Suche in 2400 Meter Höhe:Bergdrama ohne Ende

Lesezeit: 4 min

Suche in 2400 Meter Höhe: Die Bergwacht Ramsau und die Alpine Einsatzgruppe der Polizei suchten am Donnerstag weiter nach dem vermissten Bergsteiger. Die Besatzung des Polizeihubschraubers "Edelweiß 2" setzte die Einsatzkräfte mit der Rettungswinde am Berg ab.

Die Bergwacht Ramsau und die Alpine Einsatzgruppe der Polizei suchten am Donnerstag weiter nach dem vermissten Bergsteiger. Die Besatzung des Polizeihubschraubers "Edelweiß 2" setzte die Einsatzkräfte mit der Rettungswinde am Berg ab.

(Foto: Bergwacht Ramsau)

Seit Samstag haben Einsatzkräfte am Hochkalter nach einem verunglückten 24-Jährigen gesucht. Am Donnerstag wird der Einsatz abgebrochen, zu gefährlich wurde er für die Helfer. Auch ein allerletztes Ortungssignal führt nicht zu dem Vermissten.

Von Matthias Köpf

Der Donnerstag ist einer jener Tage, an denen im Berchtesgadener Talkessel neue Aufnahmen für die Tourismuswerbung gemacht werden könnten. Die hohen Berge wirken gewohnt majestätisch und erhaben, ganz oben sind sie weiß vom frischen Schnee, der in den vergangenen Tagen gefallen ist. Doch am 2607 Meter hohen Hochkalter über der Ramsau hat sich in genau diesen Tagen ein Drama abgespielt, das auch am Donnerstag nur ein vorläufiges Ende finden wird.

Einsatzkräfte der Bergwacht und der alpinen Einsatzgruppe der Polizei haben seit dem Morgen in den steilen, tief verschneiten Rinnen und bei extremer Lawinengefahr nach einem 24-jährigen Mann aus Niedersachsen gesucht, der am Samstag im Schneesturm vom Grat zum Gipfel abgerutscht war und seitdem vermisst wird. Am frühen Donnerstagnachmittag schließlich treffen die Einsatzleiter die Entscheidung, die Teams vom Berg abzuziehen, um nicht auch deren Leben weiter aufs Spiel zu setzen. Schon zuvor hatte es kaum mehr Hoffnung gegeben, den Vermissten fünf Tage nach dem letzten Telefonkontakt lebend zu finden. Auch ein allerletztes Ortungssignal führt nicht mehr zu dem Gesuchten.

Am späten Mittwochnachmittag hatten die Bergretter tief unter dem Schnee noch den Rucksack des Mannes gefunden, der zuvor vom Hubschrauber aus mit Hilfe einer sogenannten Recco-Boje geortet worden war. Diese Bojen senden Radarsignale aus, die auch von elektronischen Bauteilen etwa im Notebook und im Mobiltelefon des Mannes reflektiert werden können. Das Notebook befand sich im Rucksack, das Handy nicht, Signale davon hatten die Suchgeräte aber nicht empfangen.

Die Bundeswehr hatte dem federführenden Polizeipräsidium Rosenheim zudem angeboten, einen Eurofighter an den Hochkalter zu schicken. Doch auch die extrem feinfühlige Aufklärungstechnik des Kampfjets konnte am Mittwoch keine weiteren Spuren mehr entdecken und auch keine minimalen Temperaturunterschiede erkennen, wie sie etwa von einem Menschen herrühren könnten, der sich unter dem tiefen Schnee eine schützende Höhle gegen den eisigen Wind und die tagelangen tiefen Minusgrade am Hochkalter gegraben hat.

Am Donnerstagfrüh brachte der Helikopter trotzdem fünf Mitglieder der Ramsauer Bergwacht und einen Polizeibergführer auf den Hochkalter. Sie suchten mit Handortungsgeräten und Lawinensonden den Bereich ab, in dem der Rucksack entdeckt worden war. Die Bergretter bewegten sich dabei in steilem Gelände und mussten erst mit großem Aufwand Bohrhaken in den vereisten Fels treiben, um einander mit Seilen sichern zu können. Zugleich wuchs mit der immer stärkeren Sonneneinstrahlung die ohnehin schon große Gefahr, dass der vom Sturm der vergangenen Tage verwehte Schnee als Lawine abgehen könnte. Den Vermissten fanden sie trotz des stundenlangen Einsatzes nicht.

