Uni Passau Wahlkampf auf dem Campus

Der Wahlkampf um das Präsidentenamt der Universität Passau ist voll entbrannt.

(Foto: Universität Passau)

An der Universität Passau wird in einem Monat ein neuer Präsident gewählt. Neben Amtsinhaberin Carola Jungwirth, die zuletzt stark kritisiert wurde, bringen sich weitere Bewerber in Stellung.

Von Anna Günther, Passau

In exakt einem Monat wird an der Universität Passau ein neuer Präsident gewählt - oder Amtsinhaberin Carola Jungwirth bestätigt. Zwanzig Mitglieder des Universitätsrats entscheiden am 17. Juli, wer von April 2020 an sechs Jahre lang die Geschicke der 1973 gegründeten, jüngsten bayerischen Universität leiten wird. Bisher wurde alle vier Jahre gewählt. Jungwirth, 53, stellte die Amtszeit auf das gesetzliche Maximum um. Ob sie selbst profitieren wird, ist offen. Einen Amtsinhaber zu verdrängen, gilt als schwierig, aber die Kritik an Jungwirths Führungsstil, ihrem Umgang mit Kritikern und ihrer Art zu kommunizieren bewegt den Campus seit Monaten.

Drei Professoren präsentierten sich kürzlich vor dem Unirat als Alternative zur Präsidentin. Neben dem Eichstätter Professor Ulrich Bartosch, 59, kandidiert die Passauer Professorin Ursula Reutner, 42. Der dritte Herausforderer möchte nicht öffentlich auftreten. Bis Freitag gaben Dekane und Uniratsmitglieder Wahlvorschläge ab, Ende Juni steht fest, wen die Vorsitzenden von Unirat und Senat zur Wahl stellen.

Jungwirths Ziele sind bekannt: Passau soll in Europa führende Uni für Digitalisierung werden und bei Themen wie Migration, Nachhaltigkeit und Europa Forschungsschwerpunkte setzen. Kritik führt sie auf unpopuläre Reformen zurück, die die Uni voranbringen sollen. Ihre Themen haben sich viele Hochschulen vorgenommen. Auch Jungwirths Herausforderer nennen Europa, Nachhaltigkeit, Internationalität und Migration. Reutner wie Bartosch betonen zudem, kooperative und kommunikative Präsidenten sein zu wollen, die alle Gremien stärker in Entscheidungen einbinden als bisher. "Durchregieren ist für eine Universität völlig absurd", sagt Bartosch. Ein Präsident treffe bessere Entscheidungen, wenn alle einbezogen sind, bekräftigt Reutner. Beide bedienen, was Jungwirths Kritiker bemängeln. Beide loben zudem Engagement und konstruktive Ideen der Studenten. Die studentischen Senatoren Sophia Rockenmaier und Florian Weigl kritisieren Jungwirth bisher als einzige offen. Professoren wollen anonym bleiben, aus Angst vor Konsequenzen, sagen sie.

Ulrich Bartosch möchte Passau zu einer dritten deutschen Europa-Universität machen. Profil der Unis in Flensburg und Frankfurt/Oder ist es, Impulse zu Europa zu setzen und grenzübergreifend in ihre Region sowie die Politik zu wirken. Es sei "Wahnsinn", dass der Standort im Dreiländereck nicht längst so genutzt werde, sagt er. Universitäten müssten in Zeiten politischer und gesellschaftlicher Umbrüche ihre demokratische Verantwortung wahrnehmen. Das gelte nicht nur für Passau.

Der Eichstätter Professor Ulrich Bartosch möchte Carola Jungwirth nachfolgen.

(Foto: Christoph Mischke)

Das umstrittene Studium Digitale, das Jungwirth vorantreibt, aber bislang nicht umgesetzt hat, will er zusammen mit Fakultäten und Wirtschaft zu drei Studiengängen Digitalisierung, Europa und Nachhaltigkeit weiterentwickeln. Anpacken müsse man zudem Anschlussoptionen für Wissenschaftler mit befristeten Verträgen, sagt er. Bei seinen Mitarbeitern sei ihm das gelungen, strukturell bestehe aber Nachholbedarf. Seit 20 Jahren wirkt der Pädagogikprofessor an Hochschulentwicklung und Reformen mit. Er war Dekan und Senator an der Uni Eichstätt sowie einst Lehrbeauftragter in Passau. Bartosch gilt als Kandidat, der die Uni kennt, aber mit dem aktuellen Zoff nichts zu tun hat.

