Naturschutzbehörde:Von frischer Luft keine Spur

Gewerbegebiet Irschenberg

800 Arbeitsplätze und 3,5 Millionen Euro Gewerbesteuer: Das Gewerbegebiet Irschenberg ist für die Gemeinde ein Segen.

(Foto: Manfred Neubauer)
  • Irschenberg zählt zu einer der reichsten Gemeinden in der Region. Das liegt auch an dem riesigen Gewerbegebiet an der Autobahn.
  • Bei der Einrichtung und dem Ausbau des Gebiets hat auch die Untere Naturschutzbehörde des Landratsamts mitzureden.
  • Die Referenten sind jedoch mehr mit Gutachten und Stellungnahmen beschäftigt, als mit dem Naturschutz.

Von Christian Sebald, Miesbach

Eine riesige Kaffeerösterei samt Café, Fastfood-Restaurants und die weitläufige Raststätte, dazu ein Konglomerat aus Industriehallen, in denen eine Elektronikteile-Firma, ein Schokoladen-Hersteller und dergleichen mehr Unternehmen residieren: Das ist das Gewerbegebiet Irschenberg. Jeder, der die Salzburger Autobahn entlangbraust, muss daran vorbei.

Für Irschenberg ist das Gewerbegebiet, das sich seit 15 Jahren immer weiter in die Landschaft frisst, ein "Segen", wie Bürgermeister Hans Schönauer sagt. 800 Arbeitsplätze, 3,5 Millionen Euro Gewerbesteuer im Jahr, Irschenberg zählt zu den reichen Gemeinden in der Region.

Acht Kilometer Luftlinie entfernt in Miesbach hat Josef Faas, 53, blond, hochgewachsen, sein Büro. Der studierte Landespfleger ist Naturschutzreferent an der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) des Landratsamts Miesbach. Als solcher ist er von Amts wegen auch für das Irschenberger Gewerbegebiet zuständig. Bürgermeister Schönauer lobt Faas in höchsten Tönen. "Unser Naturschutzreferent hat sich immer sehr für unser Gewerbegebiet eingesetzt", sagt Schönauer. "Er ist kompetent, grundehrlich und sehr offen. Er hat uns von Anbeginn die Wege aufgezeigt, damit unserem Gewerbegebiet aus Sicht des Naturschutzes nichts entgegensteht."

Die UNB sind die unterste Ebene des staatlichen Naturschutzes in Bayern. Sie sind an den 71 Landratsämtern und den 25 kreisfreien Städten im Freistaat angesiedelt. Ihre Aufgabe ist die korrekte Umsetzung der Naturschutzgesetze des Freistaats, des Bundes und der EU. Die UNB gehören zu den kleinen Behörden im Freistaat. 23 der 71 Landratsämter verfügen über je drei Naturschutzreferenten, 48 nur über je zwei - und zwar seit vielen Jahren, wenn nicht seit einigen Jahrzehnten.

Viele Leuten denken ja, so ein amtlicher Naturschutzreferent hat einen Traumjob. Der ist meist draußen an der frischen Luft in der schönen Landschaft und kümmert sich dort um Zauneidechsen, Haselmäuse, Schwalben und anderes Getier. Außerdem sorgt er sich um die Naturschutzgebiete und Biotope in seiner Region, organisiert Pflanzaktionen und bekämpft den Riesenbärenklau und andere Neophyten. Und natürlich, auch das denkt ein jeder sofort, wirbt so ein staatlicher Naturschützer bei jeder Gelegenheit für den Umwelt- und den Landschaftsschutz.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Das fängt beim Draußensein an der frischen Luft und in der schönen Landschaft an. Die Zeiten, in denen Faas regelmäßig auf Ortsterminen unterwegs war, sind lange vorbei. Meist sitzt er von früh bis spät in seinem Büro oder in Sitzungsräumen. Und seine Arbeit hat immer weniger mit dem klassischen Naturschutz zu tun. Dafür umso mehr mit Gutachten und Stellungnahmen. Zu Gewerbegebieten wie dem in Irschenberg, zu neuen Wohngebieten, zu Lärmschutzwällen und zu Hochwasserschutzprojekten. Aber auch zu den vielen neuen großen Ställen und anderen Betriebsgebäuden, welche die Bauern mitten in die Landschaft stellen wollen. Sie alle muss Faas prüfen und beurteilen.

