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Terrorismus:"Vertrau Gott und lauf los"

Anschlag in Ansbach

Tatort Ansbach: Die Bombe des Attentäters verletzte 15 Menschen. Der Sachschaden - hier ein kaputtes Schaufenster eines Fotogeschäfts - war gering.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Die Attentäter von Ansbach und Würzburg chatteten vor ihren Taten mit Kontakten in Saudi-Arabien. Für die Ermittler ist das neu: Offenbar erteilt der IS nicht nur direkte Befehle, sondern versorgte auch potenzielle Terroristen mit Tipps.

Es war kein aufregendes Foto. Ein eher tristes Bild. Es zeigte nur eine leere Reitbahn in Ansbach. Der Syrer Mohammad D., 27. schickte das Foto an einen Unbekannten, der vermutlich in Saudi-Arabien lebt. Auf dieser Reitbahn, teilte Mohammad D. seinem Gesprächspartner mit, werde bald ein Open-Air-Konzert stattfinden: "Dieser Platz wird voll von Menschen sein." Der Gesprächspartner antwortete: "Töte sie alle." Die beiden blieben dann in Kontakt.

Riaz A. war fast noch ein Kind. Der 17-jährige Flüchtling, der vermutlich aus Afghanistan stammt, lebte in Ochsenfurt in einer Pflegefamilie und galt als gut integriert. Was niemand ahnte: Er hatte heimlich Kontakt mit einem Unbekannten, der wohl ebenfalls in Saudi-Arabien lebt. "Hör dir eine wichtige Sache an. Ich werde heute in Deutschland mit einer Axt einen Anschlag begehen", sagte der Jugendliche. "Bruder, wäre es nicht besser, es mit einem Auto durchzuführen?" schrieb der Gesprächspartner zurück. "So wird die ganze Welt erneut aufgewühlt werden".

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Vier Tage zuvor hatte in Nizza ein mutmaßlich islamistischer Attentäter auf der Promenade des Anglais mit einem Lastwagen 85 Menschen getötet und die ganze Welt tatsächlich in Angst und Schrecken versetzt.

A. antwortete, er könne nicht Auto fahren. "Du solltest es lernen", schrieb der Unbekannte, "der Schaden wäre auch erheblich größer".

Mohammad D. und Riaz A. sind tot. Der eine starb, als er vor einem Weinlokal in Ansbach seine Rucksackbombe zündete. Der andere wurde, nachdem er mit einer Axt auf Fahrgäste einer Regionalbahn losgegangen war, von Spezialkräften der Polizei erschossen. Seither rätseln die Behörden, was die beiden Flüchtlinge Riaz A. und Mohammad D. dazu brachte, innerhalb von sechs Tagen diese Anschläge in Deutschland zu begehen.

Es sind schwierige Ermittlungen, der Generalbundesanwalt hat sie übernommen. Eine Schlüsselrolle bei den Ermittlungen spielen nach Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR ihre von der Polizei sichergestellten Mobiltelefone, die von Behörden in Bayern und des Bundes gemeinsam ausgewertet werden.

Nach ersten Erkenntnissen standen beide noch unmittelbar vor ihren Gewalttaten über Chats in Verbindung mit bisher nicht identifizierten Personen, die ihnen Ratschläge für die Attentate gaben, sie ermutigten, ja im Fall von Ansbach sogar zur Tat drängten. Und das Bundeskriminalamt fragt sich seit der Auswertung der Chat-Protokolle nun, ob das Internet nicht mehr nur für Propaganda der Terrormiliz Islamischer Staat genutzt wird - sondern ob hier auch eine konkrete Anleitung und Beratung von Tätern stattfindet.

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"Sie wollen ein Attentat verüben? Wir helfen Ihnen", könnte die Botschaft lauten. Die Welt kennt viele Formen des IS-Terrorismus. Da sind die Anschläge, die direkt vom IS in Auftrag gegeben werden. Die Attentäter sind dann so etwas wie Soldaten, die auf Befehl morden. Da sind Attentäter, die irgendeinem Terror-Aufruf des IS folgen, keinen Kontakt zur IS-Führung haben und selbst entscheiden, wo und wann sie morden. Und hinzu kommen nun offenbar im Hintergrund agierende "Berater", die keinerlei Befehlsgewalt haben, sondern potenzielle Terroristen mit Tipps versorgen.

Die deutschen Fälle mit den Helfern im Hintergrund sind für die Terrorermittler ein Novum. "Dem IS gewogene oder dschihadistische soziale Netzwerke" seien "nicht nur in der Lage, Freiwillige über die allgemeine Propaganda hinaus zu motivieren, sondern auch konkret zu beraten und anzuleiten", schreibt das Bundeskriminalamt in einer Analyse zu den Anschlägen in Ansbach und Würzburg.