Mitten in Bayern Die Bayern kriegen nicht genug von ihren Bräuchen

In Oberbayern und Schwaben verbringen etwa 50 000 Rinder den Sommer auf Almen. Genau: Oberbayern und Schwaben. Nicht Niederbayern.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Darum gibt es neuerdings auch in Niederbayern Almen und Perchten in der Oberpfalz. Da stimmt doch was nicht.

Kolumne von Hans Kratzer

Fußballkaiser Franz Beckenbauer hat einmal ein Länderspiel zwischen Deutschland und England mit dem Satz "We call it a Klassiker!" angekündigt. Ähnliches ließe sich auch über die bayerischen Bräuche sagen, obwohl diese zugegebenermaßen die Nerven so manches Zeitgenossen strapazieren.

Vor allem die sich stark vermehrende Gattung der Isarpreißn lässt sich neuerdings gerne auf dem Land nieder, angelockt durch die Aussicht auf Stille, Landluft und das Urige an sich. Doch ebenso schnell rennt diese Klientel hilfesuchend zum Anwalt, wenn sie merkt, dass auf dem gelobten Land die Kirchenglocken läuten, der Hahn kräht und die Bauern ihre Felder mit Odel würzen.

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Zurzeit sorgt ein einschlägiger Fall in Holzkirchen für Erheiterung, die Bild-Zeitung würdigte ihn mit der bewährten Überschrift "Irrer Streit". Dahinter steckt die Klage eines Unternehmers, den das Kuh-Gebimmel auf der Weide hinter seinem Haus extrem stört. Überdies wittert er Tierquälerei, Kuhmist und Ungeziefer, die Kühe sollen schleunigst weg. Die Gemeinde argumentiert, die Haltung von fünf Kühen auf der Weide sei ortsüblich. Dem Landgericht München II obliegt es nun, in diesem Streitfall eine kluge Entscheidung zu treffen.

Während Zuagroaste und Neureiche vom Landleben schnell frustriert sind, können die eingeborenen Bayern gar nicht genug davon kriegen. Schier unersättlich gebärden sich die Niederbayern und die Oberpfälzer. Weil ihnen die eigenen Bräuche längst nicht mehr genügen, ahmen sie zusätzlich die Sitten der Oberbayern nach.

Ein klarer Fall von Raubkopie lag beim Further Drachenstich vor, wo das Publikum diesmal auf einer Alm bewirtet wurde. Ostbayern, wo es seit Menschengedenken nie eine Alm gab, ist plötzlich ein Almenland. Auch auf den Volksfesten ist das Almerische omnipräsent - überdies sind oberbayerische Perchten, Böllerschützen und Kocherlbälle in Ostbayern der neueste Schrei.

Wehe, wenn das der Fahrer Rudl erfährt, ein alter Miesbacher, der nach Niederbayern zog, weil "i koan Gamsbart nimma sehng hob kinna!" Und jetzt präsentieren ausgerechnet die Niederbayern ganz stolz ihre Almen, Perchten und Kocherlbälle. Bald werden sie schwärmen: "We call it a Klassiker!"

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