Gutachten statt Naturschutzrecht

Naturschutzreferenten sind Beamte mit einer 40-Stunden-Woche und 1594 Stunden Jahresarbeitszeit. 506 Stunden oder 32 Prozent davon, so hat es die Personalabteilung des Landratsamts Miesbach einmal ausgerechnet, gehen allein für Gutachten und Stellungnahmen drauf, die nichts mit dem Naturschutzrecht zu tun haben. Gleichwohl sind sie der größte Posten von Faas' Jahresarbeitszeit. An anderen Landratsämtern ist das nicht anders, sagen Experten.

Die zweite, sehr zeitintensive Aufgabe von Faas hat nur indirekt mit Naturschutz zu tun. Sie ist die Abwicklung von Förderprogrammen. Die Profiteure sind zumeist Bauern. Sie erhalten Geld dafür, wenn sie ihre Wiesen erst mähen, nachdem die Blumen darauf verblüht sind. Oder wenn sie Büsche, Hecken und Hage pflegen, damit Insekten, aber auch Hasen, Rehe und Vögel dort Unterschlupf finden. Für viele Landwirte sind die Förderprogramme ein willkommener Zusatzverdienst. Aufs Jahr gesehen verschlingt ihre Abwicklung 327 Stunden oder gut 20 Prozent der Arbeitszeit von Faas.

Erst an dritter Stelle in Faas' Zeitbudget folgt der klassische Naturschutz, der "fachliche Arten- und Biotopschutz", wie er auf Amtsdeutsch heißt. 260 Stunden im Jahr oder knapp 19 Prozent seiner Arbeitszeit verwendet Faas auf die Kartierung von Biotopen, die Ausarbeitung von Managementplänen für das europäische Schutzgebietsnetz Natura 2000, die Koordination von Artenschutzprojekten und anderes mehr. Dabei war es einst diese fachliche Arbeit, wegen der Faas wie viele seiner Kollegen an die UNB gegangen ist. Die übrige Jahresarbeitszeit verteilt sich auf interne Verwaltungstätigkeiten, Öffentlichkeitsarbeit und Ähnliches, wie sie in anderen Behörden ebenfalls anfallen.

Was den Arbeitsanfall insgesamt anbelangt, geht es den UNB wie anderen Behörden. Er steigt permanent an, vor allem bei den Bausachen. Der Grund sind immer neue Vorschriften und Vorgaben, mit denen Verwaltungen generell konfrontiert sind. Der Landkreis Miesbach hat deshalb schon vor vier Jahren auf eigene Rechnung eine zusätzliche halbe Stelle an der UNB geschaffen - obwohl dies eigentlich Aufgabe des Freistaats wäre. Doch der verweigert sich, obwohl die Staatsregierung vor bald 20 Jahren beschlossen hat, jede UNB mit drei Naturschutzreferenten auszustatten.

Erst kürzlich unternahm die Staatsregierung unter Noch-Ministerpräsident Horst Seehofer einen neuen Anlauf und wollte an acht UNB je eine zusätzliche Planstelle schaffen. Die CSU-Fraktion sträubte sich abermals. Erst auf Druck des designierten Ministerpräsidenten Markus Söder lenkte sie ein.

Dabei, so sagen selbst CSU-Politiker wie der Deggendorfer Landrat und Landkreistag-Chef Christian Bernreiter, sind auch die verbleibenden 40 zusätzlichen Planstellen überfällig. "Die UNB", sagt Bernreiter, "sind nicht nur wichtig für den Naturschutz. Sondern auch dafür, dass die Wirtschaft funktioniert." In Irschenberg setzt Bürgermeister Schönauer darauf, dass der Naturschutzreferent Faas ihn weiter bei allen Fragen rund um das Gewerbegebiet an der A 8 unterstützt.

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