Nürnberger Fernmeldeturm:Söder und das Ei aus Schweinau

Nürnberg zur blauen Stunde

Mit fast 293 Metern ist der Fernmeldeturm im Nürnberger Arbeiterviertel Schweinau das höchste Bauwerk im Freistaat Bayern.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Der Nürnberger Fernmeldeturm ist nicht nur das höchste Bauwerk in Bayern - sondern auch eines der traurigsten. Seit 20 Jahren ist die Plattform verwaist. Vor der Landtagswahl erklärte sich CSU-Politiker Söder zum Retter des Eis aus Schweinau. Doch die Rundumerneuerung dürfte Millionen kosten.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Die Nürnberger Leser der Bild wurden von Markus Söder rechtzeitig in Kenntnis gesetzt und rechtzeitig, das bedeutete in dem Fall: wenige Tage vor der Landtagswahl. "Nach 21 Jahren: Fernmeldeturm bald wieder geöffnet", ließ der Finanzminister exklusiv mitteilen, und wer das für eine weniger aufregende Geschichte hält, der hat möglicherweise die Ausmaße dieses Kolosses nicht ganz auf dem Schirm. Es handelt sich immerhin um das höchste Bauwerk in Bayern, höher noch als der Olympiaturm in München.

Nebenher ist der Turm im Nürnberger Arbeiterviertel Schweinau auch einer der traurigsten Bauten Bayerns, denn nach oben fahren und von dort einen Blick in Richtung Kaiserburg werfen kann man schon seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. Aber dafür gibt es ja Söder, der in der Nähe des Nürnberger Funkturms aufgewachsen ist - und dort auch seinen Stimmkreis hat. Was die rührende Turmretter-Geschichte so kurz vor der Wahl besonders wertvoll machte. Bis Weihnachten, so ließ Söder also im September wissen, werde er "mögliche Mitstreiter an einen Tisch bringen".

Das Ziel sei ein Restaurant mit Rundblick. Und möglichst "eine Ausstellung zu den Themen Internet und Digitalisierung", denn das passe so gut in die verwaiste Plattform. Wobei er als Hauptmitstreiter das Landesamt für Vermessung nannte, das praktischerweise dem Finanzministerium unterstellt ist. Dieses aber mag nach Weihnachten ebenso wenig über die Sache reden wie die Deutsche Telekom, die über eine Tochter namens Deutscher Funkturm immerhin Eigentümer des 292,8 Meter hohen Bauwerks ist. Auf Anfrage aber lakonisch mitteilt: "Gespräche wurden bisher keine geführt." Was für eine Exklusivmeldung nun vielleicht nicht richtig taugen mag. Als Detail für eine Beschreibung des Phänomens Söder aber gar nicht uninteressant ist.

Wobei sich Markus Jodl, Sprecher der Deutschen Funkturm, überhaupt nicht wundert, dass in der Sache nichts vorangeht. Denn um in den ovalen Turmkorb zu gelangen, in Franken unter dem Namen "Nürnberger Ei" bekannt, bedürfe es einer Rundumerneuerung: Brandmeldeanlage, Klimatechnik, Personenaufzug - alles marode. "Die erste Tasse Tee, die Sie dort oben trinken, dürfte einen Millionenbetrag kosten", schätzt Jodl. Und das mit ungewissem Erfolg, immerhin liege Schweinau etliche Kilometer entfernt vom Stadtzentrum und gehöre eher nicht zu den Vierteln, in die sich Touristen freiwillig verlaufen.

Nicht umsonst sei der Betrieb eines Drehrestaurants 1993 eingestellt worden. Trotz wechselnder Pächter und unterschiedlicher Angebote. Eines, sagt Jodl, werde die Telekom daher gewiss nicht tun: Geld für ein wie auch immer geartetes Etablissement in Nürnberg-Schweinau in die Hand nehmen. "Das gehört nicht zu unserem Kerngeschäft."

Bliebe also Söder. Als der nach der Landtagswahl ein Haus für das neue Heimatministerium suchte, spottete ein Parteifreund: "Soll er doch in den Funkturm ziehen." Das will Söder nicht machen. Und gibt sich einsilbig, was er stattdessen vorhat mit dem Ei aus Schweinau. "Aufgrund der Koalitionsverhandlungen", sagt er, hätten sich die Gespräche über den Turm von Nürnberg "verzögert". Nächster Gesprächstermin: Januar. Womöglich aber auch erst Anfang März. Dann stünden wieder Wahlen ins Haus.

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