Private Flüchtlingshilfe:"Ich würde alles wieder so machen"

Private Flüchtlingshilfe: Sie trotzen allen Widrigkeiten: Juliane Zitzlsperger und Hasiba beim gemeinsamen Kochen.

Sie trotzen allen Widrigkeiten: Juliane Zitzlsperger und Hasiba beim gemeinsamen Kochen.

(Foto: Deniz Aykanat)

Juliane Zitzlsperger hat fast im Alleingang eine junge Frau aus Afghanistan zu sich geholt. "Alltagshelden" werden solche Menschen auch gerne genannt. Warum sich die Regensburgerin trotzdem wenig heldenhaft fühlt.

Von Deniz Aykanat, Regensburg

"Ich lebe in einem Wimmelbild", warnt Juliane Zitzlsperger Besucher ihres Hauses in Regensburg vor. Und wenn man hört, was Zitzlsperger in den vergangenen Jahren erlebt hat, dann schwirrt einem eh schon der Kopf. Das 440 Jahre alte Bruchsteinhaus, nur eine Fußballwiese vom Fluss Regen entfernt, leuchtet knallgrün inmitten der Nebelsuppe. Von der verwitterten Zwetschge im Garten hängen bunte Lampions, ein grinsender Obelix begrüßt einen am Eingang, das Gartentor ist kobaltblau gestrichen und mit fuchsiafarbenen Stoffblumen geschmückt. Im Garten stehen Hollywoodschaukeln, Liegestühle, ein abgedeckter kleiner Pool.

Hier wohnt Zitzlsperger, 59 Jahre alt, Vollzeit-Betreuerin der Geschwister Noor und Hasiba aus Afghanistan. Sie ist eigentlich Fotografin, seit einigen Jahren hat sie auf ihrem Computer aber immer seltener schöne Bilder von Klienten, dafür immer mehr Fotos, die verformte Füße und Hände zeigen, ein von Feuer zerstörtes Haus, die toten Onkel der Geschwister. Sie braucht sie, um zu beweisen, dass die beiden nicht in Afghanistan bleiben konnten.

Zitzlsperger schaut an sich herunter, sie trägt ein gemütliches beiges Pullikleid, flauschige Hauslatschen an den Füßen. "Mit denen bin ich schon mal versehentlich zur Physiotherapie gefahren." Es war nicht ihre eigene Therapie. Sondern die für die 18-jährige Hasiba.

Bei einem Bombenangriff verbrannten Hasibas Füße und Hände

Hasiba sitzt in der kleinen Stube am warmen Kachelofen auf ihren nackten Füßen. Sie sind - irgendwie - der Grund, warum Hasiba überhaupt hier ist, mehr als 6000 Kilometer entfernt von ihrer Heimat. Hasibas Vater arbeitete für die westlichen Truppen. Deshalb warfen die Taliban vor fast zehn Jahren eine Bombe auf ihr Elternhaus, Hasibas Füße und Hände wurden dabei schwer verbrannt. 2015 schickte der Vater erst ihren Bruder Noor auf die Flucht, Noor wollte dann seine Schwester holen. Die Eltern sind in Afghanistan geblieben, sie verlassen ihr Haus nahezu nicht mehr aus Angst vor den Taliban.

Hasiba hat vor sich ihr Handy in einem Plexiglas-Ständer. Auf dem Bildschirm hält ihre Deutschlehrerin gerade kleine Pappfigürchen hoch. "Das ist eine Frau", sagt Hasiba und schaut seitlich knapp am Bildschirm und ihrer Lehrerin vorbei. Zitzlsperger lugt hinter der Tür hervor und grinst. Sie deutet mit zwei Fingern auf ihre Augen und dann auf Hasibas: "In Deutschland schauen wir uns beim Sprechen in die Augen, Hasiba."

Etwa ein halbes Jahr ist es her, dass sich die Weltöffentlichkeit kurz für etwas anderes als die Corona-Pandemie interessierte. In Afghanistan war im August 2021 der Abzug der westlichen Truppen in vollem Gange, gleichzeitig nahmen die Taliban Kabul ein. Hilfsorganisationen warnten davor, was dies für afghanische Helfer und ihre Familien bedeuten würde. Zu diesem Zeitpunkt versuchten Zitzlsperger und Noor schon seit fast drei Jahren, Hasiba für eine medizinische Behandlung nach Regensburg zu holen.

Von der Politik fühlt sie sich alleingelassen

Im Gedächtnis geblieben von jenem Sommer 2021 sind Bilder von Afghanen, die sich verzweifelt an startende Flugzeuge klammern, Säuglinge, die Soldaten hingehalten werden, um sie zu retten. Bundeswehrmaschinen, die fast leer starten, und auf der anderen Seite Flugzeuge von privaten Hilfsorganisationen, die Hunderte afghanische Helfer in Sicherheit bringen. Von "Alltagshelden" ist oft die Rede. Heldenhaft kommt sich Zitzlsperger aber weniger vor. "Eher alleingelassen." Vor allem von einer Politik, die privates Engagement kaum unterstützt.

