Digitalisierung der Schule "So doof sind die allermeisten Lehrkräfte nicht"

Für die Digitalisierung der Schule braucht es mehr als moderne Hardware, findet Lehrer Robert Plötz.

(Foto: picture alliance / Patrick Seege)

Lehrer Robert Plötz unterrichtet seit Jahren mit digitalen Hilfsmitteln. Ein Gespräch über fortschrittliche Pädagogen und langsames Internet.

Interview von Matthias Kohlmaier

Bund und Länder sind sich ja einig, eigentlich: Der Digitalpakt Schule, in dem der Bund den Ländern und Kommunen über einen Zeitraum von fünf Jahren gut fünf Milliarden Euro zur Verfügung stellt, um Tablets et cetera zu kaufen, ist eine tolle Sache. Wie und wann er kommt, ist trotzdem unklar. Der Bundesrat will in seiner Sitzung am 14. Dezember den Vermittlungsausschuss anrufen, um über eine vom Bundestag bereits beschlossene Grundgesetzänderung zu diskutieren. Sie soll das Kooperationsverbot in der Bildung lockern, findet in den Ländern aber keine Zustimmung.

Aber wie sieht es eigentlich an den Schulen derzeit in puncto Digitalisierung aus? Dazu kann Robert Plötz eine Menge erzählen. Er unterrichtet seit 2000 an einem Münchner Gymnasium Mathematik, Physik und Informatik. In einem Youtube-Video erklärt er seinen Kollegen, wie das mit dem digitalgestützten Unterricht in Zukunft laufen könnte.

SZ: Herr Plötz, Sie nutzen viele digitale Hilfsmittel im Unterricht. Haben Sie Ihre Kollegen schon anstecken können?

Robert Plötz: Es gibt es verschiedene Lager im Kollegium, die meisten aber sagen, sie würden gerne mehr digital machen. Unsere neueste Beamergeneration bietet Lehrkräften zum Beispiel die Möglichkeit, das private Tablet per App mit dem Beamer zu verbinden. Das finden viele Kollegen toll, weil sie direkt mit dem Tablet unterrichten können, das sie von zuhause gewöhnt sind und mit dem sie souverän umgehen können. Trotzdem sind wir in puncto Ausstattung noch nicht da, wo wir in meinen Augen sein sollten.

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Das beschlossen die Länder bei einer Sitzung der Kultusminister. Wie es nun weitergeht, bleibt aber unklar.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Ich habe mir 2017 privat einen Beamer gekauft und den von Klassenzimmer zu Klassenzimmer geschleppt, weil wir in der Schule einfach nicht genug davon hatten. Der Mangel an Hardware fördert bei ohnehin skeptischen Kollegen nicht gerade die Lust am digitalen Unterrichten.

Wo liegen neben dem Mangel an Hardware die größten Probleme?

Frustrierend wird es immer, wenn die Technik schlicht nicht funktioniert. Man liest ja ständig, die Lehrkräfte wären in Sachen Digitalisierung noch nicht so weit. Aber eigentlich stimmt das nicht, es fehlen einfach moderne Geräte in ausreichender Zahl, pädagogisch vernünftige Softwarekonzepte - und vor allem schnelles Wlan. Wenn ich in der Klasse noch nicht mal ein Youtube-Video laden kann, bringen mir die tollsten Tablets nichts.

Bevor der Bund in den Ländern auch in Fortbildungen für die Lehrkräfte investiert, braucht es also erst mal eine bessere technische Ausstattung?

Absolut. Natürlich ist es auch wichtig, die Lehrkräfte bei der Digitalisierung pädagogisch zu unterstützen. Aber nochmal: So doof und hinter dem technischen Fortschritt zurückgeblieben, wie das oft dargestellt wird, sind die allermeisten Lehrkräfte nicht. Wenn ich mir die Smartphoneschwemme im Lehrerzimmer anschaue, die längst auch etwa die älteren Kollegen aus den Geisteswissenschaften ergriffen hat, mache ich mir wirklich keine Sorgen.

In Ihrem Erklärvideo auf Youtube betonen Sie, dass die Software bei der Diskussion um digitalen Unterricht oft vergessen wird. Was stellen Sie sich vor?

Selbst wenn die Schulen mit Hardware gut ausgestattet wären, sehe ich die Gefahr, dass die Geräte ohne ordentliche Lernsoftware kaum zu Einsatz kommen. Mit dem Tablet kann man mal einen Film machen oder etwas aufschreiben, das war es dann aber auch. Wir brauchen gute Softwarekonzepte, die die Schüler begeistern und motivieren. Und die Entwicklung dieser Konzepte ist keine Aufgabe der Länder und auch nicht vom Bund, es ist eine europäische Aufgabe.

Das müssen Sie erklären.

Im Moment überlassen wir das den Lehrbuchverlagen, aber die sind dafür eindeutig zu klein. Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass das Englischbuch in zehn Jahren per Spracherkennung mit dem Schüler reden kann. Es hat aber kein Verlag die Kapazität, eine eigene Spracherkennung zu programmieren - und wir können schon aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht die Programme von Google oder Apple nehmen. Warum also sollte nicht Experten aus ganz Europa die notwendige Software gemeinsam konzipieren, die in allen Ländern Europas zum Einsatz kommen kann? Wenn der Schüler nur ein PDF zu lesen bekommt, ist das doch mager und auch kein Lernanreiz. Die Technik kann so viel mehr, das müssen wir für die Schule nutzen.