Wie das klappe mit den Erlösern von außen, sehe man ja anderswo, sagt dagegen Ursula Reutner und meint: Rohrkrepierer. Sie ist überzeugt, die Konflikte von innen heraus befrieden zu können. Als Kulturwissenschaftlerin sei sie darauf trainiert, sich in andere "einzufühlen". Das will sie nutzen, um den Bedürfnissen der vier Fakultäten Jura, Wirtschaft, Philosophie und Informatik/Mathematik gerecht zu werden. Spricht Reutner über Passau, gerät sie ins Schwärmen, sagt, dass sie die Uni "liebt" und führt als Beweis an, Professuren etwa im renommierten Heidelberg abgelehnt zu haben.

Sie leitet den Lehrstuhl für Romanische Sprach- und Kulturwissenschaft und das Sprachenzentrum. Anders als Jungwirth zu Amtsbeginn, habe sie Erfahrung in der Unileitung, sagt Reutner, die bei Ex-Präsident Burkhard Freitag und Jungwirth Vizepräsidentin war. Solange bis Jungwirth umstrukturierte und die Internationalisierung auf andere Vizepräsidenten verteilte. Reutner war raus. Kein Einzelfall, berichten Kritiker. Reutner möchte die internationale Ausrichtung wieder stärken, den Fokus über den englischsprachigen Raum hinaus auf Afrika, Asien und Südamerika weiten, und den Gründungsgedanken der Uni als Brücke zu Osteuropa wieder aufleben lassen. "Wir müssen unsere strategische Position nutzen", sagt sie. Dazu gehöre auch, Passauer Bürger und Alumni stärker an die Uni zu binden.

Ursula Reutner, Professorin an der Uni Passau, bewirbt sich um das Amt der Präsidentin.

(Foto: Valentin Brandes)

Carola Jungwirth gibt sich derweil entspannt, lädt über den Uni-Verteiler zur Fronleichnamsprozession ein, plaudert in ihrer Videokolumne über ein Treffen mit Studenten, bei dem überlegt wurde, "wie wir besser ins Gespräch kommen". Hauptkritik der Studentensprecher ist, dass sie vom Präsidium zwar gehört, ihre aber Ideen ignoriert würden. Ähnliches berichten Professoren. Im Video kündigt Jungwirth nun monatliche Treffen mit Studenten und Studiendekanen an. Die Studentensprecher sind skeptisch, erwarten ein Kommunikationskonzept von Jungwirth und wollen sehen, ob sich etwas bessert.

Diesem "Jour Fixe" war das jüngste Scharmützel um die Deutungshoheit vorausgegangen: Im Interview mit der Passauer Neuen Presse hatte Jungwirth betont, dass sie "kaum inhaltliche Kritik" an sich sehe, "zumindest wird sie nicht vorgetragen". Eine Aussage, die Erstaunen auslöste. Sie taktiere gerade und gebe sich überall als Beschützerin der Universität, dabei sei sie doch die Ursache des Unfriedens, sagt ein Kritiker. Die Antwort der Studenten folgte prompt: Der Sprecherrat publizierte einen offenen Brief auf Facebook und schickte diesen an Unirat, Senat, Dekane und Präsidium. Darin widersprachen die Studenten und legten auf drei Seiten ihre Kritik etwa am Fokus auf Ökonomisierung und Jungwirths Bildungsverständnis dar. Dass die Präsidentin Kritik "ausschließlich" auf Umstrukturierungen zurückführe "widerspricht der Realität und zeigt, wie wenig Sie bereit sind, auf vorhandene Probleme einzugehen". Rockenmaier möchte nichts mehr dazu sagen, groß sei der Unmut wegen ihrer öffentlichen Kritik. Aber sie kündigt an, dass die Studenten in der nächsten Vollversammlung Probleme diskutieren und Forderungen für das nächste Präsidium erarbeiten werden.

Jungwirth und ihre Kritiker konzentrieren sich im Wahlkampf nun auf den Unirat. Dieses Gremium besteht zur Hälfte aus Externen, etwa der Verlegerin der Passauer Neuen Presse, Simone Tucci-Diekmann, Vertretern von Unternehmen, einem Schulleiter und Sigmund Gottlieb, dem Ex-Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens.

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