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Mint-Fächer:Mädchen interessiert Informatik mit gesellschaftlicher Relevanz

"Es ist nicht unser Ziel, aus jedem Mädchen eine Informatikerin zu machen", sagt Robert Heininger, der das Sommerprogramm der Informatik-Fakultät an der TUM koordiniert. "Aber besonders den Mädchen, die begabt, aber unsicher sind, wollen wir die Möglichkeit bieten, ihre Stärken weiterzuentwickeln."

Dennoch zucken beim "Smart Gardening" viele Schülerinnen mit den Schultern, wenn man sie nach ihrem Berufswunsch fragt. Luise spielt seit der vierten Klasse Klarinette. "Ich kann mir auch vorstellen, Musik statt Informatik zu studieren." Anna meint: "Reine Physik oder Informatik sind nichts für mich, aber vielleicht Medieninformatik oder Spieldesign."

Schule "Kinder mit Dyskalkulie werden behandelt, als sei ihnen nichts beizubringen"
Rechenschwäche

"Kinder mit Dyskalkulie werden behandelt, als sei ihnen nichts beizubringen"

Dabei sei es möglich, jedem Kind Grundlagen im Rechnen zu vermitteln, sagt ein Mathedidaktiker. Er hält die Rechenstörung für eine Ausrede der Schulen.   Interview von Larissa Holzki

Solche Aussagen überraschen den Soziologen Renn nicht. "Maschinenbau und Elektrotechnik klingen für viele junge Frauen abschreckend theoretisch und unkreativ", sagt er. "Sobald es aber um Umwelttechnik, Medizintechnik oder erneuerbare Energien geht, steigt ihr Anteil an Bewerbern enorm." Tatsächlich lag an der TUM 2015 die Frauenquote bei Erstsemestern in Bioinformatik bei 55 Prozent, in klassischer Informatik bei 14 Prozent. "Für viele Frauen ist es wichtiger als für Männer, dass ihre Arbeit eine gesellschaftliche Relevanz hat, dass sie Menschen helfen und Probleme lösen", sagt Renn.

Die Abneigung entsteht oft schon in der Schule. "Naturwissenschaftlicher Unterricht ist in Deutschland häufig sehr abstrakt", sagt Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der OECD. Statt lebensnahe Fragen zu stellen, würden Gesetzmäßigkeiten gelehrt - und so die Neugier abtrainiert. Um die Fantasie anzuregen, müsse man "fächerübergreifend an Problemen der täglichen Welt arbeiten", so Schleicher.

Dabei stärker Gesundheits- und Umweltaspekte zu thematisieren, kann Ortwin Renn zufolge auch helfen, Selbstzweifel auszuräumen. "Bei einer schlechten Note sagen sich Jungs: Da war ich wohl ein bisschen faul. Mädchen denken: Ich kann's eben nicht. Besonders, wenn ihnen seit frühester Kindheit eingeredet wurde, dass sich der Bruder um die Technik kümmern soll", sagt der Techniksoziologe. Deshalb plädiert er auch dafür, etwa in Informatik, anfangs geschlechtergetrennt zu unterrichten.

Mit Sensor, Mikrochip und der Programmiersprache Snap! müssen sich die Mädchen im Kurs auseinandersetzen - hier greift kein Junge helfend ein.

(Foto: Catherina Hess)

Rollenbilder halten sich hartnäckig

Doch lässt sich überhaupt feststellen, welche Mint-Förderung tatsächlich wirkt? Das sei kaum möglich, weil zwischen den Angeboten und der Studien- und Berufswahl meist viel Zeit vergehe, sagt Susanne Ihsen, Professorin für Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften an der TUM. "Außerdem spielen viele andere Faktoren wie Familie, Freunde oder praktische Erfahrungen eine Rolle."

Die Forscherin glaubt, dass der Frauenanteil in technischen Studiengängen nur allmählich wachsen wird, weil sich tradierte Rollenbilder nicht abrupt ändern. Wichtig sei der kontinuierliche Kontakt mit Technik. "Mentorinnen, die beim Übergang an die Uni und während des Wechsels in den Beruf zur Seite stehen, sind auch sehr wertvoll."

Im Workshop zur Pflanzen-App sind es Informatik-Studentinnen, die den Mädchen das Programmieren und den Stromkreis näherbringen. Nach dem dreitägigen Seminar steht bei Luise ein Minicomputer zu Hause auf der Fensterbank, der anzeigt, ob ihre Blume es zu feucht, zu trocken oder zu hell hat. Keine technische Lösung gibt es für die Frage, was Luise nach dem Abitur im nächsten Jahr studieren will. Da ist sie sich auch nach dem Ferienkurs noch unsicher.

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