bedeckt München 13°

Niederbayern:Aufstand im Kernland

Luftaufnahme von der Baustelle des neuen Logistikzentrums mit 170.000 Quadratmetern bei Wallersdorf

Die Ausmaße des riesigen BMW-Logistikzentrums bei Wallersdorf sind aus der Luft gut zu erkennen. Die Aufnahme entstand vor der Eröffnung 2016.

(Foto: Klaus Leidorf)

In Wallersdorf soll noch ein gigantisches Logistikzentrum entstehen. Waren die Bürger vom ersten BMW-Projekt angetan, formiert sich nun Widerstand. Naturschützer, Bauern und sogar Mitarbeiter protestieren.

Vor fast dreieinhalb Jahren ist im niederbayerischen Wallersdorf ein gigantisches Ersatzteillager für BMW eröffnet worden. Bei der symbolischen Schlüsselübergabe für den 23,5 Hektar oder 32 Fußballfelder großen Komplex herrschte Euphorie. Der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sprach von einem "wuchtigen Bekenntnis zum Standort Bayern". Nun soll in Wallersdorf ein noch größeres Logistikzentrum entstehen. Es soll 28 Hektar Grund umfassen, was 39 Fußballfeldern entspricht. Zumindest ein Teil des Areals soll für ein Versorgungszentrum für BMW genutzt werden. Doch die Stimmung in Wallersdorf hat sich gedreht. Eine Initiative hat ein Bürgerbegehren gegen die Pläne gestartet.

Der Vorgang ist erstaunlich und dürfte neuen Schwung in die Debatte um den Flächenfraß in Bayern bringen. Weder in Wallersdorf noch anderswo im niederbayerischen Isartal hatten sie bis vor kurzem eine solche Initiative gegen den Flächenfraß auf dem Schirm. "Denn unsere Region hier ist ja BMW-Kernland", sagt Ottmar Hirschbichler. Der CSU-Mann ist seit zwölf Jahren Bürgermeister des 7000-Einwohner-Ortes und von dem Protest völlig überrascht worden. "Natürlich haben auch beim Ersatzteillager welche gemurrt, aber das waren nur einzelne", sagt er. "Ansonsten war die Zustimmung immens."

Der Grund: Es gibt kaum eine Familie in Wallersdorf, in der nicht irgendeiner bei BMW arbeitet. Oder zumindest einen kennt, der bei BMW arbeitet. 50 000 Arbeitsplätze in der Region, so hat es die Industrie- und Handelskammer Niederbayern einmal ausgerechnet, hängen direkt an den BMW-Standorten in Dingolfing und den anderen Kommunen an der A 92. Für Hirschbichler ist BMW das Synonym für Arbeitsplätze, Wohlstand, Sicherheit - für die Bevölkerung ebenso wie für seine Kommune.

Über das neue Projekt selbst sind bisher nur Eckdaten bekannt. Denn der Investor, die Dibag Industriebau AG aus München, will keine Details nennen. Auch BMW hält sich bedeckt. Ein Sprecher bestätigt nur, dass man "im Umkreis von 30 Kilometern um Dingolfing eine Fläche für ein Versorgungszentrum für E-Mobilität" suche. Wie bei solchen Logistik-Projekten üblich, trete BMW nicht selbst als Bauherr auf. Vielmehr werde man das Objekt von einem Investor mieten. Auf eine Ausschreibung hin seien mehrere Angebote eingegangen, bis Mitte des Jahres falle die Entscheidung. Wallersdorf hat freilich bereits im Februar den Weg für das Projekt frei gemacht.

Seither mobilisiert die Bürgerinitiative gegen die Pläne. Einer ihrer Sprecher ist ausgerechnet ein BMW-Mann. "Ich bin seit 33 Jahren bei BMW beschäftigt und habe in vielen Ländern den Strukturwandel in der Automobilindustrie gesehen", sagt Thomas Zauner. "Wo früher wirtschaftlich starke Regionen zu sehen waren, beherrschen heute Ruinen und Leerstand das Landschaftsbild." Die Gründe seien immer vergleichbar. Investoren erstellten einen Standort für einen Autohersteller. Komme es dann zu wirtschaftlichen Engpässen, könne sich der Konzern schnell zurückziehen. "Was bleibt, ist Leerstand und Industriebrache", sagt Zauner. Dieses Schicksal, sagt der BMW-Mann, wolle er "seiner niederbayerischen Heimat" ersparen.

