Historie in Bayern:Als aus dem Nichts neue Ortschaften entstanden

Sudetendeutsche - Spurensuche zur Vertreibung

Ein Flüchtlingszug mit vertriebenen Sudentendeutschen trifft hier gerade im Durchgangslager Wiesau in der Oberpfalz ein (undatiertes Archivfoto).

(Foto: dpa)

In den Jahren 1945 und 1946 kamen eine Million Sudetendeutsche in bitterster Not nach Bayern, wo sie in Lagern oder auf Bauernhöfen untergebracht wurden. Nun zeigt das Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg neues Material zum Thema Flucht und Vertreibung.

Von Hans Kratzer, Regensburg

Die UNO-Flüchtlingshilfe geht davon aus, dass momentan weltweit mehr als 80 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und wirtschaftlicher Not sind. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Situation von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen in Deutschland ähnlich dramatisch wie heute in Afghanistan oder in Syrien. Gut 15 Millionen Deutsche verloren in den Kriegswirren ihre Heimat. In den Jahren 1945 und 1946 kamen allein eine Million Sudetendeutsche in bitterster Not nach Bayern, wo sie in Lagern, Privathaushalten und auf Bauernhöfen untergebracht wurden.

Als Sudetendeutsche wurden die ehemaligen deutschen Einwohner von Böhmen, Mähren und Schlesien bezeichnet. Auch aus anderen Gegenden kamen Flüchtlingstrecks hierher, etwa aus der sogenannten Batschka, der alten Heimat der Donauschwaben im heutigen Serbien.

In vielen Fällen wurden sie hilfsbereit aufgenommen, wegen der beengten Wohnverhältnisse kam es aber auch zu Konflikten. 1950 wurden in Bayern gut zwei Millionen Vertriebene gezählt. Die Heimatvertriebenen integrierten sich jedoch schnell. Quasi aus dem Nichts entstanden neue Ortschaften, wie etwa Neutraubling bei Regensburg, das zu Kaufbeuren gehörige Neugablonz sowie Geretsried (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) und Waldkraiburg (Kreis Mühldorf).

Das Haus der Bayerischen Geschichte (HdBG) beschäftigt sich intensiv mit dem Thema "Flucht und Vertreibung". Anlässlich des 75. Jahrestags der Ereignisse von 1945/46 widmet es nun dem Thema "Flucht, Vertreibung und Integration" eine Sonderausstellung in der Bavariathek, dem Projektzentrum des Hauses der Bayerischen Geschichte in Regensburg.

Es war nach dem Krieg eine Mammutaufgabe, so viele Vertriebene in das noch stark agrarisch geprägte Bayern einzubinden. Gerade die ländlichen Regionen, in die der Zustrom wegen der Wohnungsnot in den Städten erfolgte, leisteten Pionierarbeit. Umgekehrt brachten viele Vertriebene technisches Know-how in das Land und hatten großen Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung der 1950er-Jahre. Diese wichtige Epoche dokumentiert das HdBG unter anderem mit Zeitzeugeninterviews. Intensiv verliefen die Recherche-Arbeiten während der Corona-Zeit. Der Freistaat Bayern setzte hierfür zusätzliche Fördermittel ein. Das Resultat präsentiert das HdBG nun in der Sonderausstellung.

Die damalige Integration der Heimatvertriebenen war zwar eine der größten Herausforderungen der jüngeren bayerischen Geschichte, gilt aber aus heutiger Sicht als Erfolgsgeschichte. Das Wirtschaftswunder als Gemeinschaftsleistung der alten und neuen Bayern begünstigte den Abbau von gegenseitigen Vorurteilen und die dauerhafte Integration, bilanziert das HdBG. Glaswaren aus Konstein bei Eichstätt, Nylonstrümpfe aus Immenstadt im Allgäu und Back- und Puddingpulver aus Barbing bei Regensburg. Diese Produkte stehen für die Unternehmensgeschichten der Firmen Phönix, Kunert und Ernst Müller, allesamt erfolgreiche Gründungen von Heimatvertriebenen.

Diese Firmengeschichten spiegeln Kontinuitäten, Brüche und Neuanfänge im Leben der Vertriebenen wider. Wie auch bei Wenzel Meinl. Bis zum Zweiten Weltkrieg war Meinl mit seiner Werkstatt für Blechblasinstrumente in Graslitz (Kraslice) im Sudetenland ansässig. Nach der Vertreibung baute die Familie ihre Werkstatt in einem ehemaligen Militärbunker in Geretsried wieder auf. Bald produzierte sie für Kunden auf der ganzen Welt. Bis heute werden in Geretsried hochwertige Instrumente in Handarbeit gefertigt. In der Ausstellung ist ein Flügelhorn aus der Zeit der Neugründung des Betriebs zu sehen.

Die Sonderausstellung, die den Titel "Neuanfänge - Heimatvertriebene in Bayern" trägt, ist bis zum 15. April 2022 in der Bavariathek des Bayernmuseums am Regensburger Donaumarkt zu sehen (Di-Fr 9-15 Uhr, Sa/So 11-17 Uhr). Neben den Unternehmensgeschichten, Biogrammen und Zeitzeugeninterviews werden auch interaktive Karten und zahlreiche Fotos geboten. Lehrkräfte können das gesamte Material im Unterricht einsetzen, aber Schülerinnen und Schüler dürfen bei ihren Recherchen auch zuhause darauf zurückgreifen (Informationen: www.hdbg.de/neuanfaenge).

© SZ vom 18.09.2021
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