Zitzlsperger hat einen Visumsantrag für Hasiba gestellt, damit sie zur medizinischen Behandlung nach Deutschland kommen kann. Das klingt lapidar, bürokratisch, deutsch. Im Internet findet man dazu ein übersichtliches Merkblatt. In der Realität dauerte der Prozess "ewig". Bis Hasiba im Flugzeug nach Deutschland saß, musste Zitzlsperger Tausende Euro zahlen. Zu seinem 85. Geburtstag bittet ihr Vater Leo seine Freunde und Bekannten um Spenden. 12 000 Euro kommen zusammen. Zitzlsperger füllt zig Anträge aus, wartet manchmal ein halbes Jahr auf Antwort, muss bei Politikern und Ministerien um Hilfe betteln, Bestätigungen von einer afghanischen Klinik heranschaffen, die beweisen, dass Hasibas Brandwunden in ihrer Heimat nicht behandelt werden können. Einen Spezialisten in Regensburg finden, der Hasiba operiert, die OP-Kosten vorstrecken. Sie muss eine Reisekrankenversicherung beim ADAC für Hasiba abschließen. Abenteuerliche Trips von Kabul nach Pakistan zur deutschen Botschaft organisieren, wo Hasiba zum Beweis ihre Hände und Füße vorzeigen muss. Als der Bescheid endlich da ist, herrscht Chaos in Kabul. Zitzlsperger bucht ihr einen Platz in einem der letzten zivilen Flugzeuge, die das Land verlassen.

"Ich liebe dein Tomatenlicht."

Zitzlsperger schüttelt den Kopf, als könne sie manchmal selbst gar nicht glauben, was sie da eigentlich gemacht hat. Sie verwendet den meisten Teil ihrer Zeit, um für andere da zu sein. Die Frage nach dem Warum stellt sie sich dabei gar nicht. "Die brauchen halt einfach meine Hilfe."

Zitzlsperger braucht jetzt erst mal einen Kaffee. Sie schaltet die italienische Siebträgermaschine ein. Hasiba holt Eier, Tomaten und zwei Zehen Knoblauch aus der Speisekammer. Mit dem Gasherd kommt sie inzwischen gut klar. Als sie hier ankam, konnte sie ihre Finger kaum bewegen. Das Narbengewebe verformte die Hand so stark, dass die Finger zusammengewachsen waren. Die linke Hand und der linke Fuß sind schon operiert. Einhändig schlägt Hasiba die Eier am Rand der Pfanne auf und lässt sie ins heiße Fett flutschen. Als die Eier stocken, streut Hasiba Gewürze und Kräuter darüber. "Wie heißt das Gericht?", will Zitzlsperger wissen. Hasiba spricht in Dari etwas in die Übersetzungsapp ihres Handys. Die spuckt aus: "Ich liebe dein Tomatenlicht." Zitzlsperger fängt laut an zu lachen. Hasiba schaut erst verdutzt und lacht dann auch.

In einem Chat tauscht sich Zitzlsperger fast stündlich mit Hasibas Lehrerin, Physiotherapeutin, Krankengymnastin aus. Koordiniert die Besuche im Krankenhaus, bringt Hasiba vorher zur Corona-Teststation. Sie ist Taxifahrerin und Verbandswechslerin. Und auch der Papierkrieg geht weiter, denn noch hat Hasiba keine permanente Aufenthaltserlaubnis.

Manchmal wächst Zitzlsperger die ganze Verantwortung über den Kopf. Was, wenn der nächste wichtige Antrag nicht bewilligt wird oder ihnen das Geld ausgeht? Und Zitzlsperger sorgt sich, was das mit Hasiba und ihrem Bruder macht, dass sie in fast jeder Lebenslage auf sie angewiesen sind. "Das tut einem Menschen nicht gut, ständig in der Schuld eines anderen zu stehen."

Private Flüchtlingshilfe: Getrennt von den Eltern in Afghanistan: Bereits 2015 wurde Noor von seinem Vater auf die Flucht geschickt. Inzwischen lebt auch seine Schwester Hasiba bei Juliane Zitzlsperger in Regensburg.

Getrennt von den Eltern in Afghanistan: Bereits 2015 wurde Noor von seinem Vater auf die Flucht geschickt. Inzwischen lebt auch seine Schwester Hasiba bei Juliane Zitzlsperger in Regensburg.

(Foto: Deniz Aykanat)

Zitzlsperger hat abgespült und ist inzwischen bei der Zigarette, da kommt Hasibas Bruder Noor, 21, durch die Tür. Zitzlsperger ist ein bisschen sauer, weil er sich eine halbe Stunde verspätet hat. "Das kann man doch schon erwarten, dass du dir die Abfahrtszeiten vom Bus merkst." Noor schaut auf seine schwarzen Stiefel, von denen sich die Sohle ein wenig löst. "Bring die zum Schuster. Aber zum richtigen. Nicht zu diesen Ketten im Einkaufszentrum, die auch noch Schlüssel machen." Noor grinst und weicht ihrem Blick aus. Zitzlsperger streicht ihm über die Wange. "Er ist mein Junge!", entfährt es ihr. Und um Kinder macht man sich ja meistens Sorgen, mal größere, aber mindestens kleinere.

"Ich bin eine Einzelgängerin", sagt Zitzlsperger. Dabei hat sie ihr Haus seit Jahren praktisch nie für sich. Wenn sie sich durch den Dschungel an Bürokratie kämpft, tut sie das aber meistens allein. "Ich würde alles wieder so machen", sagt sie trotzdem. Ihre Augen werden glasig, da geht ein Alarm auf ihrem Handy. "Hasiba, wir müssen zur Physio!" Zitzlsperger schaut auf ihre Hauslatschen und grinst.

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