Bafög-Novelle:Finanzielle Hürden beim Studium mit 40 oder 50

Studentin Harwood kann sich auch verlassen - auf ihren Ehemann. "Ohne seine Unterstützung könnte ich nie studieren", sagt sie. Jeden Cent dreimal umdrehen muss sie nicht. Dennoch empfindet sie es als ungerecht, dass die Politik ihr - anders als ihren jungen Kommilitonen - indirekt Hürden auferlegt. "Das Gerede vom lebenslangen Lernen wird durch so eine Regelung doch ad absurdum geführt", sagt sie. Und schließlich gibt es Spät-Studenten, die Singles sind oder in knapperen finanziellen Verhältnissen leben.

Mit der Kritik steht Harwood nicht alleine. "Die Altersgrenzen beim Bafög gehören abgeschafft", fordert Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. "Das Bafög muss viel stärker gesehen werden als das Herzstück eines künftigen Systems zur Finanzierung des lebenslangen Lernens." Auch Studentenvertreter sehen es kritisch, dass sich die Regierung nicht an die Altersgrenzen herantraut. "Sehr enttäuschend" nennt das Daniel Gaittet, Vorstandsmitglied im Studenten-Dachverband fzs. "Die Politik fordert, dass Menschen sich möglichst ein Leben lang weiterbilden und versäumt es dann, die Voraussetzungen dafür zu schaffen."

Das Ministerium bestätigt auf SZ-Anfrage indirekt das Veto des Bundesfinanzministers. "Es ist und bleibt klare Politik der großen Koalition, weiter zur Haushaltskonsolidierung beizutragen", sagte der Sprecher. Aber das Thema Altersgrenzen berge zudem Probleme. Schwierig sei die Bemessung des Bedarfs, wenn deutlich mehr Empfänger etwa eine Familie zu versorgen hätten; auch würde die Rückzahlung (normales Bafög wird je zur Hälfte als Zuschuss und Darlehen gewährt) womöglich bis ins Rentenalter reichen. Insgesamt, so der Sprecher, müsse mit der aus Steuermitteln finanzierten Sozialleistung zunächst etwas "im Interesse der Chancengerechtigkeit junger Menschen" getan werden - dies sei die Priorität gewesen.

Problembewusstsein bei der Ministerin

Eine Hoffnung bleibt: Die Zuständigkeit des Bundes könne Neuerungen "im Einzelfall beschleunigen", sagt der Sprecher, der Bund werde "flexibler auf studentische Anliegen eingehen können". Womöglich irgendwann die der älteren Studenten?

Des Problems ist sich Wanka bewusst. Mit der Bologna-Reform und den Abschlüssen Bachelor und Master ist das Thema wichtiger geworden. Die Politik betont oft, dass der Bachelor berufsqualifizierend sei - schließlich könne man nach einer Berufstätigkeit den Master später noch nachholen. "Hochschulen sind in ihrem Selbstverständnis meist nur auf das Alter zwischen 18 und 25 ausgerichtet", heißt es beim Stifterverband für die Wissenschaft, einer Initiative der Wirtschaft. In Zukunft säßen im Studium jedoch bunte Truppen aus Schulabgängern und Mittvierzigern mit Berufserfahrung. Das Bafög mit Altersgrenzen scheint da in die Jahre gekommen zu sein - wie die neue Klientel an den Universitäten.

Annemarie Harwood verspricht sich vom Studium, mit Anfang 50 bessere Jobangebote zu bekommen: Nachdem sie sich eine Auszeit genommen hat, um zwei Kinder großzuziehen, sei das nicht der Fall gewesen. "Ich habe Abitur, eine Ausbildung als Industriekauffrau und war für meine Firma mehrere Jahre im Ausland. Als ich wieder einsteigen wollte, war das alles nicht mehr viel wert. Also dachte ich: Du musst mehr tun und zur Uni gehen."

Uni-Städte in Deutschland

© SZ vom 15.12.2014/jobr
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