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Regensburg:Unterstützung des SSV von Anfang an öffentlich kommuniziert

Damals, 2005, als Tretzel den Jahn vor der Insolvenz rettete, hieß der Oberbürgermeister noch Hans Schaidinger (CSU) - gegen ihn laufen seit Kurzem Vorermittlungen der Staatsanwaltschaft. Die Justiz interessiert sich für den Beratervertrag, den Schaidinger im Herbst 2014, ein halbes Jahr nach Ende seiner Amtszeit, mit der Baufirma Tretzel schloss. Zwar habe die Stadt Volker Tretzel seinerzeit um Unterstützung des SSV Jahn gebeten, sagt Schaidinger. Dies sei aber von Anfang an öffentlich kommuniziert worden und habe mit dem späteren Beratervertrag "nichts zu tun". Bauunternehmer Tretzel wiederum steht im Verdacht der Staatsanwaltschaft, mit verdeckten Parteispenden versucht zu haben, sich den derzeitigen Oberbürgermeister Joachim Wolbergs bei städtischen Bauprojekten gewogen zu machen. Auch gegen Wolbergs wird deshalb ermittelt.

In dem nun aufgetauchten Schreiben äußert sich Volker Tretzel auch zu einem zweiten Grundstück: dem Rennplatz Nord. Diese Passage ist kompliziert, aber womöglich aufschlussreich. Aus dem Schreiben geht hervor, dass die Stadt der Firma Tretzel anbot, am Rennplatz Nord Gewerbefläche in lukrativere Wohnfläche umzuwidmen - vorausgesetzt, die Firma baue zu 50 Prozent Sozialwohnungen. Volker Tretzel lehnt dies in seinem Schreiben ab und nennt ein Gegenangebot: 25 bis 30 Prozent öffentlich geförderten Wohnungsbau statt 50. Im weiteren Verlauf des Schreibens verweist er darauf, in der Vergangenheit etwa 40 Prozent des Nettoeinkommens seiner Firma in den SSV Jahn gesteckt zu haben. Weiter heißt es, dass es für die Stadt fatal wäre, würde das Stadion nach einem möglichen Jahn-Konkurs ungenutzt bleiben.

Warum schreibt er das? Wollte Volker Tretzel der Stadt deutlich machen, dass die Existenz des Fußballklubs an seiner Zahlungsbereitschaft hängt? Es sei ihm "ein Anliegen gewesen, der Stadtverwaltung mitzuteilen, dass ich mich, insbesondere durch die Förderung des SSV Jahn, auch ohne zusätzlichen sozialen Wohnungsbau bereits erheblich für Gemeinschaftszwecke engagiere", sagt Tretzel auf Nachfrage. Etwa zwei Monate nachdem er sein Schreiben laut Datierung verfasst hatte, stimmte der Stadtrat einstimmig dem Aufstellungsbeschluss zum Bebauungsplanentwurf Rennplatz Nord zu. Nach Angaben der Stadt wurde als Maßgabe für das derzeit noch laufende Verfahren genannt, einen Anteil von 20 Prozent öffentlich gefördertem Wohnungsbau umzusetzen - und damit eine deutlich niedrigere Quote, als die 50 Prozent, welche die Stadt ursprünglich von Tretzel gefordert haben soll.

Verzichtet die Stadt auf sozialen Wohnungsbau, um die Finanzierung des SSV Jahn durch die Firma Tretzel nicht zu gefährden? Im Jahn-Aufsichtsrat sitzt auch SPD-Rathausfraktionschef Norbert Hartl. Der hatte kürzlich eingeräumt, im Juni 2014 eine E-Mail an Volker Tretzel geschickt zu haben, die den Vorentwurf für die Neuausschreibung des Baugrunds auf dem Nibelungenareal enthielt - verbunden mit der Bitte zu prüfen, ob die Vergabekriterien aus Sicht des Bauträgers erfüllbar seien.

Laut Hartl hat auch OB Wolbergs damals eine Kopie der Mail erhalten. CSU-Stadtrat Franz Rieger bezeichnet diesen Vorgang als "unfassbar". Er ist überzeugt davon, dass Hartl der Firma Tretzel damit einen unerlaubten Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Bietern verschafft hat. Die CSU-Fraktion hat Wolbergs und Hartl bereits zum Rücktritt aufgefordert. "Solange ich von meiner Unschuld überzeugt bin, werde ich definitiv nicht zurücktreten", konterte Wolbergs.

In der vergangenen Woche hatte die SZ zudem berichtet, dass ein Antragsentwurf für die Neuausschreibung des Nibelungenareals am 10. Juli 2014 per Fax bei der Firma Tretzel gelandet sein könnte - bevor der Antrag am 24. Juli 2014 im Stadtrat behandelt wurde. Die SPD-Fraktion hat auf Nachfrage bestritten, dass das Dokument aus dem Fraktionsbüro verschickt wurde. Tatsächlich ist unklar, ob das Dokument zum genannten Zeitpunkt bei der Firma Tretzel landete. Nach SZ-Informationen dürfte es sich aber um ein Dokument aus nicht-öffentlicher Stadtratssitzung handeln, das nicht zur Firma Tretzel hätte gelangen dürfen.

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