Mehr als 1000 Einsatzstunden

Angesichts dessen fällt schließlich die Entscheidung, den für die Einsatzkräfte körperlich wie psychisch äußerst fordernden Einsatz abzubrechen und die Mannschaften vom Berg abzuziehen. Der Polizeihubschrauber holt die Bergretter nach und nach ins Tal. Die Einsatzkräfte hätten seit Samstag "ihr Möglichstes getan", sagt ein Polizeisprecher. Insgesamt sind demnach schon bis Mittwochabend mehr als 1000 Einsatzstunden zusammengekommen, im Fall der Bergwacht ausschließlich ehrenamtlich.

Als die Bergretter im Tal sind, gibt es noch einen allerletzten Suchflug. Und genau auf dem empfängt die Recco-Boje doch noch ein Signal. "Ein letzter Strohhalm", sagt der Polizeisprecher. Wieder fliegt der Helikopter nacheinander zwei Teams in die steile, jetzt voll von der Sonne beschienene Westwand. Wieder müssen die Bergretter extrem vorsichtig sein, sich wieder sichern, wieder suchen, schaufeln, hoffen. Und wieder finden sie den Mann nicht. Das Warten wird nun wohl noch sehr viel länger dauern. Denn die Möglichkeiten der Retter sind ausgeschöpft.

Die Bedingungen am Hochkalter, an dem sich einer der fünf letzten Gletscher Deutschlands befindet, sind hochalpin. Der 24-jährige Niedersachse war laut Bergwacht offenbar zuvor schon einige Male im Hochgebirge, verfügte aber wohl noch nicht über allzu große Erfahrung. Warum er sich am Wochenende trotz Regenwetters und anhaltend schlechter Wetterprognosen auf die anspruchsvolle Tour gemacht hatte und auch angesichts der Bedingungen am Berg nicht umgekehrt war, bleibt offen. Nach Informationen der Bergwacht war er alleine unterwegs, nachdem ein möglicher Begleiter schon daheim in Niedersachsen abgesprungen war. In Handy-Botschaften soll er selbst mitgeteilt haben, dass er jetzt in den Schnee komme.

Die Ortung des Handys gelang nicht

Am Samstagnachmittag hatte er sein Mobiltelefon schließlich für einen Notruf genutzt, der wegen der schlechten Netzabdeckung am Hochkalter zunächst in der Leitstelle in Innsbruck aufgelaufen war. Später hatte auch der Einsatzleiter der Ramsauer Bergwacht mehrere Male Telefonkontakt mit dem Vermissten und gab ihm Verhaltenstipps wie den, sich eine Schneehöhle gegen Wind und Kälte zu graben. Er musste dabei aber auch mit anhören, wie dem Mann bis zum Samstagabend nach und nach die Kräfte schwanden. Eine Ortung des Mobiltelefons gelang trotz vieler Versuche mit verschiedenen Techniken nicht.

All dies unterscheidet den Fall am Hochkalter von vielen anderen Notfällen im Gebirge, bei denen irgendwann Angehörige, Hüttenwirte oder Zimmervermieter Verunglückte als vermisst melden. Bergretter hatten am Samstag bis in die Nacht hinein und auch folgenden Tag unter widrigsten und auch für sie selbst sehr gefährlichen Bedingungen versucht, den Mann auf mindestens 2400 Meter Höhe zu finden. Zugleich erlaubte der Schneesturm tagelang nur einige wenige und kurze Flüge mit dem Hubschrauber. Bei gutem Flugwetter im Sommer hätte der Traunsteiner Rettungshubschrauber Christoph 14 den Mann wohl binnen einer Stunde in die Klinik geflogen, sagt ein BRK-Sprecher. So aber sei daraus über weite Strecken ein Einsatz geworden wie vor hundert Jahren, als es noch gar keine Hubschrauber gab.

Bergwacht-Leute im Berchtesgadener Talkessel erinnern sich derzeit allerdings eher an einen aufwendigen Sucheinsatz vor fast zwei Jahren rund um den Watzmann. Die Leiche des seit Anfang Oktober vermissten Trailrunners wurde dann erst im Juni per Zufall von einem Bergsteiger gefunden, als sich auch in den höheren Lagen der Schnee zurückgezogen hatte.

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