Nürnberg Wer die Akten liest, spürt förmlich, wie angefixt die LKA-Beamten waren

Nein, Hallodri war F. in seiner kriminellen Berufsbiografie eher nicht, eher schon Halunke. Ein Mann mit 13 Vorstrafen. Wenn auch einer, der auf eines höchsten Wert legt: Bösartigkeiten, zum Beispiel irgendwas mit Gewalt, gab es mit ihm nie. Wer einmal das Vergnügen hatte, mit F., dem Ex-Bandido, telefonieren zu dürfen, der ahnt, dass F. in der Sache keinen Spaß versteht. Fahrlässiger Vollrausch, Beihilfe zur Untreue, fortgesetzte Hehlerei und Betrug? Soll sein, soll sein. Aber Leuten wehtun, das hat F. nie gemacht und das hätte er nie gemacht, selbst wenn ihn die Chefs bei den Bandidos gezwungen hätten. Klarer Ehrenkodex.

Aber Minibagger in Dänemark klauen, gemeinsam mit den Kollegen von der Rockergang Bandidos? Das hat er eben schon gemacht. Und an der Stelle nun berühren sich die Geschichten von Mario H., den sie im LKA hinter seinem Rücken "Super-Mario" nennen, halb im Ernst, halb aus Frotzelei - und Mario F., den sie bei den Bandidos in Regensburg "Honecker" genannt haben, ganz im Spott, weil F. ein zartes Ostidiom pflegt, keines aber aus Ostbayern.

Vor Gericht LKA-Mann weist Vorwürfe um Baggerdiebstahl der Bandidos zurück
Prozess in Nürnberg

LKA-Mann weist Vorwürfe um Baggerdiebstahl der Bandidos zurück

Sechs Beamte stehen derzeit vor Gericht, weil sie die Straftat eines Spitzels in Kauf genommen haben sollen. Einer der Hauptbeschuldigten räumt "Fehleinschätzungen" ein.   Von Olaf Przybilla

Wie kamen diese beiden zusammen? Es war so: Das LKA wurde auf F. aufmerksam, weil der alles mitzubringen schien, was ein Spitzel im Auftrag des Staates braucht, und sich auch noch guter Kontakte zu den Bandidos brüstete. Anfangs sprudelte die Quelle eher mau, dann aber arbeitete sich F. zum Chauffeur des Regensburger Chef-Bandidos empor, ausgestattet mit einem vom LKA geleasten Mercedes.

Wer die Akten liest, spürt förmlich, wie angefixt die LKA-Beamten fortan waren, es fehlte nur noch, dass sie einen neuen Super-Mario ausriefen. In Regensburg bahnte sich zu der Zeit ein großes Ding an, es stand zu erwarten, dass der Bandido-Chef ausgerechnet zum befeindeten Rocker-Clan überläuft, das wäre ein Knaller gewesen. Und das LKA hätte quasi live dabei sein können, über Mario, den V-Mann, der dem LKA immer lieber, wenn auch immer teurer wurde. Egal: Mario sprudelte.

Wer wann was angeordnet hat im LKA, als F. ankündigte, dass da ein Coup in Dänemark bevorsteht - das ist Gegenstand dieses Prozesses in Nürnberg. Im Kern geht es darum: Polizeibeamte sind dem Legalitätsprinzip verpflichtet, das heißt, sie müssen Einhalt gebieten, wenn sie von einer bevorstehenden Straftat erfahren. Die Staatsanwaltschaft aber nimmt an, dass keiner der Beamten das getan hat; dass sie - um ihre Quelle zu schützen - geschwiegen, womöglich den Bagger-Diebstahl gar forciert und hernach, als einfache Kriminalbeamte sozusagen dazwischenfunkten und den Bagger-Raub unterbanden, alles dafür getan haben, um zu vertuschen, dass sie vorab davon gewusst haben.

Zurück in den Gerichtssaal, wo H. endlich aussagen und einiges klarrücken will. Erstens: Als diese Sache mit den Baggern im Schwange war, da sei er Abteilungsleiter gewesen. Führungsverantwortung für 160 Mitarbeiter, die mit Organisierter Kriminalität zu tun haben, Waffenhandel, Sprengstoff, solche Sachen. Noch mal klarer: Als gerade ein V-Mann irgendwas über Mini-Bagger und Dänemark fabulierte, da habe sich die von ihm geführte Abteilung um Ecclestone und die Hypo Alpe Adria kümmern müssen, sagt H. Um über jeden Einzelvorgang informiert zu sein, "hätte ich 48 Stunden am Tag gebraucht".

Zweitens: Als er dann tatsächlich etwas vom bevorstehenden Bagger-Coup mitbekommen habe, da habe er den für eine Finte der Bandidos gehalten. Machen sie öfters: Wenn sie fürchten, dass ein Member vom LKA bezahlt wird, informieren sie diesen über einen bevorstehenden, nur angeblich kriminellen Coup. Die Polizei unterbindet die Aktion, weil der Spitzel sie Ermittlern durchgestochen hat. Am Ende ist der Spion enttarnt und die Bandidos drehen den Ermittlern eine lange Nase. Nur: Dieser Baggerdiebstahl war eben echt. "Das war eine Fehleinschätzung", sagt Mario H., "aber ich bin kein Mensch ohne Fehler."

Drittens: Ja, er habe Mario F. kennengelernt, aber erst nach der Bagger-Sache. Als der Coup aufflog, hätten plötzlich 70 Beamte gewusst, dass F. ein Bandido-Spitzel ist. Irgendwer quatsche immer, also sei das hochgefährlich gewesen. Darüber habe er F. persönlich in Kenntnis setzen wollen, als Treffpunkt wählte man eine Münchner Kneipe. Er sei beeindruckt vom Bandido F. gewesen, sagt H., "eloquent und selbstreflexiv" sei dieser. Aber ihn zu irgendwas angestiftet, nein, das habe er gewiss nie.

Im Dezember werden sich H. und F. erstmals seit dem Treffen wiedersehen, diesmal im Gerichtssaal in Nürnberg. Das Urteil über H. wird frühestens im März ergehen. Was der Ex-Bandido als Zeuge vor Gericht aussagt, das dürfte von entscheidender Bedeutung sein für die Karriere des derzeit suspendierten Spitzenermittlers.

Vor Gericht LKA-Beamte vor Gericht: Die "Keuschheitsprobe" der Bandidos

Prozess

LKA-Beamte vor Gericht: Die "Keuschheitsprobe" der Bandidos

Mithilfe eines V-Manns wollten die Männer in der Rockerbande ermitteln. Um ihr Vertrauen zu gewinnen, sollen sie einen Baggerdiebstahl nicht verhindert haben. Nun sagte einer der Angeklagten in Nürnberg aus.   Von Olaf Przybilla