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Oberbayern:"Aufdraht, oane, zwoa - dahi geht's!"

Im Rupertiwinkel hat das Goaßlschnalzen eine lange Tradition als Brauchtum. Doch mittlerweile ist daraus ein sportlicher Wettbewerb geworden.

Manchmal klingt es im Rupertiwinkel in diesen Tagen fast ein bisschen nach Bürgerkrieg. Vom Haunsberg oder vom Högl hallt es öfter mal wider wie Garben aus automatischen Waffen. Natürlich üben sie nur, rundum in den Dörfern. Aber genau so muss es sich anhören: laut, schnell und perfekt im Takt. "Wie ein Maschinengewehr", sagt Andreas Langwieder, der mit acht anderen Männern auf einer sanft abfallenden Wiese am Rand von Steinbrünning steht und jetzt wieder die Startposition einnimmt, breitbeinig und fest am Boden stehend, den Oberkörper nach links gedreht, den Stiel vorerst nur in der linken Hand und das Seil mit der Rechten über dem Boden haltend. "Seids g'schickt?", fragt er und wartet keine Antwort ab, denn natürlich sind sie alle bereit: "Aufdraht, oane, zwoa - dahi geht's!"

Andreas Langwieder als "Aufdrarer" lässt seine Stimme bei diesem immer gleichen Kommando genauso kreisen wie die Goaßl, und dann geht es tatsächlich dahin: neun Peitschenschläge in dichter Folge, erst Langwieder, dann Willi Öllerer, Hannes Vordermayer und die Reihe weiter nach hinten, und wenn Johann Schauer einen letzten lauten Schnalzer draufgesetzt hat, tut wieder Langwieder den nächsten "Duscher" - insgesamt elfmal durch, bis der Aufdrarer einen Schritt zur Seite macht und das Zeichen zum Aufhören gibt. Die beiden älteren Zuhörer droben am Stadel sind zufrieden: "Das war jetzt wirklich bärig. Gmoamoastavadächtig".

Aber Gemeindemeister sind sie ja neulich schon geworden beim "Gebietspreisschnalzen" von Saaldorf-Surheim und Freilassing, zum dritten Mal in Folge. Denn im Rupertiwinkel, dem Grenzgebiet von Bayern und Salzburg beiderseits der Salzach, hat das Goaßlschnalzen eine lange Tradition als Brauchtum und inzwischen auch als sportlicher Wettbewerb. Allein an diesem Samstag gibt es Preisschnalzen am Högl, in Mayerhofen bei Tittmoning und in Salzburg-Maxglan. Am Wochenende darauf folgt in Roth bei Kirchanschöring der Saisonhöhepunkt, das seit 1954 ausgetragene Rupertigau-Preisschnalzen, zu dem am Samstag 80 Kinder- und Jugendpassen und am Sonntag 130 Allgemeinpassen erwartet werden - bei neun Schnalzern pro "Passe" mehr als 1800 aktive Schnalzer.

Die Passen heißen wie die Dörfer und Weiler, also Leustetten, Kemating oder Haberland. Steinbrünning mit seinen paar Einwohnern bringt es auf eine Jugend- und drei Allgemeinpassen. Auf der Schnalzerwiese können sie sogar im Schein starker Strahler trainieren. Wenn sie üben, ist es oft schon dunkel, denn geschnalzt wird nur vom Stefanitag, dem 26. Dezember, bis Faschingsdienstag. Aber eine Faschingsveranstaltung ist das "Aperschnalzen" im Rupertiwinkel keineswegs. Der Name - von "aper" für schneefrei - deutet auf einen Ursprung als Ritual zum Winteraustreiben hin, und an die andere Hypothese vom infektionsfreien Kommunikationsmittel zur Pestzeit glaubt sowieso keiner.

Kommuniziert wurde mit den Goaßln aber durchaus. Früher schnalzten sich die Burschen aus benachbarten Dörfern an einem Ort zum Tanz zusammen, und weil es dort nur die Mädchen aus dem jeweiligen Dorf gab, also viel zu wenige, soll es zu üblen Raufereien gekommen sein. Inzwischen schnalzen längst auch Mädchen und Frauen. Auch in Steinbrünning haben sie schon Frauen dabei gehabt - "und sogar gute", sagen sie. Oft übernehmen Frauen die Rolle der Aufdrarerin, denn ganz vorn kommen meistens die kürzeren, leichteren und leiseren Goaßln zum Einsatz und hinten die lauten. Und fesch sei so eine Aufdrarerin im Drindl schon auch, da herrscht ebenfalls Einigkeit.

Für den Knalleffekt sorgt der Boschn, ein aus Kunststoffschnur geflochtenes Verschleißteil, das regelmäßig gewechselt werden muss.

(Foto: Matthias Köpf)

Für die Juroren beim Preisschnalzen kann das aber keine Rolle spielen, denn die dürfen die Passen gar nicht sehen, sondern nur hören. Die Steinbrünninger üben selber gerade nur ausnahmsweise in Tracht, denn nachher soll es noch hinüber nach Österreich gehen, wo sie bei einer befreundeten Wirtin aufschnalzen. Einen Laptop zur Lederhose wie manch andere benutzen sie noch nicht, sie zeichnen ihre Übungseinheiten vorerst nur mit einem alten Kassettengerät auf.

Die oft noch älteren Goaßln bestehen aus einem hölzernen Stiel, einem Hanfseil und dem "Boschn" vorne dran, der fein aufgefaserten Schnur, die in Überschallgeschwindigkeit die Richtung wechselt und so den Duscher erzeugt. Am besten eigne sich eine Plastikschnur zum Verpacken, sagt Willi Öllerer senior, der den Steinbrünningern die Goaßln fertigt und die Seile für den richtigen Zug mit Wagenschmiere einlässt, die er sich auf Vorrat bei einem alten Bauern besorgt hat. So eine Rupertiwinkler Goaßl hat ein ganz anderes Kaliber als die einhändig bedienten, angelrutenähnlichen Instrumente, mit denen etwa beim Oktoberfest über den Köpfen der Gäste herumgefuchtelt wird.

Die wären in Steinbrünning selbst dem Nachwuchs zu gering, etwa dem elfjährigen Hannes, der seinem Vater beim Üben zuhört und selber hörbar auch schon viel geübt hat. Erst als Erwachsner mit dem Schnalzen anzufangen, sei sowieso unmöglich, sagt Andreas Langwieder. "Da traut man sich nicht mehr." Den Grund fasst Franz Niederstrasser so zusammen: "Da kann's schon gut sein, dass du einen Strich im Gesicht hast."

© SZ vom 07.02.2020/vewo
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