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Jubiläum:Die Burg des Bischofs

Der Blick von der Veste Oberhaus aus ist beeindruckend.

(Foto: Marcel Peda)

Lange Zeit symbolisierte die Veste Oberhaus den kirchlichen Machtanspruch über die Stadt Passau. Inzwischen ist sie zur Bürgerburg geworden.

Bernhard Forster steht oben auf der Veste und schaut in die Landschaft. Im Nordwesten: die Ilzstadt, dahinter die Bayerwaldberge. Im Osten: das Dreiflüsseeck, wo Donau, Inn und Ilz verschwimmen. Im Süden: die Hügel Österreichs, darunter die Passauer Altstadt. Forster beugt sich über die Steinbrüstung, deutet hinunter zum Rathaus. Die Festung, sagt er, "liegt dem Rathaus genau gegenüber. Der Bischof hat auf die Bürger runtergeschaut. Das war ein Statement".

Ein Statement, ein Ausdruck der Persönlichkeit, das beschreibt die Veste Oberhaus ganz gut. Weil sie etwas erzählt über den Charakter der Stadt und ihrer Menschen - und davon, wie sehr sich ein Bauwerk wandeln kann. Früher war die Festung ein Abwehrbollwerk, heute ist sie ein Anziehungspunkt. Man muss sich nur umschauen, vor allem im Sommer. Nicht nur die Touristen kommen, auch die Passauer lassen sich hier treiben, sitzen in Liegestühlen, suchen den wunderbaren Ausblick auf ihre Stadt. Die Veste, sagt Bernhard Forster, "ist die Burg der Bürger".

Forster, 48, kurzes Resthaar, Schal und Brille, ist Kulturreferent in Passau. Einer Stadt, deren Wahrzeichen zumindest in den Reiseführern recht klar definiert ist: der Stephansdom. Vom Dom gibt es Tausende Postkarten, man kann sie überall in den Souvenirläden kaufen. Zu den Motiven gehört auch die Veste Oberhaus, gar keine Frage. Doch im Postkarten-Passau ist die Veste immer irgendwie Nebendarstellerin geblieben.

Passau

Die Burg der Bürger

Nun, im Jahr 2019, kommt der Veste Oberhaus endlich mal die Hauptrolle zu. Die Stadt feiert die erste urkundliche Erwähnung des Bauwerks vor 800 Jahren. Damals war die Veste nicht Burg der Bürger, sondern Burg des Bischofs, der auch weltlich regierte. "Wer den Burgberg hat, der hat die Kontrolle über die Stadt", sagt Stefanie Buchhold, Leiterin des Oberhausmuseums, über die Zeit, als Fürstbischof Ulrich II. den Bau der Burganlage auf dem Georgsberg beauftragte, um seine Macht zu demonstrieren. Und um sich verschanzen zu können, wenn es unten in der Stadt rumort und die Bürger mal wieder einen Aufstand anzetteln.

Den ersten Angriff wagten die Passauer im Jahr 1298. Doch der Bischof ließ die Rebellen beschießen, bis sie aufgaben. Auch im Jahr 1367 konnte ein Bürgeraufstand die Herrschaft des Bischofs nicht brechen. "Nach diesen großen Aufständen war klar: Die Rollen sind verteilt", sagt Museumsleiterin Buchhold: oben der allmächtige Bischof, unten die Bürger, die sich in ihre Ohnmacht fügten. "Das hat dazu geführt, dass die politischen Verhältnisse in Passau über Jahrhunderte hinweg stabil waren", sagt Buchhold, 45.

