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Skepsis um Olympia-Ausrichtung:Die Welt ist von Olympia desillusioniert

FILE PHOTO: The Hungarian Parliament is seen with the Olympic logo at a promotional spot as the Hungarian capital bids for the 2024 Olympic Games, in central Budapest

In Ungarn wird es 2024 keine Spiele geben - die Menschen sind dagegen.

(Foto: REUTERS)

Budapest will keine Spiele im Sommer, Graubünden keine im Winter - Olympia kommt aus der Mode und die IOC-Spitze macht einfach weiter. Es braucht einen radikalen Kulturwechsel.

Kommentar von Thomas Kistner

Das Internationale Olympische Komitee plant eine revolutionäre Neuerung bei der Vergabe seiner Olympischen Spiele. Thomas Bach, den Präsidenten, betrübt ja sehr, dass diese Küren zu viele Verlierer produzieren. Weshalb bei der nächsten IOC-Tombola im Herbst neben der Sommerspielstadt 2024 auch gleich die für 2028 erwählt werden soll.

Davon abgesehen, dass dieser Dreh keineswegs einer spontan entflammten Barmherzigkeit an der IOC-Spitze geschuldet sein dürfte, sondern eher der Absicht, Donald Trump nicht zu verärgern, dessen Amerika ja mit Los Angeles um die Spiele buhlt: Die Reise zum Wahlkonvent in Lima können sich die verbliebenen Bewerber nun sparen. Budapest hat gerade zurückgezogen. Damit stehen nur noch Los Angeles und Paris im Ring. Gratulation! Und wer als Erster darf, lässt sich jetzt ja kostenschonend per Whatsapp auskarteln.

Die Schieflage des IOC ist schon grotesk. Und sie ist hausgemacht. Das zeigt die erstaunliche Regionalserie, die ab 2018 ansteht. Dann steigen Asiendauerspiele im 1000-Kilometer-Radius: Winter 2018 Südkorea, Sommer 2020 Japan, Winter 2022 China. Wenn zudem die Sommerspiele bis 2028 an Los Angeles und Paris verteilt sind, juckt das Thema Olympiabewerbung über die nächsten sieben, acht Jahre keinen mehr.

Es braucht keine Fensterreden mehr

Was nicht für die visionäre Kraft des Ringeclans spricht: Olympia kommt aus der Mode, dazu tragen auch die Doping-Spiele von Sotschi und Rio bei. Dass man den frommen Sportfunktionären nicht trauen darf, ist bekannt; dass das auch für Olympias Medaillenspiegel gilt, wo dank verfeinerter Doping-Nachtests die Rankings wie die Lottozahlen in Bewegung sind, ist eine Erfahrung der letzten Monate und vertieft die Desillusionierung.

In Budapest haben die Bürger jetzt kistenweise Unterschriften gegen Olympia auf die Straßen gepflanzt. Wenige Tage zuvor haben die Bürger im Schweizer Graubünden abgewunken. Hohe Kosten, Zweifel an Integrität und Nachhaltigkeit der Spiele, dazu die Hybris schillernder Funktionäre, die zunehmend in den Fokus von Strafbehörden rund um den Globus rücken. Da braucht es keine Fensterreden mehr und auch keine wachsweiche Agenda 2020, die sich Bachs IOC selbst gebastelt hat. Was es braucht, ist ein Kulturwechsel in der Sportführung - im IOC wie auch im anderen Affärenverband, der Fifa. Da wie dort können nur Leute aufsteigen, die alle Schichten dieses Milieus durchwatet haben und bis oben durchgereicht wurden. Eine Art freiwillige Selbstkontrolle der internationalen Sportkameradschaft. Wird diese Systematik nicht durchbrochen, ist keine Wende in Sicht.

Nein, es liegt nicht an Olympia, es liegt nicht an den Spielen. Es liegt an den Figuren, die sie offenbar besitzen.

© SZ vom 24.02.2017/jbe
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