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Wallenfels:Frau soll ihre Babys aus sexuellem Egoismus getötet haben

Wallenfels

Am Dienstag beginnt der Prozess gegen die 45 Jahre alte Mutter, die in Wallenfels jeweils nach der Geburt mindestens vier ihrer acht Babys erstickt haben soll.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)
  • In einer Wohnung im oberfränkischen Wallenfels wurden im November acht Babyleichen gefunden.
  • Mindestens vier Säuglinge kamen lebend zur Welt, ihre Mutter soll sie laut Anklage direkt nach der Geburt erstickt haben.

Nichts werde wieder so sein in Wallenfels, wie es einmal war, sagte Jens Korn, der Bürgermeister der 2800-Einwohner-Gemeinde im Tal der Wilden Rodach in Oberfranken. Zu schrecklich, zu unbegreiflich war, was da ans Licht gekommen war: In einem Wohnhaus an der Hauptstraße, mitten im Ort, waren die sterblichen Überreste von acht neugeborenen Babys entdeckt worden.

Das war am 12. November 2015. Wenige Tage später nahm die Polizei in einer Pension in Kronach die 45-jährige Andrea G. fest, die Mutter der acht toten Kinder.

Von Dienstag an wird nun das Landgericht Coburg versuchen, eine Erklärung zu finden für das, was sich im Haus der Familie G. abgespielt hat. Angeklagt ist nicht nur Andrea G., sondern auch ihr Ehemann Johann G., 55. Im Zeitraum von zehn Jahren, von 2003 bis 2013, soll Andrea G. acht Kinder zur Welt gebracht haben.

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Sie habe, so die Anklage, die Kinder jeweils allein, ohne ärztliche Hilfe in der Küche oder im Wohnzimmer ihrer Wohnung geboren. Sobald sie bemerkt habe, dass das Neugeborene schrie, habe sie ihm ein Handtuch aufs Gesicht gedrückt, bis es erstickt war.

Von den acht neugeborenen Kindern seien mindestens vier lebensfähig gewesen. Bei drei der Babys konnte der Gerichtsmediziner die Lebensfähigkeit nicht mit Sicherheit feststellen; das letzte der Kinder kam tot zur Welt. Die Anklage lautete deshalb auf Mord in vier Fällen.

Johann G., der Ehemann und Vater der acht toten Babys, hat sich nach Ansicht der Staatsanwaltschaft der Beihilfe zu diesen vier Morden schuldig gemacht. Zwar geht auch die Anklage davon aus, dass Johann G. bei den Geburten nicht anwesend war. Er habe aber von den Schwangerschaften seiner Ehefrau gewusst, und auch zumindest billigend in Kauf genommen, dass Andrea G. die Neugeborenen töten würde. Er habe weder auf seine Frau eingewirkt, noch habe er die Hilfe von Ärzten oder Beratungsstellen gesucht. Durch seine Untätigkeit habe er seine Frau in dem Glauben gelassen, dass er mit der Tötung der Babys einverstanden sei, und habe sie dadurch in ihrem Tun bestärkt.

Sie wollte ihre Lebensführung nicht einschränken

Welche Beweise die Staatsanwaltschaft für die Mitwisserschaft - und damit für die Mitschuld - des Ehemannes vorlegen kann, wird sich erst im Verlauf des Prozesses zeigen, für den das Gericht lediglich fünf Verhandlungstage vorgesehen hat. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Andrea und Johann G. aus sexuellem Egoismus, Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit gehandelt hätten. Sie hätten die mit weiteren Kindern verbundenen Einschränkungen ihrer Lebensführung vermeiden wollen.

Es sei ihnen nur darauf angekommen, weiterhin uneingeschränkt sexuell aktiv sein zu können, sie hätten dabei keine Bedenken gegen die Folgen und den Wert des neugeborenen Lebens aufkommen lassen - aus Sicht der Staatsanwalt ein "niedriger Beweggrund" und damit ein Mordmerkmal.

In Wallenfels herrschte nach der Entdeckung der Säuglingsleichen Entsetzen und Ratlosigkeit. Die Familie G. nahm in dem kleinen Ort keineswegs eine Außenseiterrolle ein. Andrea G. galt als freundliche Nachbarin und gute Mutter. Johann G. ist ihr zweiter Ehemann.

Aus der ersten Ehe hatte Andrea G. schon zwei Kinder, auch Johann G. brachte zwei Kinder mit in die Ehe, gemeinsam bekamen sie noch drei weitere Kinder. Danach, so die Anklage, hätte sie keine Kinder mehr gewollt, hätten aber trotzdem regelmäßig ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt. Auch eine Sterilisation habe Andrea G. nicht durchführen lassen. Presseberichten zufolge hatte sie zwar einen Termin für eine Sterilisation vereinbart, blieb aber stattdessen zwei Tage in einer Pension und weihte niemanden ein, dass der Eingriff gar nicht stattgefunden hatte.

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Im Sommer 2015 hatte Andrea G. sich in einen anderen Mann verliebt und ihre Familie verlassen. Die mit im Haus wohnende Tochter des Ehemannes hatte dann in der als Rumpelkammer genutzten Sauna des Hauses die erste der Babyleichen entdeckt und die Polizei alarmiert.

Ein vergleichbarer Fall war 2005 in einem Dorf bei Frankfurt an der Oder aufgedeckt worden. Dort wurden die Überreste von neun Babys entdeckt. Die Mutter wurde wegen Totschlags zu 15 Jahren Haft verurteilt. Das Gericht kam zu der Überzeugung, dass die Frau aus Angst vor ihrem Ehemann und aus Sorge für ihre anderen Kinder gehandelt habe.