Wer frech ist, sieht in den gescheiterten Aufständen bereits den Ursprung einer besonderen Obrigkeitsfurcht, die den Passauern lange nachgesagt wurde. Eine Überinterpretation, kann schon sein, doch ganz bestimmt gehörte Mut dazu, sich in dieser Stadt gegen die Kirche aufzulehnen - und später gegen die CSU. Jener Mut, mit dem bezeichnend viele Passauer aus der Enge ihrer Heimatstadt in die Weite des politischen Kabaretts flüchteten. Ein Besuch auf der Veste Oberhaus lehrt jedenfalls, dass Bruno Jonas und Sigi Zimmerschied nicht die ersten Rebellen waren, die diese Stadt hervorgebracht hat. Was der Besuch auf dem Georgsberg noch lehrt: Dass die Fürstbischöfe die mittelalterliche Burg in der Renaissance zum Residenzschloss ausbauten und im 17. Jahrhundert schließlich zur barocken Festung. Erst Burg, dann Schloss, dann Festung, diesen Wandel dokumentiert die Sonderausstellung "Mächtig prächtig!", die von 8. Juni an im Oberhausmuseum zu sehen sein wird. Für die Sonderausstellung kehren Stücke der Original-Innenausstattung aus den Depots des Bayerischen Nationalmuseums zurück nach Passau.

Dass der barocke Prunk vom Georgsberg verschwand, hatte mit der Säkularisation zu tun. Nach 1802 verlor der Fürstbischof seine weltliche Macht über Passau. Zunächst nutzte Napoleon Bonaparte die Burg als Grenzbastion im Krieg gegen Österreich, nach 1867 war sie dann bayerisches Staatsgefängnis für politische Gefangene und Militärstrafanstalt. Damals, im 19. Jahrhundert, sei das Oberhaus "eigentlich erst eine Veste", geworden, sagt Stefanie Buchhold, die diesen Begriff mit "bastioniertes Schloss" übersetzt. Vor allem die Zeit als Strafanstalt - als gefürchtete "Bastille Bayerns" - habe "das Bild der Burg geprägt: dunkel und abweisend und kalt und feucht", sagt die Museumschefin.

Stefanie Buchhold und Bernhard Forster stehen jetzt zwischen den ältesten Mauern der Veste: unter dem Kreuzrippengewölbe der Georgskapelle, die wohl schon im 13. Jahrhundert hier oben stand, in einer Höhe von rund 100 Metern über der Altstadt. Buchhold zeigt auf die Fresken an Decke und Wänden der Kapelle, die wahrscheinlich um 1400 entstanden. Die Malereien sind deshalb so gut erhalten, weil sie erst im 20. Jahrhundert unter dem Mauerputz entdeckt und freigelegt wurden. Der gotische Freskenzyklus zeigt Patrone des Passauer Bistums.

Vor der Georgskapelle, auf dem inneren Burghof, stand bis zur Barockzeit ein Bergfried, der die übrigen Burgmauern deutlich überragte. Für Museumschefin Buchhold symbolisierte der Turm "das Gefühl der Passauer Bischöfe, sich herauszuheben und ein sehr großes Selbstbewusstsein". Nun, zur 800-Jahr-Feier, "erwächst der Bergfried wieder aus dem Boden", sagt Buchhold, genau wie die ehemalige Zugbrücke - mittels Smartphone-App, die Veste-Besucher bei ihrem Rundgang durch die Burg und über das Freigelände nutzen können. Die App wird im Sommer freigeschaltet.

Neben der Sonderausstellung stehen im Laufe des Jahres noch weitere Veranstaltungen anlässlich der 800-Jahr-Feier an. Den Höhepunkt bildet laut Programmheft das Wochenende vom 20. bis 22. September. Dann findet auf der Veste Oberhaus ein Burgspektakel statt, mit Rittern, Gauklern, mittelalterlichem Markttreiben und Musik. Außerdem wird es Ende Juni wieder Burgenfestspiele geben, mit Oper, Theater und Sinfoniekonzert im großen Burghof. Mit Beginn der Sonderausstellung am 8. Juni wird auch der Aussichtsturm wieder zugänglich gemacht. Den Weg nach oben begleiten 3-D-Projektionen und Modellansichten zur Baugeschichte der Veste Oberhaus. Wer oben angekommen ist, kann mit dem Fernrohr bis nach Kufstein schauen. Wem dieser Blick nicht reicht, der kann alternativ bis ins Weltall schauen. Von der Sternwarte aus, gleich neben dem Aussichtsturm.

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