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Straubinger Kalender:Eine Chronik für die Ewigkeit

Ratgeber, Tagebuch, Allheilmittel - der "Straubinger Kalender" wird seit 425 Jahren verlegt und gehört so zu den ältesten Druckerzeugnissen der Welt.

Von Hans Kratzer, Straubing

Er ist fast 300 Seiten stark, gut 80 Autoren und Autorinnen haben ihn vollgeschrieben, dazu schmücken ihn unzählige Bilder. Das ist der Straubinger Kalender 2021, eine Publikation, die ein Unikum in der deutschen Presselandschaft darstellt. Immerhin gibt es dieses Druckwerk schon seit 425 Jahren, es ist der älteste Heimatkalender in Deutschland. Wie kann ein Produkt so lange überleben? "Unsere Auflage liegt stabil bei 16 000", sagt Claudia Karl-Fischer, Marketing-Leiterin im Verlag des Straubinger Tagblatts, in dem der Kalender alljährlich Mitte August erscheint. Er begleite ganze Familien von Generation zu Generation, das werde ihr immer wieder bestätigt, sagt Karl-Fischer. Die Leserschaft ist über die ganze Welt verstreut. Der Kalender wird bis nach Amerika, Brasilien, Argentinien und Namibia verschickt, dort ist er für viele eine Brücke in die alte Heimat. Der Kern der Abonnenten ist freilich in Altbayern zu finden.

Für den Inhalt ist seit jeher ein Kalendermann zuständig. Das waren stets literarisch und historisch gebildete Männer wie zuletzt der Autor Josef Fendl. Seit 2011 wird das Werk von der Straubinger Stadtarchivarin Dorit-Maria Krenn konzipiert, sie ist quasi die erste Kalenderfrau, und das mit Leidenschaft. "Da steckt mein Herzblut drin", sagt die studierte Historikerin und Germanistin, die dort alles umsetzen kann, was ihr publizistisch am Herzen liegt.

Sie wählt die Texte und Bilder aus, betreut die Autoren und sorgt für eine gute Mischung im Blatt. "425 Jahre, stellen Sie sich das mal vor", sagt sie, "und da darf ich mitwirken." Damit es den Kalender noch lange gibt, bemüht sich Krenn mit Erfolg um jüngere Autoren, die sich der allgemeinen Hektik entgegenstellen und trotzdem auf der Höhe der Zeit schreiben und dichten. Der Verlag betreibt mit diesem Projekt ein Kultursponsoring. Der Preis ist mit 5,20 Euro bewusst niedrig gehalten. Verleger Martin Balle sagt, es gehe nicht um Erlöse, es sei am Kalender nichts verdient, sondern um die Pflege des Heimatbewusstseins in Zeiten der Globalisierung.

Inhaltlich dreht sich vieles um den ostbayerischen Raum, der von Schriftstellern, Volkskundlern und Historikern dargestellt wird, aber nicht nur. Auch Laien bekommen im Kalender ein Forum, ebenso die Mundart, die Lyrik und der Humor. "Für Herz und Hirn eben", wie es Krenn ausdrückt. Und den klassischen Kalenderteil gibt es natürlich auch noch: die Monatsblätter mit dem Kalendarium, dazu Sonnen- und Mondfinsternisse, Feiertags- und Ferienzeiten, Maß- und Gewichtseinheiten. Sogar ein Trächtigkeitskalender nützlicher Haustiere ist dort zu finden.

Der Kalender hat seine Funktionen immer seiner Zeit und den Umständen angepasst. Neben der Bibel gehörte er zu den ersten Drucken seit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert. Oft bildete er in den Häusern der Kleinbürger-, Handwerker-, Dienstboten- und Kleinbauernschichten neben dem Gebetbuch das einzige Druckwerk. Der älteste noch existierende Kalender stammt aus dem Jahr 1750 und wird in der Staatlichen Bibliothek Amberg verwahrt. Allein sein Titel erstreckt sich auf 20 Zeilen. Inhaltlich sind diese Kalender eine Fundgrube. 1765 sind für etwa die letzten beiden Wochen des Januar "Wind und stürmische Tage" angekündigt. Das Monatsblatt endet mit dem Spruch: "Den Jungen Gschell und Schlitten her, der Alte liebt den Ofen mehr."

Die Menschen notierten darin aber auch, wann eine Kuh gekalbt hatte oder ein Kind geboren wurde, was sie beim Getreideverkauf eingenommen hatten und wie das Wetter war. Es sind eine Art Tagebücher, auch von Angehörigen sozial einfacher Schichten. "Es ist die Geburt der Autobiografie", schrieb der Volkskundler Konrad Köstlin. Bis zum frühen 19. Jahrhundert wurden die Abhandlungen für alle kurbayerischen Kalender mitsamt Horoskopen, Marktterminen und Getreidepreisen von Münchner Augustinermönchen verfasst.

In der Zeit der Aufklärung wurden die Volkskalender zunehmend zur Belehrung des Volkes genutzt. Die Kalendermacher wollten nicht nur religiös-sittlich erziehen, sondern eine Allgemeinbildung vermitteln und den Landwirten neueste Technik des Ackerbaus und der Viehzucht darreichen, wie Krenn sagt. Auch medizinische Aufklärung, Hygiene und der Kampf gegen den Aberglauben standen nun oben auf der Agenda. Der Aufklärung zum Opfer fiel beispielsweise das sogenannte Aderlassmännchen, das jene Tage anzeigte, die angeblich günstig für Aderlässe waren, "einem beliebten, aber unsinnigen Allheilmittel" (Krenn).

Um 1800 hatte der Straubinger Kalender eine Auflage von 30 000 Exemplaren. Auch in München, Landshut, Burghausen, Ingolstadt, Stadtamhof und Amberg gab es ähnliche Kalender. Sie bekamen bald politische Bedeutung, sollten sie doch die Leser zu frommen und tüchtigen Menschen und zu treuen Staatsbürgern erziehen. Eine bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften eingerichtete Kalenderkommission kümmerte sich um deren Qualität. Die einsetzenden Werbeanzeigen ermöglichten viele neue Kalender mit heute abenteuerlich klingenden Titeln: Heidenkind-Kalender für die liebe Jugend, Haus- und Ehestandskalender für den Bürger und Landmann. Bald darauf aber verloren diese Publikationen aufgrund der wachsenden Medienkonkurrenz an Bedeutung. In der NS-Zeit wurden die Kalender dann ebenso gleichgeschaltet wie die Tageszeitungen.

Nach dem Krieg wagten nur wenige einen Neuanfang, etwa der Altöttinger Liebfrauenkalender. Die Straubinger Verlegerfamilie Huber gab von 1949 an wieder das Tagblatt heraus, 1951 rückte auch der Straubinger Kalender nach. Vom 22. Oktober an ist diesem einzigartigen Druckwerk im Straubinger Gäubodenmuseum eine Ausstellung gewidmet.

© SZ vom 07.10.2020/syn
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