichen so populär sind: Belohnungen zum Beispiel, Aufstieg in höhere Levels, oder selbst gewählte Schwierigkeitsgrade.

Einmal erstellt, lässt sich Lernsoftware millionenfach und günstig einsetzen

Bislang werden Computer nur mit mäßigem Mehrwert in Deutschlands Schulen eingesetzt. Der Erfolg sei kaum spürbar, stellte das Münchner Ifo-Institut dieses Frühjahr fest. Ein Problem ist die oft klägliche Ausstattung. Laut Umfragen sind Lehrer zwar nicht solche Technik-Muffel, wie ihnen oft zugeschrieben wird, sie wünschen sich Fortbildungen. Bei einer Befragung von Schülern, welche Geräte den Unterricht täglich prägen, sagten aber 85 Prozent: der Kopierer. Hört man sich um an Schulen, wird erzählt von völlig veralteten PCs mit Windows 98, oft würden sie gar nicht mehr gestartet, weil die halbe Stunde rum sei, bis sie laufen - wenn sie laufen.

Mit der Vernetzung der Daten, mit individuell reagierenden Programmen könnte sich die Lage ändern - so wie manch andere digitale Angebote erst spät an Schwung gewonnen haben. Es ist wie bei einem einfachen Online-Shop, in dem man zum Beispiel ein Buch von Max Frisch suchen und bestellen kann. All das kann man im Bücherladen auch. Ein modernes Bücherportal dagegen bietet Leseproben an, Rezensionen und blendet auch gleich noch mutmaßlich passende Angebote ein, etwa von Philip Roth, weil andere Käufer von Max-Frisch-Werken auch gerne Bücher des US-Schriftstellers bestellt haben

Das Prinzip vernetzter Bildungssoftware ist das gleiche. Insbesondere den Abgehängten könnte das zugute kommen, denn Digitalisierung macht Bildung billiger: Einmal erstellt, lässt sich ein Programm millionenfach einsetzen. Digitalisierung könnte so auch ein Vorwand zum Sparen sein - und zur Privatisierung, wie Bildungsgewerkschaften warnen. Denn die Software, die so viele Aufgaben übernimmt, wird von Privatunternehmen erstellt.

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