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Korruptionsaffäre:Wolbergs sieht sich als Opfer - und viele glauben ihm

Fotos: Stephan Rumpf, Armin Weigel/dpa (2); Illustration: Özer/SZ

Der suspendierte Oberbürgermeister bringt die Regensburger zum Zweifeln: Schuldig? Unschuldig? Und vor allem: Wer ist dieser Mann wirklich? Eine Spurensuche.

Es ist Maikundgebung auf dem Haidplatz. Ein neuer Versuch, diesen Mann zu durchschauen. Joachim Wolbergs trägt Mantel, Schal und Sonnenbrille, steht Schulter an Schulter mit den Bürgern. Sieht so ein Krimineller aus? Es ist sinnlos. Man kann ja doch nicht hinein blicken in den Mann, den früher jeder anfassen durfte und jetzt keiner mehr greifen kann. Wer Wolbergs durchschauen will, sieht am 1. Mai nur das eigene Spiegelbild in den Gläsern seiner Sonnenbrille.

Wolbergs hat sich regelrecht verschanzt, nachdem er Ende Februar aus der U-Haft freikam. Hinter seiner Sonnenbrille, seinem öffentlichen Schweigen, seinem Anwalt. Die große Bühne hat er verlassen, als Oberbürgermeister ist er suspendiert. Aber er ist noch da, die Bühne ist nur kleiner. Mal taucht er bei der Maikundgebung auf, mal bei Treffen der SPD-Ortsvereine. Sein Auto parkt mal hier, mal dort, mal huscht er durch die eine Gasse, mal durch eine andere. Wie ein Phantom. Unterwegs, um den Leuten seine Version einer Affäre zu schildern, die Regensburg tief gespalten hat. Eine Version, in der er nicht Täter ist, sondern Opfer.

Als er Ende März im Hotel Wiendl auftrat, beim Treffen des SPD-Unterbezirks, sprach Wolbergs von "ehrenrührigen Verdächtigungen", "bewusst gestreuten Lügen". Er wittere ein Komplott, sagt einer, der ihn neulich getroffen hat, eine Intrige der Staatsanwaltschaft. Das ist sie, seine Version. Sie steht einer Reihe an Vorwürfen der Justiz gegenüber. Man würde ihn gern selbst dazu fragen, aber er redet nicht mit der Presse, nicht mit der SZ, auch in lokalen Medien äußert er sich nicht. Man kann nicht sagen, wie eine Stadt tickt, in der 160 000 Menschen leben. Aber es gibt in Regensburg nicht nur jene, die Wolbergs aus der Stadt jagen wollen. Es gibt auch viele, die an seine Unschuld glauben. Am Montag, als Wolbergs sich nach mehr als einem Jahr wieder auf Facebook meldete, haben sofort Hunderte den Gefällt-mir-Daumen geklickt. Dazu dutzendweise Kommentare: "wird sich alles aufklären", "nicht unterkriegen lassen".

Zwei Lager also. Und dazwischen, vielleicht die Mehrheit: die Zweifler. Diejenigen, die einen Menschen zu kennen glaubten, weil er sich so nah am Volk bewegte - und nun nicht mehr wissen, was sie von Joachim Wolbergs noch halten sollen. Wer ist dieser Mann? Es war schon mal leichter, dieser Frage zu begegnen.

Die Suche nach Antworten führt in den Regensburger Osten. Hier ist Wolbergs aufgewachsen, hier hat er Abitur gemacht, war Schülersprecher am Albrecht-Altdorfer-Gymnasium. Er hat das oft erzählt, hat es dick und fett in seinen Lebenslauf geschrieben. Eine Lehre hat er ja nie gemacht, sein Studium abgebrochen. Aber eines hatte er bereits als Schülersprecher: Das Talent, Menschen für sich zu gewinnen. "Seine Überzeugungskraft ist echt eine Naturgabe", sagt eine, die damals mit ihm Schülersprecherin war.

"Er hat alles umgekrempelt. Mit einer Energie, dass uns die Augen rausgefallen sind." Er habe die Mitsprache der jüngeren Schüler gefördert, ein Tutorensystem und Bildungsreisen organisiert. Er habe "große Visionen" gehabt, die bei den Mitschülern auch auf Zweifel stießen. "Dann hat er erklärt, wie er sich das vorstellt, und am Ende gab es keine Diskussionen mehr", sagt die Frau, die damals das Gymnasium mit Wolbergs umgekrempelt hat. "Manches wollte ich erst nicht, aber mit seinen Argumenten habe ich es kapiert."

Irgendwie ist das jetzt noch so. Nur dass die Leute nicht mehr an Wolbergs Visionen zweifeln, sondern an seiner Unschuld. Und dann kommt er mit seinen Argumenten und verscheucht die Zweifel wie lästige Fliegen. Wenn er auf Facebook schreibt, im Café auftaucht oder in den Ortsvereinen: Die Leute scharen sich um ihn, hören ihm gebannt zu, wenn er seine Unschuld beteuert. Ein Mann wie ein Magnet. "Und am Ende glauben ihm die Leute. Das kann er einfach", sagt eine SPD-Stadträtin.

390 Tage

So lange ist es her, dass die Staatsanwaltschaft den inzwischen suspendierten OB Joachim Wolbergs mit ihren Vorwürfen konfrontierte. Der dringende Verdacht: Bestechlichkeit. Die Ermittlungen sind immer noch nicht abgeschlossen. Seit mehr als einem Jahr wabert die Korruptionsaffäre also in der Stadt, seit mehr als einem Jahr warten die Regensburger darauf, dass die Justizbehörde eine Entscheidung darüber trifft, ob sie Anklage erhebt gegen den SPD-Politiker. Spätestens im September soll es nach Aussagen der Staatsanwaltschaft so weit sein.

Er hatte das wohl schon als Schülersprecher begriffen: Dass ihm seine Überzeugungskraft helfen würde, als Politiker erfolgreich zu sein. Heute fragt man sich, ob er sein Talent auch einsetzt, um die Leute mit einem Opfermärchen zu blenden. Und ob er seine Gabe missbrauchte, um im Stadtrat Stimmen zu sammeln, die er für möglicherweise dreckige Deals brauchte.

Schmarrn, sagt Christa Meier (SPD), die von 1990 bis 1996 Oberbürgermeisterin war. Sie gilt als Wolbergs' politische Ziehmutter, hat ihn 1989 in ihr Wahlkampfteam geholt, da war er 18, sechs Jahre später machte sie ihn zum Wahlkampfleiter. Er habe sich unglaublich reingehängt, sagt Meier. Vielleicht auch deshalb, weil er es denen zeigen wollte, die ihn wegen des abgebrochenen Studiums belächelten. Ihn habe das Gefühl geplagt, "nichts in seinem Leben erreicht zu haben", sagt ein hochrangiger Mitarbeiter im Rathaus.

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