Olympia in Inzell Inzell träumt von Olympia - aber es regt sich schon Widerstand

Die Max-Aicher-Halle in Inzell ist längst Austragungsort für Eisschnelllauf-Wettbewerbe - von der Weltmeisterschaft bis zu Weltcups. Fehlen nur noch Olympische Spiele.

(Foto: Grombkowski/Getty)
  • Die Tiroler Hauptstadt Innsbruck will sich für die Austragung der Olympischen Winterspiele 2026 bewerben.
  • Innsbruck hat beim kleinen oberbayerischen Ort Inzell angefragt, ob die Gemeinde nicht die Eisschnelllauf-Wettbewerbe austragen will.
  • In Inzell steht ein Leistungszentrum für Eisschnelllauf. Die Strukturen wären also vorhanden. Doch es regt sich bereits Widerstand gegen die Pläne.
Von Johann Osel und Christian Sebald

Bei der geplanten Bewerbung um die olympischen Eisschnelllauf-Wettbewerbe 2026 als Partner von Innsbruck rechnet die oberbayerische Gemeinde Inzell kaum mit Gegenwind. "Wir gehen absolut nicht von größeren Widerständen aus, weil die Anlagen ja so genutzt werden sollen, wie das Ganze bei uns dasteht", sagt der Geschäftsleiter der Gemeinde, Walter Neudecker.

Die Österreicher hätten vor gut vier Monaten angefragt, ob die Gemeinde im Landkreis Traunstein bereit stünde für die Austragung. Klare Ansage sei gewesen, nur auf Bestandshallen zurückzugreifen und nichts Neues zu bauen. Die Max-Aicher-Arena war 2011 Austragungsort der Einzelstrecken-WM und wird dies 2019 sein, dazu gab es dort mehrere Weltcups und deutsche Meisterschaften. "Wir haben die Erfahrung und die Strukturen", sagt Neudecker. Dennoch gibt es bereits Widerspruch.

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Das Österreichische Olympische Komitee (ÖOC) hatte am Montag seine Pläne für eine Bewerbung um die Winterspiele 2026 vorgestellt. In Innsbruck gebe es keine vergleichbare Eishalle, sagte ÖOC-Generalsekretär Peter Mennel. Die knapp 160 Kilometer Fahrstrecke zwischen beiden Orten sei kein Problem. Es gebe die Überlegung für mehrere Olympische Dörfer, eines könnte in Hochfilzen bei Kitzbühel stehen - maximal 40 Minuten Fahrtzeit von Inzell entfernt.

Auch mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) hat das ÖOC Gespräche geführt. Es sei aber nicht geplant, die Deutschen offiziell einzubeziehen. "Es bleiben österreichische Spiele, Inzell wäre eine Art externer Standort." Der DOSB äußerte bereits Wohlwollen: "Es wäre schön, wenn die nach internationalen Standards erbaute Halle in Inzell im Sinne der Nachhaltigkeit für die österreichische Bewerbung genutzt werden kann", heißt es in einer Stellungnahme. Dies sei nicht nur "nachbarschaftliche Hilfe", sondern auch ein Beitrag zur Agenda 2020 des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Danach sollen Bewerber verstärkt auf vorhandene Wettkampfstätten zurückgreifen.

In der 125 000-Einwohner-Stadt Innsbruck, die bereits 1964 und 1976 Winterspiele ausgetragen hat, sollen Bob, Rodeln, Skeleton, Eiskunstlauf, Skispringen sowie die Eröffnungs- und Schlussfeier stattfinden, weitere Orte in Tirol sind vorgesehen, etwa Seefeld für Ski Nordisch. "Mit Tirol wird es nur nachhaltige, regional angepasste sowie wirtschaftlich und ökologisch vertretbare Olympische Spiele geben", sagte Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP).

"Diese Idee gefällt uns", sagt Inzells Verwaltungschef Neudecker. Im Gemeinderat des Ortes mit gut viereinhalbtausend Einwohnern sei der Plan als "gute Sache" beurteilt worden. "Wir wären sicher nicht leichtfertig dabei, wenn es überdimensionierte Anforderungen gegeben hätte." Neudecker verspricht sich weltweite Werbung für Inzell, "das ist eine andere Hausnummer als eine WM".

Zuerst müssen die Tiroler noch Ja sagen

Auch touristisch könnte es Vorteile geben. Derzeit zählt Inzell eine halbe Million Übernachtungen im Jahr, die Auslastung der Betriebe - zuletzt knapp 40 Prozent - könnte besser sein. Möglicherweise benötigt das Stadion Anpassungen. "Auf keinen Fall aber größere Investitionen", sagt Neudecker. Vor acht Jahren wurde über der einstigen Freiluftanlage ein Dach errichtet, das jetzige Stadion fasst 6000 Zuschauer. Der Freilassinger Bauunternehmer Max Aicher sicherte sich per Sponsoring für 20 Jahre das Namensrecht.

Zunächst hängen aber alle Pläne vom Votum der Tiroler Bevölkerung ab. Deren Befragung ist für den 15. Oktober geplant. Auf bayerischer Seite ist kein Bürgervotum vorgesehen. Die deutschen Olympia-Planer waren mit einer Bewerbung für die Winterspiele 2018 und 2022 mit München jeweils gescheitert, einmal an der klaren Ablehnung der Bürger. IOC-Präsident Thomas Bach wünschte sich mit Blick auf 2026 die Rückkehr in eine traditionelle Wintersport-Region, nachdem mit den Spielen 2018 in Südkorea und 2022 in China völlig neue Standorte erschlossen werden.

Was, wenn das Olympische Komitee seine Vorgaben ändert?

Ganz so einfach dürfte eine Inzeller Teilnahme aber nicht werden. Sofort nach Bekanntwerden der Innsbrucker Pläne regte sich erster Widerstand. "Es geht ja nicht nur um die Frage, ob so eine Eislaufhalle vorhanden ist oder nicht", sagt Beate Rutkowski vom Bund Naturschutz im Landkreis Traunstein und Mitglied im Netzwerk Nolympia aktiv, das die Münchner Bewerbung zu Fall brachte. "Unsere Kritik hat immer auf das Gesamtsystem Olympische Spiele gezielt, etwa auf die Knebelverträge, die den Sponsoren immense Einnahmen sichern und das ganze finanzielle Risiko bei den Kommunen abladen." Daran habe sich nichts geändert.

Außerdem kann sich Rutkowski nicht vorstellen, dass Inzell ohne große Investitionen auskäme - "wenn schon nicht in die Eishalle, dann in Hotels und andere Infrastruktur". Der Grünen-Politiker und Nolympia-Sprecher Ludwig Hartmann äußerte sich ebenfalls kritisch. "Seit Vancouver 2010 hat es bei allen olympischen Winterspielen geheißen, dass es grüne und nachhaltige Wettbewerbe werden", sagte er. "Die Realität war ein jedesmal eine ganz andere."

Das IOC könne nach wie vor jederzeit und nach Gutdünken seine Vorgaben für die jeweiligen Sportstätten ändern, die Kommunen müssten sie dann mit Millionenaufwand erfüllen. "Allein deshalb muss man Inzell dringend davor warnen, sich an einer Bewerbung zu beteiligen", sagte Hartmann, "auch wenn die Idee beim ersten Hören schön klingt."

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