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Unterfranken:Der neue Mittelpunkt der EU liegt in Unterfranken

Ein Acker in Gadheim wird nach dem Brexit zur neuen geografischen Mitte der Europäischen Union.

Ein Feld mit Fahnenmast, Bank und Mülleimer soll bald zentrale Bedeutung erlangen.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Ein Acker in Gadheim wird nach dem Brexit zur neuen geografischen Mitte der Europäischen Union. Die Vorfreude ist allerdings gedämpft.

Der Bürgermeister von Gadheim, Jürgen Götz, wird also am 31. Januar um Mitternacht tief Luft holen und ein Lied anstimmen. Er hat das jetzt schon auswendig drauf, und wer ihm dabei zuhört, wie er die ersten Zeilen mal probeweise anstimmt, der ahnt, dass diese Mitternachtsstunde in Gadheim, Unterfranken, eine Mischung aus Jubelfest und Trauerfeier werden dürfte. "Nehmt Abschied, Brüder / ungewiss ist alle Wiederkehr / die Zukunft liegt in Finsternis / und macht das Herz uns schwer." Getragen stimmt Götz diese Weise an, mit einer Prise Pathos in der Stimme, aber auch angemessen elegisch. Und das, sagt er, sei ja immer die Haltung dieses 80-Einwohner-Ortsteils von Veitshöchheim gewesen, seit man wusste, dass man künftiger Mittelpunkt der Europäischen Union wird, sollte der Brexit Wirklichkeit werden: Freudig erregt, klar, weil eben nur einer Mittelpunkt sein kann. Aber auch beklommen, weil die EU-Verkleinerung, die dahinter steht, kein Anlass zur Freude ist.

Wenn ihn nicht alle Zeichen trügen, so sagt der Bürgermeister, dann wird es am 31. Januar nun wohl soweit sein. Wobei sie das in Gadheim schon fünfmal gedacht haben, und immer wurde nichts daraus, weil den zuständigen Damen und Herren in London doch noch irgendwas eingefallen ist und der Brexit wieder verschoben wurde. Also kochen sie das mit den Festivitäten nun zunächst mal auf kleiner Flamme: Die Europahymne soll angestimmt werden, damit auch die Freude nicht zu kurz kommt; aber eben auch besagte Abschieds-Weise, um nicht allzu viel Euphorie aufkommen zu lassen. Dann werden noch Fahnen gehisst, mindestens die von Veitshöchheim und die europäische, auch mit möglichst allen 80 Gadheimern soll kurz angestoßen werden und danach gehen dann alle wieder nach Hause.

Richtig feiern will man erst im Frühling, wenn auch der berüchtigste Mittelpunkt-Euphoriker Bayerns nach Gadheim kommen dürfte. Bislang, sagt Bürgermeister Götz (CSU), habe man mit Ministerpräsident Markus Söder ja kaum Termine abstimmen können, weil die Lage in London so volatil war. Außerdem, auch das spreche für einen offiziellen Festakt erst im Frühling, sehe es am künftigen EU-Mittelpunkt winterbedingt derzeit noch ein "bisschen trostlos" aus. Gut, das war da eben bislang ein Acker. Und nun ist es eben ein Acker mit Fahnenmasten, Zufahrt und halbrunder Bank samt Mülleimer. Es gibt womöglich malerische Orte in Europa. Nicht aber zentralere.

Die Gadheimerin Karin Keßler kann sich noch gut an den Tag erinnern, als ein Anrufer ihr die Koordinaten des neu berechneten EU-Mittelpunkts nach dem Brexit hat zukommen lassen. Sie hatte an dem Tag kaum Radio gehört, und als sie sich die Koordinaten dann auf einer Karte anschaute, stieß sie einen fanfarenhaften Satz heraus, an den sie seither öfters mal erinnert wird: "Hey", rief sie, "das ist ja direkt bei den Nachbarn." Worauf der Anrufer sie leicht korrigierend nachahmte: "Hey, das ist ja direkt bei dir." Den ersten Reporter, der damals Kontakt zu ihr aufnahm, ließ sie wenig später wissen: "Wir sind der Nabel der EU." Der Satz ist Karin Keßler immer noch leicht peinlich. Aber das war eben der erste Überschwang.

Dass es erst im Frühling zum großen Gadheimer Festakt kommen wird, ist auch aus Keßlers Sicht von Vorteil. Ein fränkischer Acker im Spät-Januar ist eben ein fränkischer Acker im Spät-Januar, in ein paar Monaten aber könnte auf ihrem Feld schon eine Insektenwiese blühen. Keßler sucht gerade nach "Insektenpaten", die Lust haben, die "Artenvielfalt im Herzen Europas" zu unterstützen. Sie ist optimistisch, dass daraus was wird. Zwiespältige Gefühle überkommen sie trotzdem, wenn sie an den Festakt denkt. Wenn sich bislang der EU-Mittelpunkt verschoben hat - und das war ja öfters schon so - dann war das etwas zu feiern, weil "jemand der EU beigetreten ist". Diesmal wird das anders sein. "Hoffentlich verfestigt sich das nicht", sagt Keßler.

Eines übrigens ist sicher, egal was am 31. Januar passiert: Der EU-Mittelpunkt wird unterfränkisch bleiben. Denn dort liegt er heute schon - und zwar in Westerngrund, West-Unterfranken. Gadheim liegt östlich davon.

© SZ vom 20.01.2020/mmo
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