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Bayern:Remmidemmi im Wildbad Kreuth

Hanns-Seidel-Stiftung beendet Mietvertrag Wildbad Kreuth

Mehr als vier Jahrzehnte war Wildbad Kreuth in festen Händen der CSU, bis die Partei ihre Winterklausur in den Chiemgau verlegt hat.

(Foto: hss/dpa)

Der Ort der legendären CSU-Klausuren soll in ein paar Jahren ein Luxus-Retreat für überreizte Vielverdiener werden. Aber erst einmal fürchten sich Ansässige vor der geplanten Zwischennutzung - eine Event-Location für 2000 Leute.

Von Matthias Köpf, Kreuth

Die jährliche Winterklausur ihrer Landesgruppe in Wildbad Kreuth hat die CSU über vier Jahrzehnte hinweg als großes Ereignis inszeniert, und selbst wenn es dafür ab und zu mal an politischer Substanz gemangelt haben sollte: Ein Event im Sinne des Spektakels waren die Treffen auf jeden Fall. Doch vor fünf Jahren ist die CSU mit ihrer Klausur ins Kloster Seeon im Chiemgau umgezogen, und um das bröckelnde Wildbad der Wittelsbacher rankten sich seither allerlei Pläne für Hotels und Wellnesstempel.

Inzwischen hat es der Hotelier Korbinian Kohler übernommen, um daraus wohl ab 2024 eine Art nobelkarges Sinn-Sanatorium für überreizte Vielverdiener zu machen. Zuvor jedoch soll das Wildbad noch einmal eine "Event-Location" werden. Zum Schrecken etlicher Menschen rund um den Tegernsee.

Kohler betreibt dort unter anderem das Nobelhotel "Bachmair Weissach", das aufgemöbelte Wallberghaus und den ehemaligen Wiesseer Kirchenwirt als "Bussi Baby" für die jüngere Kundschaft. Das Wildbad hat er Ende 2020 in Erbbaurecht auf mindestens 50 Jahre von einer neu gegründeten Familiengesellschaft der Wittelsbacher übernommen, nachdem Eigentümerin Helene in Bayern mit ihren wechselnden Plänen und Investoren nicht recht vorangekommen war. Für die drei Jahre, bis der Umbau des Wildbads in ein "Mental Retreat" beginnen soll, hat sich Kohler mit dem Münchner Luxus-Verpfleger Ulrich Dahlmann zusammengetan.

Der Caterer preist das Wildbad inzwischen - etwa für Geburtstagsfeiern, Firmenjubiläen oder "für ihre Traumhochzeit" - als "magischen Ort für kraftvolle Begegnungen, für stilvolle Lebensfreude und kulinarischen Genuss" an. Einzeln buchbar sind das Alte Restaurant, der Festsaal für 280 Gäste und die halb offene Molkehalle für bis zu 300 Personen. Misstrauen weckte Dahlmann allerdings mit dem Bewerben der "Bergwiese" vor dem Wildbad als "3 Hektar Freiheit in bayerischer Bilderbuchlandschaft" für bis zu 2000 Gäste.

Angesichts dieser Zahl, die selbst die CSU in besten Zeiten schwerlich erreicht hätte, schrillen etwa bei Angela Brogsitter-Finck von der "Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal" alle Alarmglocken. Die Schutzgemeinschaft hat sich just dem Bewahren der bayerischen Bilderbuchlandschaft verschrieben, was am Tegernsee längst nur noch heißen kann, das Schlimmste zu verhindern. Für Brogsitter-Finck ist das Wildbad "der heiligste Ort da oben" - und das, was Kohler und Dahlmann nach eigenen Angaben schon recht erfolgreich anbieten, sei nur "Remmidemmi" und "Halligalli" bis tief in die Nacht. Das soll zwar auch die CSU regelmäßig geschafft haben, dies allerdings nur im Wildbad und nicht auf der Wiese davor - samt absehbarer Störung von Landschaftsschutzgebiet und FFH-Flächen und des Status der ganzen Gemeinde Kreuth als einem von vier besonders sanften "Bergsteigerdörfern" des Alpenvereins in Deutschland.

Bürgermeister Josef Bierschneider (CSU) ist nach eigenen Worten zwar froh, dass nach fünf Jahren des langsamen Verfalls überhaupt wieder Leben ins Wildbad kommt. Über die drei Hektar Freiheit für 2000 Gäste freut er sich aber weniger, denn er habe Dahlmann bei einem Termin im Rathaus ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Partys oder andere Großveranstaltungen im Freien "in so einem sensiblen Gebiet" nicht in Frage kämen. Dahlmann habe das zugesagt, "und ich vertraue darauf, dass er sich dran hält", sagt Bierschneider. Hochzeiten und allerlei andere Feste und sämtliche Abiturfeiern des Tegernseer Gymnasiums hätten im Wildbad allerdings auch von 1974 bis 2016 stattgefunden, als die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung das Gelände gepachtet hatte. "Bis vor fünf Jahren war da immer was los."

© SZ vom 09.06.2021/wean, van
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Von Matthias Köpf

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