Viel Verkehr, aber nur wenige qualifizierte Arbeitsplätze

Andere fürchten den Verkehr. Anders als prognostiziert seien durch das BMW-Logistikzentrum deutlich mehr Lastwagen in Wallersdorf unterwegs, sagen viele. Durch das neue Projekt werde der Verkehr weiter zunehmen. Wieder andere stören sich daran, dass das Versorgungszentrum nur wenige und vor allem gering qualifizierte Arbeitsplätze nach Wallersdorf bringen werde. Die Rede ist von gerade mal 180. Entsprechend gering werde die Gewerbesteuer ausfallen. "Das steht in keinem Verhältnis zum Flächenverbrauch", sagt Lisa Wax. Die ÖDP-Gemeinderätin hat das Bürgerbegehren mitinitiiert. "Von Flächeneffizienz kann keine Rede sein."

Auch viele Bauern üben harsche Kritik. Johann Kulzer, der viele Jahre Ortsobmann des Bauernverbands (BBV) in Wallersdorf war, ist aus Protest gegen das Projekt sogar aus dem Bauernverband ausgetreten - so wie drei andere Ortsobmänner. "Das ist bestes Gäuboden-Ackerland da draußen", sagt Kulzer. "Wenn das so weiter geht bei uns, dass immer mehr Äcker Industriegebiet werden, geht uns unsere Wirtschaftsgrundlage aus." Besonders ärgern sich Kulzer und seine Kollegen, dass eine lokale BBV-Funktionärin und Gemeinderätin das Projekt öffentlich befürwortet, weil es Arbeitsplätze und Steuereinnahmen bringe. "Das geht doch nicht", schimpft Kulzer. "Da wettert der BBV seit Jahren überall im Land gegen den Flächenfraß. Aber wenn es konkret wird, tun die Verbandsleute nicht nur nichts dagegen, sondern befördern ihn sogar, indem sie für solche Projekte stimmen."

Und natürlich hadern die Umweltschützer mit den Plänen. In nächster Nähe zu dem neuen Industriegebiet liegt der Lohgraben. Das ist ein drei Kilometer langer Biotopkorridor, der für 3,5 Millionen Euro naturnah gestaltet worden ist. Er soll bedrohten Vogelarten wie Kiebitz, Feldlerche oder Schafstelze auf die Beine helfen. "Der Lohgraben ist ein Vorzeigeprojekt", sagt Walter Franziszi vom Landesbund für Vogelschutz, der dritte Initiator des Bürgerbegehrens. "Die Arten, die sich hier angesiedelt haben, wären durch das Industriegebiet enorm beeinträchtigt."

Die Erfolgschancen der Bürgerinitiative stehen gut. Mit mehr als 800 Unterstützern, die sich in die Listen für das Bürgerbegehren eingetragen haben, dürfte sie das Quorum bereits geschafft haben. Andere hoffen, dass der Kelch womöglich ohne Bürgerentscheid an Wallersdorf vorübergeht. Angeblich ist auch Mamming im Rennen um das BMW-Versorgungszentrum. Der Ort liegt zwischen Dingolfing und Wallersdorf. Der Mamminger Bürgermeister Georg Eberl (CSU) gibt sich wortkarg. "Ich red nicht über ungelegte Eier", sagt er. Außerdem wolle er unbedingt vermeiden, dass sich die Mamminger so zerstreiten wie die Wallersdorfer.

© SZ vom 13.03.2020/lfr
Kirche von Schildthurn, 2017

SZ PlusMeinung
Strukturwandel
:Bedrohtes Land

Wirtschaftlich geht es Bayern so gut wie nie zuvor. Doch der Preis dafür ist hoch, die Dörfer verlieren ihre Identität. Dagegen wächst langsam der Widerstand.

Essay von Sebastian Beck

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite