Rezension "Da Doud vo Schtraubing" Jeder muss dran glauben

Totentänze schmücken Innenwände von Kirchen.

(Foto: Gunter Bergmann)

Die Tradition des Totentanzes greift der Autor Hans Vicari in seinem Balladenzyklus auf. Dass der Tod dort wie die Straubinger spricht, hilft denen nichts. Der Knochenmann rafft sie alle weg.

Von Hans Kratzer, Straubing

Bis zu seiner Auflassung im Jahr 1879 war der Petersfriedhof die zentrale Begräbnisstätte der alten Herzogsstadt Straubing. Seit dem Mittelalter fanden hier Menschen aus allen Schichten ihre letzte Ruhe. Tausende Grabdenkmäler und Epitaphien bilden bis heute ein einzigartiges kulturgeschichtliches Mosaik. Nach wie vor gilt, was der Historiker Felix Mader vor 100 Jahren schrieb: "Dem Besucher Straubings bleibt nichts so nachhaltig im Gedächtnis als der Friedhof bei St. Peter." Am vergangenen Sonntag wurden die Besucher des Friedhofs mit einem fast mystischen Erlebnis belohnt, das so recht zum Totenmonat November passte. In der 1486 erbauten Totentanzkapelle, einer von drei Kapellen auf dem Friedhofsareal, las der Straubinger Autor Hans Vicari drei Sequenzen aus seinem Balladenzyklus "Da Doud vo Schtraubing".

Wo passt dieses Thema auch besser hin als in diese ehrwürdige Kapelle, deren Wände mit 44 Totentanzbildern ausgeschmückt sind, die Felix Hölzl im Jahr 1763 gemalt hat. Die eh schon packende Atmosphäre wurde noch intensiviert durch die Klänge einer Drehleier und mittelalterlicher Lieder, zusammen mit den flackernden Lichtern ergab sich ein Potpourri, das bei den Besuchern ein magisches Gefühl erweckte. Und das, obwohl das Thema Totentanz nicht mehr in die heutige aufgeklärte Zeit zu passen scheint.

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Früher erregten Totentänze die Fantasie der Menschen vor allem in Zeiten der Not und der Kriege. Ihr Ursprung ist im hohen Mittelalter zu suchen, als in Europa die große Pest wütete. Gerade in solchen Schreckensjahren flüchten sich die Menschen in exzessive Ausschweifungen oder in einen Galgenhumor, gemäß dem Motto: "Wir sind dem Schicksal wehrlos ausgeliefert, jeder Tag könnte der letzte sein." Im Motiv des Totentanzes vereinigen sich deshalb der Tanz als Sinnbild der Lebensfreude und der Tod als Ende alles Diesseitigen. Es ist ein gewaltiges Sujet der europäischen Kulturgeschichte.

Der Totentanz im Füssener Kloster St. Mang, den der Maler Jakob Hiebeler vor mehr als 400 Jahren in der dortigen Annakapelle vollendet hat, ist der älteste erhaltene Zyklus in Bayern. Vermutlich finden sich unter den Putzdecken vieler anderer Kirchen noch weitere Totentänze. Viele wurden einfach überpinselt, als sie aus der Mode kamen. In Füssen und in Straubing sind sie zum Glück erhalten geblieben.

Den ehemaligen Lehrer und Altbürgermeister Hans Vicari hat dieses Thema nie losgelassen. Wer in Straubing aufgewachsen ist, sagt er, den ziehe es immer wieder hinaus zum Petersfriedhof und zur Totentanzkapelle, auch wenn deren Botschaft nicht gerade erfreulich klingt: Jeder muss dran glauben, vom Bettelmann bis zum Papst. Zur Kapelle gehört auch ein Karner, eine Stätte voller Gebeine von Verstorbenen, wie es sie früher an jeder Kirche gegeben hat. Da sei es schon mal vorgekommen, weiß Vicari aus eigenem Erleben, dass sich Buben einen Knochen oder gar einen Schädel aus dem Karner gegriffen haben, um damit den Mädchen einen Schrecken einzujagen. Die Jugendzeit ist halt von der Demut des Alters noch unberührt.

Am Sonntag ist Vicari natürlich in der lautersten Absicht in die Totentanzkapelle zurückgekehrt. Seinen Straubinger Totentanz hat er in Balladenform als einen Gang durch die Stadtgeschichte angelegt. Der zeitliche Rahmen der 24 Kapitel, von denen jedes einen realen historischen Hintergrund hat, reicht von der Steinzeit über den Tod der Bernauerin bis zur Umweltzerstörung heutiger Zeit. Illustriert werden die Kapitel von Schwarz-Weiß-Holzschnitten des Kunsterziehers Gunter Bergmann. Der Tod tritt bei Vicari und Bergmann als Knochenmann auf, der sich in seinem Verhalten den lebenden Menschen angleicht und sogar in der Mundart Niederbayerns spricht. Zum besseren Verständnis hat Vicari jedes Kapitel zusätzlich ins Standarddeutsche übersetzt. Dass der Tod wie die Straubinger spricht, hilft denen nichts. Gnadenlos rafft er sie alle hinweg, nachdem er seine Opfer in einen schaurigen Reigen gezwängt hat. Letztlich zeigt sich in dem Motiv das irreversible Hinscheiden aus dem Leben, das die Menschen zu allen Zeiten erschreckt hat.

Exemplarisch sei das 13. Bild erwähnt, das die blutigen Vorkommnisse in Straubing am 2. März 1920 aufgreift. Damals brachen öffentliche Unruhen aus, nachdem die Obrigkeit einige Metzger ins Gefängnis gesteckt hatte. Diese hatten hungernde Menschen versorgt, indem sie verbotenerweise einige Schweine schlachteten. Das Volk protestierte, stürmte das Gefängnis, es fielen Schüsse, denen mehrere Menschen zum Opfer fielen. Der Tod riss auch an jenem Tag sein Maul weit auf.

Hans Vicari, Da Doud vo Schtraubing. Ein Gäuboden-Totentanz. Mit Holzschnitten von Gunter Bergmann. Verlag Attenkofer, 29,80 Euro.

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