Tafel für Tiere Wenn das Geld nicht mehr für Tierfutter reicht

Auch Tiere leiden darunter, wenn ihr Besitzer mittellos wird.

(Foto: Imago)

Die erste Tiertafel der Region gibt kostenloses Futter aus. Manche Tierbesitzer schämen sich so sehr, dass sie nur nachts kommen.

Von Melanie Kraus, Penzberg

Zögerlich gehen Mutter und Tochter die Treppen hinauf. In den Händen halten sie eine Einkaufstasche. Oben empfängt Karin Ratzek-Endreß die beiden mit einem Lächeln. Die Leiterin der Tierfutter-Tafel in der ehemaligen Molkerei in Penzberg und ihre Mitarbeiterin Verena Volkmann-Ertl nehmen die Tasche in Empfang. "Welche Tiere habt ihr denn?", fragt Ratzek-Endreß. "Zwei Kaninchen und eine Katze", antwortet das Mädchen und blickt schüchtern zu den beiden Frauen. "Schön, dann schauen wir mal", sagt Volkmann-Ertl und verschwindet im Lagerraum. Als sie zurückkommt, ist die Tasche gefüllt mit einer Ration, die Katze und Kaninchen für zwei bis vier Wochen reichen sollte.

Die Tierfutter-Tafel ist in ihrer jetzigen Form neu in der Region. Erst zwei Mal hatte sie bisher geöffnet. Karin Ratzek-Endreß hofft, dass sich das Angebot bald herumspricht. Organisiert wird sie vom Tierschutzverein Penzberg, der alle vier bis sechs Wochen für rund eineinhalb Stunden Tierfutter an arme Frauchen und Herrchen ausgibt, die auch Lebensmittel bei der Tafel beziehen dürfen. Das Futter kommt aus vier Spendenboxen, die in örtlichen Supermärkten aufgestellt sind. "Die sind schon alle vierzehn Tage voll", freut sich die Leiterin.

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Die Idee entstand, als die heute 51-Jährige vor einigen Jahren Wunschkugeln entdeckte. Das sind Christbaumkugeln, in deren Inneren ein Wunschzettel steckt. "Das wäre doch eine nette Idee für die Tiere", dachte sich Ratzek-Endreß und so organisierte sie, dass eine Liste bei der Tafel ausgelegt wurde, in die Bedürftige eintragen konnten, was sie sich für ihre Tiere wünschen. Ein Wunsch blieb der gebürtigen Münchenerin im Gedächtnis - eine Plastikwanne zum Baden für den Wellensittich. "Das ist ein Artikel für zwei Euro", sagt die Vorsitzende des Tierschutzvereins, "da wusste ich, ich hab ins Schwarze getroffen."

Einen Tag vor Weihnachten fand die Ausgabe der Geschenke statt, die teils von Bürgern oder einem Fachmarkt für Heimtierbedarf gespendet, teils mit dem Budget des Tierschutzvereins beschafft worden waren. Ratzek-Endreß erinnert sich, dass diese Aktion sehr gut ankam und alle glücklich waren, als sie ihre Tüten in Empfang nahmen. Eigentlich sollte diese Bescherung nur einmal stattfinden, aber die Tiertafel-Leiterin hatte "anscheinend ein rechtes Fass aufgemacht", wie sie selbst sagt. So entstand die Tafel, die Weihnachtsaktion findet dieses Jahr bereits zum siebten Mal statt.

Vor dem Umzug in die neuen Räume in der Christianstraße 6-8, die vom Penzberger Ordnungsamt zur Verfügung gestellt werden, arbeitete Ratzek-Endreß mit der Penzberger Tafel zusammen. Die konnte allerdings, als immer mehr Flüchtlinge kamen, die Bedürftigen aus dem Tölzer Umkreis nicht mehr mitversorgen. Die Tafel in Kochel wurde eingerichtet. Das Problem daran: Dort gab es keine Versorgung mit Tierfutter. "Es hat mich so geärgert, dass die Leute dann gar nichts mehr gehabt haben", erinnert sich die Vorsitzende. Eine Zusammenarbeit mit der Kochler Tafel kam nicht zustande. Also ergriff Karin Ratzek-Endreß selbst die Initiative in einer Kooperation mit dem Ordnungsamt.

"Nur für Schlangen haben wir noch nichts"

"Noch haben wir kein Gefühl dafür, wie viel Futter wir brauchen", sagt die Vorsitzende des Tierschutzvereins. Je nach Spende der Bürger steht den vier Helferinnen Nahrung für Hunde, Katzen, Vögel, Nagetiere, Fische, Schildkröten und Frettchen zur Verfügung. "Nur für Schlangen haben wir noch nichts", scherzt Kassierin Kathrin Zwerger. Die Lager seien im Moment voll und die Tierschützerinnen hoffen, das Futter unter die Leute zu bringen. Was übrig bleibt, geben die Damen an den Auslandstierschutz weiter, zu dem sie gute Beziehungen pflegen.

Die Helfer der Tiertafel geben Futter kostenlos an Halter aus (v. l.): Johannes Jauß vom Ordnungsamt der Stadt, das den Raum zur Verfügung stellt, Tierschutzvorsitzende Karin Ratzek-Endreß, Mitglied Verena Volkmann-Ertl und Kassierin Kathrin Zwerger.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Mit ihrer Arbeit wollen sie jedoch nicht fördern, "dass die Leute, die eh schon knapp bei Kasse sind, sich neue Tiere zulegen", sagt Zwerger. Ratzek-Endreß wendet ein, dass auch sie früher gedacht habe, dass Menschen, die sich selbst schon kaum ernähren können, nicht auch noch Tiere bräuchten. Allerdings lernte sie durch ihre Arbeit zu differenzieren. "Für manche ist so ein Haustier die einzige Lebensaufgabe", sagt sie. Viele der Bedürftigen hätten ihren Job verloren, lebten einsam ohne Angehörige. Da könne das Tier ein wertvolle Stütze im Leben sein, sagt die Tiertafel-Leiterin. Zudem gebe es auch die Situation, dass das Haustier schon da war, bevor sich die Lebenssituation der Menschen änderte - "was will man da machen?" Außerdem braucht der Tierschutzverein Hilfe bei der Versorgung zugelaufener Tiere. Ratzek-Endreß und ihre Kolleginnen sind froh, dass sich unter den Bedürftigen immer wieder jemand findet, der so ein Tier betreut.

Tagsüber hält sich der Andrang bei der Tafel noch in Grenzen. Es sei für die Bedürftigen nicht leicht, die Hilfe anzunehmen. Gerade in kleineren Städten wie Penzberg, in denen sich die Bewohner kennen, sei die Scham, zur Tafel zu gehen, oft zu groß, wie Ratzek-Endreß berichtet. Zwar laufe die Essensausgabe über die Ausweise der Tafel anonym, "aber die Anwohner kennen eben die Gesichter". Damit die Bürger trotzdem zu Nahrung für ihre Haustiere kommen, stellt sie ab und zu Kisten voller Futter vor ihre Tür. "Die werden dann in der Nacht von den Menschen abgeholt", sagt sie und ist sichtlich betrübt darüber, dass der Bedürftigkeit auch dann ein Stigma anhaftet, wenn es um die Versorgung von Haustieren geht.

Der nächste Ausgabetermin der Tiertafel wird veröffentlicht unter www.tierschutzverein-penzberg.de und auf der Facebook-Seite des Vereins

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