Tradition:Neigt sich die Ära der Würstlstände dem Ende zu?

Würste auf dem Grill

Zum Jahreswechsel hat die Würstl-Susi in Landshut ihr Geschäft aufgegeben.

(Foto: dpa)

Erst schließt der traditionsreiche Würstl-Toni seinen Stand in Regensburg, jetzt die Würstl-Susi in Landshut - nach mehr als 70 Jahren.

Kolumne von Hans Kratzer

Die meisten Häuser der Landshuter Altstadt sind mindestens 500 Jahre alt. Auch die dort verkehrenden Menschen strahlen eine große Beharrlichkeit aus, die Zumutungen der Moderne scheinen an ihnen wirkungslos abzuprallen. Auf der Straße verkaufen die Schwaiger wie zu Urgroßvaters Zeiten Obst und Gemüse, das Interieur des Ladengeschäfts Ernst Ziegler verströmt wie eh und je einen königlich bayerischen Charme, und unter den Bögen obwaltete bis vor Kurzem die Würstl-Susi, über viele Jahrzehnte hinweg eine Institution der kulinarischen Grundversorgung des Altstadt-Publikums.

Zum Jahreswechsel hat die Würstl-Susi ihr Freiluft-Geschäft aufgegeben. Seit Dienstag ist der von ihr geprägte Standort unter den Bögen verwaist, die im Topf erhitzten Wiener und Weißwürste mitsamt Senf und Brezen sind Vergangenheit, was jeden Stammgast mit Bitternis erfüllen muss. Innehalten, in eine heiße Wurst beißen und dabei einen Ratsch mit dem Publikum halten - alles vorbei. Ist auch die Würstl-Susi ein Opfer von Amazon?

Nun, eher nicht, noch liefert der gefräßige Handelsgigant keine heißen Würstl aus. Das Geschäft sei immer schlechter geworden, sagte die Würstl-Susi der Landshuter Zeitung. Und die Leute seien immer unfreundlicher geworden. "Einigen war die Susi kein Grüß Gott, kein Bitte und kein Danke mehr wert", schrieb das Blatt voller Wehmut, auch die schreibende Zunft der Stadt leidet erkennbar unter diesem Verlust.

Mehr als 70 Jahre hat der Würstlstand die Altstadt belebt. Vielleicht neigt sich die Ära der Würstlstände aber generell dem Ende zu. Die schnelle Leberkässemmel beim Metzger, der an jeder Ecke feilgebotene Döner, die Schnell-Pizzas und Fastfood-Mäcs - das Billig-Sortiment der Konkurrenz ist längst unüberschaubar.

Somit hat die Würstl-Susi das gleiche Schicksal ereilt wie vor einem Jahr den Würstl-Toni in Regensburg, der sogar eine 105-jährige Tradition hatte. "Es war zuletzt ein Fünferl-Gschäft", sagten die Betreiber zum Abschied. Zum Überleben hatte der Ertrag nicht mehr gereicht. Selbst der "Warme Hans" in Linz, einer der populärsten Würstlstände in Österreich, hat kürzlich wegen Unrentabilität aufgegeben. Wer heutzutage einen Würstlstand betreibt, der verhungert quasi vor der brutzelnden Bratwurst.

© SZ vom 04.01.2018/libo
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